Airbus und der Brexit: Gestutzte Flügel

Airbus und der Brexit: Gestutzte Flügel

, aktualisiert 23. Juni 2016, 11:13 Uhr
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Eine A380 fliegt über das Airbus-Gelände in Broughton. Hier werden die Tragflächen für Airbus-Maschinen montiert.

von Lukas BayQuelle:Handelsblatt Online

Kaum ein Unternehmen ist so europäisch wie Airbus. Nördlich von Bristol lässt das Unternehmen seine Flügel bauen. Die örtlichen Manager befürchten, dass ihr Geschäft unter den Folgen eines Brexit leiden könnte.

BristolIn Filton bleibt man in der Regel nicht länger als nötig. Den Vorort im Norden von Bristol durchzieht eine breite Durchfahrtsstraße. Sie brauchen hier viel Platz für große Transporte. Denn Filton ist auch eine Hochburg der Luftfahrtindustrie in Großbritannien. Im ersten Weltkrieg baute die Bristol Aircraft Company hier Aufklärungsflieger. Sie gilt als eine der Vorgängerfirmen des heutigen Rüstungsriesen BAE.

Auch heute sind in Filton noch die Luftfahrtriesen zuhause. Rolls-Royce fertigt hier seine Triebwerke. Größter Arbeitgeber ist aber der Flugzeugbauer Airbus, der im Norden von Bristol die Flügel für seine Flugzeuge bauen lässt. Alleine 2015 waren es 1210 Flügel, die auch in die Werke nach Deutschland, Frankreich und Spanien geliefert wurden.

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„Wir sind stolz, dass die Welt mit britischen Flügeln fliegt“, wirbt Airbus. Bislang war das problemlos möglich, da Filton wie die anderen Werke des Airbus-Konzerns ein Teil der EU war. Das könnte sich an diesem Donnerstag ändern.

Denn wenn eine Mehrheit für den Brexit stimmt, müsste in den kommenden Jahren auch der Handel neu geregelt werden. Und ohne Flügel hebt kein Flugzeug ab. Darum muss der Konzern für den Handel möglicherweise mehr Geld in die Hand nehmen – dabei sind die Wechselkursturbulenzen noch nicht eingerechnet.

In einem Brief haben die Airbus-Manager darum an die eigene Belegschaft appelliert, am Donnerstag für den Verbleib in der EU zu stimmen.  Gleich sieben Topmanager haben ihn unterschrieben. „Der Erfolg von Airbus im Vereinigten Königreich hängt von unserem sehr wettbewerbsfähigen, integrierten europäischen Geschäftsmodell ab“, schreibt Paul Kahn, Chef des britischen Geschäfts von Airbus. Unabhängig davon wisse man auch nicht, wie eine Welt nach dem Ausstieg aussehen würde.

Was die Briten mit einem Brexit aufs Spiel setzen, betonen die Manager zwischen den Zeilen, indem sie aufzeigen, wie wichtig Airbus für die britische Wirtschaft ist. Sechs Milliarden Pfund trage man jährlich zur EU-Wirtschaftsleistung bei, rühmen sich die Airbus-Manager. Neben den 15.000 Angestellten in den beiden Produktionsstandorten Filton und Broughton seien landesweit 100.000 Angestellte von Airbus abhängig, insgesamt arbeite man mit 4000 Zulieferern zusammen. Ein Großteil der Forschung und Entwicklung finde im Land selbst statt.

Trotzdem sind nicht alle Airbus-Mitarbeiter vom Appell der Topmanager überzeugt. „Wir müssen aufhören, uns aus Europa diktieren zu lassen, was wir tun dürfen und was nicht“, sagt David, ein älterer Facharbeiter aus dem Airbus-Werk. Seinen Nachnamen will er nicht verraten. Aber tendenziell, sagt er, tendiere er zum Brexit. An negative Folgen glaubt er nicht. „Wir beliefern mit Airbus auch die Royal Airforce. Und der Flugzeugbau ist ohnehin ein internationales Geschäft“, sagt er.


Klare Positionierung

Auch die Topmanager versuchen, ihre Bedenken eher unterschwellig zu formulieren. Sie wollen – das ist dem Schreiben anzumerken – keine Panik in der Belegschaft verbreiten. Natürlich werde man sich nicht komplett aus Großbritannien zurückziehen. „Wir sollten alle im Hinterkopf behalten, dass unsere zukünftigen Investitionen stark vom ökonomischen Umfeld abhängen, in dem wir uns bewegen.“

Zwischen den Zeilen schwingt dabei eine klare Botschaft mit, künftige Investments woanders zu machen. Immerhin, so betont es der Konzern auf Nachfrage, habe man in den vergangenen 25 Jahren die zwei größten Fabriken des Landes gebaut. Erst vor fünf Jahren wurde bei Broughton die Fertigung des Langstreckenfliegers A350XWB vollendet.

Dass Airbus sich so klar positioniert, hat auch mit der politischen Konstruktion des Unternehmens zu tun. Auch wenn der Staatseinfluss der jahrelangen Großaktionäre Deutschland, Frankreich und Spanien mittlerweile geschrumpft ist, wurden Posten bei Airbus jahrelang auch politisch besetzt – im Tauziehen um den politischen Einfluss im Konzern. Spätestens seit der Verschmelzung des staatlichen französischen Aérospatiale mit der Deutschen Airbus im Jahr 1970 war der Flugzeugbauer eines der ersten gesamteuropäischen Industrieunternehmen.

Auch in Filton ist der Rückhalt für die europäische Idee ausgeprägt. „Wir sind kein Empire mehr“, sagt Matthew, ein jüngerer Angestellter. Einige seiner Kollegen kämen aus Osteuropa und würden derzeit von der Arbeitnehmerfreizügigkeit profitieren. Sie hoffen, dass am Donnerstag eine Mehrheit für den Verbleib stimmt. 

Quelle:  Handelsblatt Online
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