Abarth 595 Competizione im Handelsblatt-Test: Eine Tonne Fahrspaß, bitte!

Abarth 595 Competizione im Handelsblatt-Test: Eine Tonne Fahrspaß, bitte!

, aktualisiert 13. April 2017, 09:13 Uhr
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Abarth zeigt mit dem 595 Competizione, dass man 180 Pferde auf weniger als vier Metern unterbringen kann. Ernst zu nehmend viel Raum für mehr als zwei Mitfahrer bleibt dabei freilich nicht.

von Florian Hückelheim und Frank G. HeideQuelle:Handelsblatt Online

Über den Sinn von 180 PS in einem Kleinwagen lässt sich streiten, über das breite Grinsen der Menschen darin aber nicht. Dieses Mobil ist eine Flucht aus dem Alltag – allein schon deshalb, weil es kaum alltagstauglich ist.

DüsseldorfAbarth hat es geschafft: Ich fühle mich dick. Mit meinen quasi italienischen Maßen von 60 Kilogramm auf 1,70 Metern Länge will das schon etwas heißen, wenn ein Sitz so eng ist, dass es sich so anfühlt als hätte ich meine Hüfte in einen Schraubstock eingespannt. Positiv formuliert: Dieser kräftige Fiat 500, genannt 595 Competizione, zeigt mir auf seine Art, dass er mich nicht mehr gehen lassen mag. Im Laufe der Testfahrten werde ich feststellen müssen, dass auch ich mich nur ungern von ihm trenne – und das liegt nicht nur an den 890-Euro teuren Sabelt-Schalensitzen mit Carbon-Rücken aus der Aufpreisliste.

Was das Leistungsgewicht anbelangt, ist der gelbe Express-Briefkasten laut Hersteller mit 5,8 Kilogramm Fahrzeugmasse pro PS (6,36kg/PS laut Leergewicht nach EU-Richtlinie) besser unterwegs als ein 50 PS stärkerer Audi TT, ein 12 PS stärkerer Mini Cooper S oder ein noch viel stärkerer Porsche Cayenne S Diesel. Zugegeben: Zumindest der Vergleich mit letzterem hinkt, ärgern kann man alle drei aber trotzdem – in der Stadt und auf der Autobahn. Wo der Konkurrenz lästige Pfunde Zeit bei der Beschleunigung rauben, glänzt der Hosentaschen-Ferrari mit Leichtbau in Alu und lackiertem Hartplastik, sowie einzelnen Carbon-Elementen und noch mehr Plastik im Innenraum.

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Wer mehr Carbon will, muss den knapp 40.000 Euro teuren 695 Biposto wählen und erhält dafür einen ausstattungsbereinigten Zweisitzer mit 190 PS auf weniger als 1.000 Kilogramm. Mit Alltag hat der dann jedoch wirklich nichts mehr zu tun und ein bisschen Alltag muss der Testwagen schon aushalten. Also: Auf zum Brötchenholen im 595 Competizione.

Sofort fällt auf: Für viel mehr ist der Kleine kaum zu haben, denn es genügt schon ein Blick in den Kofferraum, um ihn zu füllen. 185 Liter sind laut Werksangabe möglich. Realistisch sind zwei Sechserpacks mit Anderthalbliterflaschen plus eine kleine Einkaufstasche das Maß der Dinge; alternativ tun es zwei Kästen Mineralwasser. Oder eben eine Tüte Brötchen auf dem Beifahrersitz, wenn gerade niemand da ist, dem man ein verschmitztes Grinsen auf die Lippen fahren kann. Dabei kommt mir der Gedanke: Wer hat eigentlich gesagt, dass man immer gleich zum nächsten Bäcker fahren muss? Ein paar Kilometer weiter gibt es bestimmt auch gute Brötchen...

Deshalb ab auf die Landstraße. Hier zeigt sich der 1.4-Liter-Reihenvierzylinder mit Turbo-Aufladung als klassischer Turbomotor. Unter 2.000 Touren geht bei ihm nicht viel. Er braucht Drehzahl, und davon nicht zu knapp: Bei 3.000 Kurbelwellenumdrehungen liegt das maximale Drehmoment von 250 Newtonmeter an, was man beim Beschleunigen definitiv merkt. Dann macht das gelbe Kugelblitzchen einen Satz nach vorne. Tritt man das Gas kurz vor dem Kurvenausgang voll durch, reißt der Motor mit seiner Kraft sogleich an den 17-Zöllern der Vorderachse und, wenn man nicht aufpasst, einem danach das Lenkrad aus der Hand.

Bei 5.500 Umdrehungen liegen schließlich die vollen 180 PS an und wer bis dahin aufs Schalten verzichtet hat, weil das Getriebe mit seinen lediglich fünf Vorwärtsgängen und langen Schaltwegen nicht gerade dazu einlädt, der dreht den kleinen Motor noch bis circa 6.200 Touren weiter und wartet auf das Begrenzer-Lämpchen. Dass sich Passanten bei so viel Drehzahl auch noch in hundert Meter Entfernung wegen des Lärms umdrehen, kann man als Fahrer nur Kompliment an die Record Monza-Auspuffanlage verstehen.

Mit dem eigenen Adrenalinspiegel steigt natürlich auch der Durst des 595 – 14 Liter pro 100 Kilometer, bei gemütlicher Fahrweise 8,5 Liter. In unter sieben Sekunden (6,7 Sek.) erreicht der werksgetunte Fiat die 100 Stundenkilometer. Das Getöse, das die vierflutige Auspuffanlage dabei ausstößt, lässt alles noch viel schneller wirkt. "Holla, was hat man denn dem Kleinen gegeben", frage ich mich angetan vom Klang, als ich zum ersten Mal ordentlich Gas gebe. "Sind wir ein bisschen aggressiv bei Abarth, oder gehört das so?"

Und wo wir schon beim Fragen sind: Was passiert, wenn ich hier drücke? Es ist die Sporttaste, die unweit vom Scheibenwischerhebel und dem schlecht zugänglichen Zündschloss im Armaturenbrett wartet. Sie kommt recht unscheinbar daher, bewirkt aber immerhin eine Ladedruckerhöhung von geschätzten 0,3 bar und einen eher anliegenden Maximaldruck. Hinzu kommt, dass das Gaspedal im Sportmodus empfindlicher reagiert, was man unter anderem daran erkennt, dass man per Knopfdruck bei derselben Pedalstellung in zwei Geschwindigkeiten fahren kann, wenn man will.

Bevor mein Blick weiter durch den Innenraum wandert, macht der Landstraßenritt Appetit auf mehr Tempo. Die 100 km/h sind viel zu schnell erreicht. „Du willst es doch auch“, sprotzelt es jedes Mal dreckig aus den Endrohren, wenn ich kurz Vollgas gebe, den Ladedruck auf ein bar oder mehr ansteigen lasse, um das Pedal sofort wieder zurückschnacken zu lassen. Ein herrlich unanständiger Ton für 1,4 Liter Hubraum. Mehr davon.

Während mir auf der Landstraße oder in der Stadt nur manchmal Blicke zuflogen, kleben einige Augenpaare auf der Autobahn nur so an dem Abarth; vor allem die von jenen Fahrern, die ich beinahe spielerisch vor mir hertreibe. Wer genau hinsieht, entdeckt da zuerst einmal die Bi-Xenon-Scheinwerfer (900 Euro Aufpreis), die in dieser Klasse eher unüblich sind. Deutlich unscheinbarer ist der Abarth-Schriftzug im großen Lüftungsgitter der Frontschürze. Er ist leider kaum lesbar, und wenn er es wäre, gefiele er mir in Spiegelschrift sogar fast besser. Da weiß der Vordermann wenigstens, wer ihn gleich auf die rechte Spur komplimentiert.


Ungläubige Blicke jenseits der 200 km/h

Bei Tempo 120 ist die Welt der Dienstwagenfahrer noch in Ordnung. Ich stelle fest: Wenn ein Fiat 500 von hinten anfährt, verbietet sich das Platzmachen offenbar von selbst, sofern man einen Mittel- oder Oberklassewagen pilotiert. Beim Zwischensprint auf 160 beginnen dann langsam die rückversichernden Blicke, ob der Kleinwagen von eben einfach nur noch sehr groß im Rückspiegel erscheint oder ob er tatsächlich noch hinter einem klebt.

Dann ist der Ehrgeiz der meisten Autobahn-„Bekanntschaften“ geweckt: Sie wollen den prollig dröhnenden Dreitürer in seine vermeintliche Schranken verweisen. Bis 188 km/h kommt ein normaler Fiat 500 laut Datenblatt noch mit, deshalb sind die 200 nun also Pflicht. Dumm nur, dass der Abarth im Sportmodus und bei freier Fahrt schneller dort ist als die meisten 150- oder 170-PS-Diesel. Spätestens bei Tempo 220 fragen sich die Verbliebenen, warum sie immer noch eine gelbe Wand statt eines gelben Punkts im Rückspiegel sehen. Die Blicke beim folgenden Überholen sind unbezahlbar. Ja, so ein Verhalten ist billig, wahrscheinlich peinlich, Männergehabe, befriedigt niedere Instinkte. Doch wer ab und zu darauf steht, der sieht es mit dem Einstiegspreis von 24.990 Euro auch nicht mehr so eng.

Bei der Hatz über die Autobahn kommt das Koni-Sportfahrwerk, unglücklich vom 2,30-Meter-Radstand unterstützt, spürbar an seine Grenzen. Glattbügeln tut der Abarth nicht eine Bodenwelle, nicht einen Brückenübergang, und er folgt willig auftauchenden Spurrillen. Mit steigendem Tempo wird er zunehmend nervöser, hart ist er immer. Man säße wie auf einem Stein, bemerkt Kollege Lukas Bay nach einer Fahrt treffend.

Das gilt auch für Fahrten durch die Stadt. Korrekturen am minimal zu groß geratenen Sportlenkrad mit seinen schön anzufassenden Carbon-, Alcantara- und Glattledereinlagen sind jederzeit möglich, aber nicht für jeden Fahrer gleich leicht. Wie die beiden Vordersitze ist das Volant nicht in der Höhe verstellbar. Langbeinige aber kurzarmige Piloten zwingt das zu einer unangenehm hohen und lenkradnahen Sitzposition. Zeitgemäß ist anders, das gilt auch für manche Details im Innenraum.

Da wäre zuerst die Zahl Fünf auf dem angenehm hoch positionierten Schaltknüppel: Hat Fiat hier einfach nur einen Gang vergessen und, um das zu kaschieren, einfach ein paar extra lange Schaltwege eingebaut? Hoffentlich nicht. Wer es mit dem Zusatz „Competizione“ wirklich ernst meint, hätte hier eine knackige Sechsgang-Box eingesetzt. Dass das möglich ist, zeigt unter anderem die Top-Motorisierung des Serien-Fiat-500.

Beinahe schon wieder charmant statt veraltet ist diese Ausstattung, denn irgendwie passt sie ins Gesamtbild: Der 595 ist quasi frei von jeglicher Automatik. Abblendlicht, Fernlicht und Scheibenwischer reagieren ganz klassisch und ausschließlich auf Tastendruck.

Die Materialauswahl und -verarbeitung ist klassenüblich, Carbon- und Alcantara-Details lassen das Interieur im Alltag allerdings wertiger wirken als es die Plastikfülle zunächst vermuten lässt. Beim Rückwärtseinparken hört man ferner nur das Wummern des Klappenauspuffs. Für 390 Euro gäbe es zwar Abstandssensoren fürs Heck, brauchen tut die bei einem Fiat 500 niemand so wirklich.

Die größte Umstellung neben der Tatsache, dass man mit langen Armen vom Fahrersitz aus fast an die Rückenlehnen der Hinterbänkler greifen kann, ist einzig das fehlende Piepsen, wenn man sich einem Hindernis nähert. Und der überraschend große Wendekreis. Er fühlt sich in der Praxis deutlich mehr nach zwölf Metern an als nach den offiziellen 9,5 Metern. Gefühlt ist der schmale Wagen in engen Parkhäusern kaum wendiger oder praktischer als ein Kombi oder SUV.

Ein ähnliches Gefühl kommt bei der Bedienung des Navigationssystems auf. Die aktiven Schaltflächen bei der Adresseingabe sind oft viel zu klein und zu nah aneinander positioniert. Das verpflichtet förmlich zum Anhalten, denn während der Fahrt sind schon die einzelnen Funktionstasten (Radio, Navi, Einstellungen, etc.) am unteren Bildrand kaum treffen. Die Sprachsteuerung zeigt sich zumindest ab und zu hilfsbereit. Wenn man die Adresseingabe auf dem Weg seiner Wahl schafft, arbeitet das System mit Tom-Tom-Kartenmaterial zuverlässig und das Beats-Audiosystem (450 Watt, 690 Euro) verwöhnt die Passagiere nebenbei mit satten Klängen.

Fazit: Der Abarth 595 Competizione ist nicht nur ein reines Spaßfahrzeug, er ist – eher wie manche Motorräder – sogar nur ein Spaßfahrzeug für die Kurzstrecke, für die abendliche Runde auf der Hausstrecke oder für den Ausflug zur Eisdiele. Bei kurzen Strecken macht er seine Fahrerin oder seinen Fahrer um einige Jahre jünger. Geht es mit ihm länger als eine Stunde dröhnend über die Autobahn, pellt man sich im Anschluss um Jahrzehnte gealtert aus den Sitzschalen. Übelnehmen kann ich ihm das nicht: Nie stande ich schneller und breiter grinsend in der Schlange beim Bäcker – im Nachbarort.


Technische Daten

Abarth 595 Competizione


Technische Daten

MotorReihenvierzylinder mit Turboaufladung
Hubraum1.368 cm³
Leistung132 kW / 180 PS bei 5.500 U/min
Max. Drehmoment250 Nm bei 3.000 U/min
AntriebVorderradantrieb
Getriebe5-Gang-Handschalter
Preisab 24.990 Euro

Maße und Gewichte

Länge3.660 mm
Breite1.627 / 1.893 mm
Höhe1.485 mm
Radstand2.300 mm
Zul. Gesamtgewicht1.480kg
Leergewicht1.145 kg
max. Zuladung315 kg
Tank35 Liter
Stauvolumen185 - 610 Liter
Spurkreis9,5 Meter

Fahrleistungen

Höchstgeschwindigkeit225 km/h
Beschleunigung 0 - 100 km/h6,7 Sek.

Verbrauch & Emissionen

Innerorts7,6 l / 100 km
Außerorts4,7 l / 100 km
Kombiniert5,8l / 100 km / 134 g/km
AbgasnormEuro 6
Quelle:  Handelsblatt Online
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