AfD im Bundestagswahlkampf: Willkommen in der Wagenburg

AfD im Bundestagswahlkampf: Willkommen in der Wagenburg

, aktualisiert 16. September 2017, 15:42 Uhr
Bild vergrößern

Alice Weidel inszeniert sich gerne als Frau der Fakten. Immer hat sie Zahlen und Tatsachen parat, doch nicht immer stimmen diese mit der Wahrheit überein.

Quelle:Handelsblatt Online

Die AfD zeichnet das Bild eines Landes am Abgrund. Tatsächlich fühlen sich viele Menschen, die ihre Veranstaltungen besuchen, von Altersarmut und „Islamisierung“ bedroht. Die Wut auf „die da oben“ schweißt zusammen.

BerlinWer in diesen Tagen Wahlkampf-Veranstaltungen der AfD besucht, trifft dort Menschen, die sehr wütend sind. Auf die Kanzlerin, die Grünen, die SPD, die Besserverdienenden, die Journalisten, die Gegendemonstranten und auf Zuwanderer, die kein Schweinefleisch essen. Die Wut bleibt nicht im Bauch.

„Merkel muss weg“ dröhnt es vielstimmig durch die Säle, in denen sich die Anhänger der Protestpartei versammeln. Stehen draußen vor der Halle Demonstranten mit „Nazis raus“-Plakaten und Trillerpfeifen, schweißt das die Menschen drinnen noch enger zusammen.

Anzeige

Das Spitzenpersonal der Partei balanciert während dieser Veranstaltungen auf einem schmalen Grat. Auf der einen Seite hilft diese Wagenburg-Mentalität den Kandidaten, die AfD-Mitglieder zu noch mehr Einsatz im Bundestagswahlkampf zu motivieren. Auf der anderen Seite erschwert es die Suche nach konservativen Wählern außerhalb der Kernanhängerschaft, wenn die AfD in der Öffentlichkeit wie eine verschworene Gemeinschaft von Schreihälsen wahrgenommen wird.

Spitzenkandidatin Alice Weidel präsentiert sich im Wahlkampf gerne als Frau der Fakten. In der Talkshow, im großen Saal oder im Hinterzimmer einer Gaststätte: Immer hat sie Zahlen und Fakten parat. Als Unternehmensberaterin weiß sie, wie man sachlich präsentiert und überzeugt. Doch auch ihr rutscht mal ein „alternativer Fakt“ durch.

Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Waiblingen bei Stuttgart spricht Weidel über Gewaltverbrechen, die von Zuwanderern verübt und ihrer Ansicht nach von der Justiz nicht ausreichend geahndet werden. Sie führt ein besonders abscheuliches Beispiel an: In Hamburg habe eine „Meute von Serben“ im vergangenen Jahr ein Mädchen vergewaltigt. Die Täter, sagt Weidel, hätten „einen Freispruch bekommen“. Die Empörung im Saal ist groß.

Doch Weidels Darstellung stimmt nicht ganz. Zwar kamen vier Jugendliche mit Bewährungsstrafen davon, weil sie sich reumütig zeigten. Doch einen 21-jährigen schickte der Richter für vier Jahre ins Gefängnis. Außerdem hat der Bundesgerichtshof im Juli entschieden, dass der Fall um die brutale Vergewaltigung erneut vor dem Hamburger Landgericht verhandelt werden muss.

In einem Speiselokal im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf rechnet der Berliner Abgeordnete Thorsten Weiß vor, wie viele Menschen seiner Meinung nach über den Familiennachzug demnächst nach Deutschland kommen könnten. Er sagt: „dann sind das noch einmal zwei Millionen Syrer“. „Pfui Deibel!“, ruft eine Frau mittleren Alters aus dem Publikum.

Dieser Rechnung würde die Bundesregierung vermutlich widersprechen. Im vergangenen Jahr hatte das Auswärtige Amt zum Familiennachzug für syrische und irakische Flüchtlinge rund 48 000 Visa erteilt. Im ersten Halbjahr dieses Jahres waren es etwa 30 000. Doch da die Verantwortlichen Zahlen und Prognosen zum Familiennachzug in den vergangenen Monaten meist nur zögerlich herausgegeben haben, kann die AfD hier Leerstellen besetzten.


Wahlkampf zwischen Volksfest und Empörung

Gelacht wird bei diesen Veranstaltungen eher selten, zu groß ist die Wut. Dabei entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, wenn der Thüringer Fraktionsvorsitzende Björn Höcke die AfD-Direktkandidatin bei einem Wahlkampf-Auftritt für die Berliner Kandidatin Jeannette Auricht die Parteifreundin versehentlich als „Ivonne“ anspricht. Schließlich muss er selbst ertragen, dass ihn Satiriker immer wieder „Bernd Höcke“ nennen.

Zu denjenigen, die sich aus der Wagenburg herauswagen, gehört die Spitzenkandidatin der AfD in Berlin, Beatrix von Storch. Die für ihre schrillen Tweets berühmt-berüchtigte Abtreibungsgegnerin traf sich zum Streitgespräch mit dem Rapper Bushido. Von Storch kritisierte Bushidos schwulenfeindliche Texte. Der Deutsche mit tunesischem Vater warf ihr vor, die AfD suche den Erfolg „auf Kosten von Ausländern und Islam-Anhängern“. Trotzdem verabschiedete man sich freundlich.

Die größte Aufmerksamkeit versprechen aber immer noch die klassischen TV-Formate. Vor allem wenn man, wie kürzlich Alice Weidel, während der laufenden Sendung unter Protest das Studio verlässt oder kurzfristig absagt.

Obwohl die AfD keine Gelegenheit auslässt, über die „Zwangsfinanzierung“ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu schimpfen, nahmen Spitzenpolitiker der Partei zuletzt viele Talkshow-Einladungen an. Gerade im Vorfeld der Bundestagswahl böten diese Runde die Möglichkeit, die eigene Position „vor allem in Abgrenzung zu den Mitbewerbern“ einem breiten Publikum näherzubringen, sagt AfD-Chefin Frauke Petry. „Über die Qualität einzelner Formate, auch in Abhängigkeit von Moderatoren, Podiumsgästen und ausgewähltem Publikum, kann man natürlich streiten“, fügt sie - etwas spitz - hinzu.

Eingeladen werden meist die Spitzenkandidaten. Doch auch Petry und der zweite Parteivorsitzende Jörg Meuthen sind im Wahlkampf aktiv. Meuthen scherzt bei seinen Veranstaltungen, poltert gegen das „Gruselkabinett der Altparteien“ und genießt die Euphorie der Menge. Petrys Auftritte haben weniger Volksfest-Charakter. Auch die Beobachtungen der AfD-Chefin im Wahlkampf sind nüchterner.

Sie bilanziert: „Das riesige Interesse an unseren Veranstaltungen war beeindruckend - in Plauen im Vogtland haben an einem Abend 1 300 Gäste die Festhalle gefüllt. Das allein ist ein Zeichen für enormen Zuspruch zu unseren Positionen insgesamt.“ Die Besucher ihrer Veranstaltungen hätten vor allem Fragen „nach der Gewährleistung von Sicherheit und nach sozialer Absicherung - vor allem im Alter“ mitgebracht.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%