Aktie im MDax: So wehrt sich Ströer gegen die US-Attacke

Aktie im MDax: So wehrt sich Ströer gegen die US-Attacke

, aktualisiert 22. April 2016, 16:20 Uhr
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Er leitet einen rasanten Firmenumbau.

von Catrin BialekQuelle:Handelsblatt Online

Der Werbevermarkter Ströer wird von einem US-Investor heftig kritisiert, die Aktie ist eingebrochen. Ergebnisberichte seien falsch, die Unternehmensführung merkwürdig. Das Kölner Unternehmen schaltet auf Verteidigung.

Hamburg/KölnDas Werbeunternehmen Ströer setzt zur Gegenwehr an. Der gestern veröffentlichte Bericht des US-Investors Muddy Waters Capital basiere auf bereits veröffentlichten Fakten, die „bewusst irreführenderweise dargestellt und mit falschen Behauptungen und Unterstellungen vermengt und damit verfälscht werden, um die Aktionäre von Ströer aus einem wirtschaftlichen Interesse (Short-Position von Muddy Waters Capital) gezielt zu schädigen“.

Alle von Muddy Waters abgeleiteten Schlussfolgerungen seien „im Kern falsch“, teilte das Kölner Unternehmen am Freitag in einer ausführlichen Stellungnahme mit. Ströer schreibt: Muddy Waters habe mit seinem Bericht „ethische und rechtliche Grenzen überschritten“. 

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In einer Telefonkonferenz am Freitagnachmittag reagierte Udo Müller, CEO von Ströer, ausführlich auf die Vorwürfe. Tendenziös, inkorrekt, schlichtweg falsch – der Werbekonzern fand deutliche Worte zu dem Vorgang. Das Werbeunternehmen, das nun die Ergreifung rechtlicher Maßnahmen ankündigt, befindet sich inmitten eines Börsenkrimis.

Am Donnerstag hatte der Aktivist Carson Block mit seiner Investmentgesellschaft Muddy Waters Capital für einen historischen Kursrutsch der Ströer-Aktie gesorgt. Das Papier verlor zwischenzeitlich ein Drittel an Wert, bevor sich der Kurs am Freitag etwas erholte.

In einem 60-seitigen Bericht unter der Überschrift „Ströer: Eitel Sonnenschein oder Augenwischerei?“ macht Block dem Werbeunternehmen schwere Vorwürfe. Der Hedgefonds, der auf fallende Kurse von Ströer gesetzt hat, berichtet, ihm lägen wichtige Kennzahlen wie das organische Wachstum und die kontinuierlichen Mittelzuflüsse vor, die „signifikant unter den von Ströer berichteten Angaben“ liegen.

Investor Block bezweifelt die Wachstumszahlen des Ströer’schen Digitalgeschäftes. Auch steht der Vorwurf im Raum, es seien Aktienverkäufe von Insidern nicht korrekt gemeldet worden. Block greift zudem die Wirtschaftsprüfer von Ströer an, die „klare Fehler gemacht“ hätten.

Harte Vorwürfe, auf die Ströer am Freitag umfassend reagierte. Die aktuelle Geschäftsentwicklung stehe in einem „krassen Widerspruch“ zu den von Muddy Waters Capital getätigten Unterstellungen, teilte das Unternehmen mit. Im ersten Quartal 2016 werde das Unternehmen seine eigene Prognose von zehn Prozent organischen Wachstums mit 11,5 Prozent „klar übertreffen“. Der Start ins zweite Quartal schließe sich nahtlos an die „erfreuliche Performance im ersten Quartal“ an, heißt es weiter. Für das Gesamtjahr erwartet Ströer einen Umsatz zwischen 1,1 und 1,2 Milliarden Euro und einen operativen Ebitda zwischen 270 und 280 Millionen Euro. Ströer kündigte für die kommende Woche die Veröffentlichung der vorläufigen Geschäftszahlen an.


Radikale Wandlung Ströers löst Zweifel aus

Des Weiteren stellte Ströer die kursbeeinträchtigenden Vorwürfe von Muddy Waters als haltlos dar. Punkt für Punkt korrigiert das Werbeunternehmen den Bericht des Hedgefonds, der ihnen gestern einen Kursrutsch von zweitweise einem Drittel des Aktienwertes eingebrockt hatte. Da geht es um die Berechnung des Gewinns, die Berücksichtigung von Einmaleffekten, von Währungskurseffekten und nicht zuletzt von Schulden. An zahlreichen Stellen der Stellungnahme, im Grunde hinter jedem einzelnen analysierten Punkt, prangt der Satz „Diese Behauptung von Muddy Waters ist falsch!“.

Das Kölner Unternehmen Ströer hat sein Geld lange Zeit mit dem Plakatieren von Werbeflächen in der Stadt, auf Bahnhöfen und in Einkaufszentren verdient. Ein robustes Geschäft, das allerdings wenige Wachstumspotenziale in Deutschland bot. Ströer teilte sich den hiesigen Markt mit dem großen Rivalen Wall-Decaux – der Marktanteil von Außenwerbung am gesamten Werbemarkt verharrt bei vier Prozent. Eine unbefriedigende Situation für einen ambitionierten Unternehmer wie Müller, der das Unternehmen vor 26 Jahren zusammen mit Heiner Ströer gegründet hat.

Seit 2012 steuert Ströer deshalb mit einer rasanten Geschwindigkeit in den digitalen Markt. Es begann mit Zukäufen von kleinen Digitalanbietern wie Adscale, dem Start des neuen Online-Imperiums. Es folgten Dutzende weitere Zukäufe, meistens hochspezialisierte Unternehmen wie das Berliner Start-up Giga, das Online-Videonetzwerk Tube One Networks oder Regionalhelden, eine Plattform zur Vermarktung lokaler Firmen.

Müller sammelte beherzt Firmen ein, deren Namen oft selbst Branchenkennern unbekannt waren. An die 50 Zukäufe sollen es bis heute sein, heißt es. Der Kaufrausch von Ströer gipfelte im vergangenen November in dem Megazukauf des Onlineportals T-Mobile und des Digitalvermarkter Interactive Media für 300 Millionen Euro, die die Deutsche Telekom verkaufte.

Das Resultat der Digitalkaufwut: Ströer ist heute mit klarem Abstand in Deutschland der größte Vermarkter im Digitalgeschäft und hat Wettbewerber wie Axel Springer, United Internet und Pro Sieben Sat1 überholt. Mit dem Kauf von T-Mobile haben sich auch die Besitzverhältnisse verändert: Müller und Dirk Ströer, Sohn des verstorbenen Mitgründers, halten zusammen 51 Prozent. Die Telekom hält rund zwölf Prozent.

Die Wandlung von Ströer ist radikal – so wie auch die Entwicklung, die die gesamte Werbebranche durch die Digitalisierung erfährt. Werbetreibende Unternehmen können heute in Echtzeit Werbeplätze buchen, sie können Kunden direkter als früher ansprechen und mischen ihre Werbebotschaften immer öfter in den Strom an Inhalten, der im Netz erstellt wird. Eine völlig neue Werbewelt. Müller versucht, mit seinen Zukäufen vorzusorgen – und bietet damit durchaus den Platzhirschen in der digitalen Welt, Google und Facebook, die Stirn, wie ein Insider meint.

Es ist eine völlig neue Wachstumsgeschichte, mit der Müller die Börse seit einiger Zeit überzeugt hat. 2010 ging Ströer an die Börse, doch die ersten Monate und Jahre waren hart. Es fehlte die Erfolgsstory. Seit dem Eindringen ins Digitalgeschäft hat Müller diesen Stoff. Aufsteiger im MDax, Liebling der Aktionäre. Bis zu dem Kommentar von Muddy Waters.

Quelle:  Handelsblatt Online
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