Accenture-Experte Richard Lumb: „Das Dogma der Blockchain ist realitätsfern“

Accenture-Experte Richard Lumb: „Das Dogma der Blockchain ist realitätsfern“

, aktualisiert 19. September 2016, 20:30 Uhr
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Lumb ist der globale Leiter der Financial Services-Praxis von Accenture.

von Richard LumbQuelle:Handelsblatt Online

Die Finanzwelt setzt Hoffnung auf die Blockchain-Technologie, um Transaktionen günstig abzuwickeln und lange speichern zu können. Doch das ewige Gedächtnis der Technik kollidiert mit anderen Interessen. Ein Gastbeitrag.

Eine der anerkannten Stärken der Blockchain ist, dass sie über ihre Distributed Ledger-Struktur Transaktionsdaten dauerhaft und unveränderlich hinterlegt. So ist jede der mehr als 160 Millionen Bitcoin-Transaktionen, die seit dem Start der Kryptowährung 2009 stattgefunden haben, so lange in den Kontobüchern festgeschrieben wie Bitcoins existieren.

Der dauerhafte Fortbestand aller Daten war sicherlich unerlässlich für den Aufbau von Vertrauen in eine dezentral organisierte Währung, die inzwischen von Millionen Menschen genutzt wird. Zugleich könnte er sich aber als Hemmschuh für den Einsatz der Technologie in anderen Bereichen der Finanzwirtschaft erweisen, auf die sich weltweit Milliarden von Nutzern verlassen. Angesichts der Kollision mit neuen Datenschutzregelungen wie dem Recht auf Vergessen und fehlender Möglichkeiten, menschliche Fehler oder kriminelle Handlungen effizient zu korrigieren, könnte die Unveränderbarkeit der Blockchain selbst zu ihrem größten Hindernis werden.

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Die Finanzindustrie muss sich deshalb die Frage stellen, wie sie die Attraktivität einer „unberührbaren“ Datenaufzeichnung mit den Anforderungen der Lebensrealität in Einklang bringen will, in der bestimmte Dinge nun einmal auch gelöscht werden müssen.

Das Recht auf Vergessen

Das Dilemma zeigt sich besonders im Licht der EU-Datenschutzgrundverordnung, die in den kommenden zwei Jahren den Schutz von und Umgang mit Kundendaten völlig neu regelt. Diese Regeln betreffen längst nicht nur Europa: Ihre Wirkung schlägt durch auf sämtliche international agierende Unternehmen und damit auch auf die Back-Office-Funktionen aller großen Finanzinstitutionen.

Unter diese weitreichenden Regelungen fällt jede Organisation weltweit, die persönliche Daten europäischer Kunden verarbeitet. Verstöße können mit Geldbußen von bis zu vier Prozent der Jahresumsätze eines Unternehmens geahndet werden. Nicht ohne Grund mehren sich auch bei uns Kundenanfragen, wie sich das aufkeimende Recht auf Vergessen mit der Nutzung von Blockchain-Technologie vereinbaren lässt, die ja bekanntlich nichts vergisst.

Die Unveränderbarkeit der Blockchain könnte aber durchaus auch mit bestehender internationaler Finanzmarktregulierung kollidieren. So setzen allein in den USA der U.S. Fair Credit Reporting Act, der Gramm-Leach-Bliley Act und die Regulation S-P der US-Börsenaufsicht SEC die Editierbarkeit personenbezogener Finanzdaten voraus.

Der entscheidende Nachteil der Blockchain-Logik für die praktische Anwendung ist allerdings kein neues Phänomen. Er zeigte sich bereits 2013. Seinerzeit wurde festgestellt, dass illegale Pornografie in die Daten der Kryptowährung Bitcoin eingebettet wurde – und sie verbleibt bis zum heutigen Tag im „Gedächtnis” des Systems. Gleiches gilt für ein verpixeltes Jux-Foto von Ex-Fed-Chef Ben Bernanke und die rund 250.000 Geheimdokumente der US-Diplomatie, die durch Wikileaks enthüllt wurden.


Idealismus und Pragmatismus

Für Blockchain-Puristen ist die unveränderliche Natur der Technologie nicht verhandelbar. Diese Einstellung erinnert an die frühen Internetpioniere, die mit dem E-Commerce das Ende des Web als Ort von Zusammenarbeit und gegenseitiger Hilfe nahen sahen. Dieses Ende kam nie. Vielmehr hat sich das Internet inzwischen zum wesentlichen sozialen Bindeglied unserer Zeit entwickelt, das zugleich jeden Tag Handel zwischen zwei Milliarden Menschen ermöglicht. So erfinderisch und visionär sie auch sein mögen, viele der stärksten Blockchain-Verfechter stehen der Evolution der Technologie eher idealistisch als pragmatisch gegenüber.

Der Dogmenstreit in der Blockchain-Community zeigte sich auch in diesem Frühjahr. Ein Hacker nutzte einen Programmierfehler in einem selbstausführenden Smart Contract in der Digitalwährungs-Blockchain Ethereum beim Start-up-Fonds The DAO aus. Auf diesem Weg konnte er ein riesiges Volumen der digitalen Währung Ether erbeuten, umgerechnet mehr als 60 Millionen US-Dollar. Als der Hacker über seine Anwälte argumentierte, dass ihm die Summe auf Grundlage des fehlerhaften Algorithmus zustünde, gaben ihm überraschend viele Blockchain-Puristen recht. Nachdem sich die Plattform-Teilnehmer von The DAO mit einem Eingriff in die Blockchain und Schaffung einer Abzweigung in der Transaktionskette mehrheitlich durchsetzen konnten, um den Diebstahl rückgängig zu machen, hagelte es massive Kritik. Eine große Anzahl der Blockchain-Teilnehmer von Ethereum nutzt weiter die Version, in der der Diebstahl stattgefunden hat.

Eines ist klar: Wenn die Finanzindustrie die Chancen einer neuen Technologie nutzen möchte, dann dürfen Missbrauch und Fehler nicht unabänderlich sein und Betrüger ihre Aktivitäten nicht mithilfe ideologischer Argumente verteidigen können. Selbst der beste Smart Contract ist anfällig für menschliche Fehler, auch die ausgefeilteste IT-Architektur kann von Ereignissen getroffen werden, deren Auswirkungen kontrolliert und möglicherweise rückgängig gemacht werden müssen.

Wir brauchen also Möglichkeiten, diese Herausforderung zu bewältigen und gleichzeitig die unbestrittenen Stärken der Blockchain zu erhalten. Bei Accenture arbeiten wir aktuell mit führenden Wissenschaftlern an einem Prototyp, der bei Bedarf Ergänzungen oder Anpassungen von Blockchain-Architekturen ermöglicht – unter Einhaltung klar definierter Regeln, die möglicherweise gemeinsam mit den Finanzregulatoren entwickelt werden können.

Nach Angaben des Weltwirtschaftsforums hat die Venture Capital-Community in den vergangenen drei Jahren mehr als 1,4 Milliarden US-Dollar in Blockchain-Anwendungen investiert. Allein in diesem Jahr dürften Banken und Technologieunternehmen mehr als eine weitere Milliarde aufbringen, um die Technologie weiterzuentwickeln.

Doch wenn die Blockchain die Welt der Kryptowährungen und Laborexperimente verlassen soll, wenn sie real und profitabel werden soll, müssen wir alte Dogmen über Bord werfen und gerade die Unveränderbarkeit hinterfragen. Vielleicht werden wir dann schon bald weit mehr über die Erfolge der Blockchain lesen als über ihr bloßes Potenzial.

Richard Lumb leitet die internationale Finanzdienstleistungspraxis bei Accenture und ist Co-Autor des demnächst erscheinenden Reports “Editing the Uneditable Blockchain: Why Distributed Ledger Technology Needs to Adapt to an Imperfect World.”

Quelle:  Handelsblatt Online
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