Aktienemissionen: Tech-Börsengänge geraten ins Abseits

Aktienemissionen: Tech-Börsengänge geraten ins Abseits

, aktualisiert 15. August 2016, 10:12 Uhr
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Weltweit brachen die IPO-Erlöse im ersten Halbjahr laut dem Informationsdienstleister Dealogic um 54 Prozent ein.

von Robert Landgraf und Peter KöhlerQuelle:Handelsblatt Online

Die ehrgeizige Vorgabe der Bundesregierung, jährlich 15 bis 20 Börsengänge junger Unternehmen zu sehen, ist derzeit völlig unrealistisch. Das britische Brexit-Votum hat die Stimmung zusätzlich eingetrübt.

FrankfurtEs war ein erlauchter Kreis von Experten, der sich im Herbst vergangenen Jahres bei Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel zusammenfand. Zu den Mitgliedern des „Round Table“ für „Mehr Börsengänge von jungen Wachstumsunternehmen in Deutschland“ zählten unter anderen der damalige Co-Chef der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen, Christine Bortenlänger, Chefin des Deutschen Aktieninstituts, oder auch KfW-Vorständin Ingrid Hengster.

Das 19-köpfige Gremium kam zu einer sportlichen Vorgabe für den Börsenstandort Deutschland: Ziel müsse sein, 15 bis 20 „nachhaltig erfolgreiche Börsengänge von Wachstumsunternehmen“ pro Jahr zu realisieren. Das war der Anspruch – doch die Wirklichkeit sieht anders aus.

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Laut einer exklusiven Analyse von Barkow Consulting gab es 2015 mit dem virtuellen Babyausstatter Windeln.de gerade einmal einen Börsengang (Initial Public Offering, IPO), der die Kriterien erfüllt hat. Und auch 2016 sieht es trübe aus. Zwar bereicherten mit dem Biotech-Unternehmen Brain, dem Windradbauer Senvion und der Fintech-Firma MyBucks drei Newcomer den Kurszettel – aber teilweise waren die Emissionen extrem klein oder aber schon länger im Markt und somit kein junges Technologieunternehmen mehr.

„Unsere Analyse zeigt eindeutig, dass IPOs von jungen deutschen Wachstumsunternehmen absoluten Seltenheitswert haben. Eine Zielvorgabe von 15 bis 20 dieser IPOs per annum scheint daher aktuell sehr ambitioniert“, meint Geschäftsführer Peter Barkow von Barkow Consulting.

Das Bundeswirtschaftsministerium räumte kürzlich auf Anfrage ein, dass die Empfehlung im Abschlussbericht der Arbeitsgruppen mit 15 bis 20 IPOs ambitioniert sei. „Nichtsdestotrotz ist es wichtig, die Messlatte bewusst hoch zu legen. Die Zahl ist – wenn man andere Börsenstandorte betrachtet – keineswegs unrealistisch“, teilte das Ministerium auf Anfrage des Handelsblatts mit. Das Ministerium „will diese Größenordnung als langfristiges Ziel im Blick behalten“, heißt es weiter. „Die Experten im Round Table haben deutlich gemacht, dass diese Größenordnung für einen Börsenstandort Frankfurt erreichbar sein sollte, wenn man zum Vergleich das Börsengeschehen an anderen großen Börsen betrachtet.“


Einbruch der IPO-Erlöse

Allerdings geht so gut wie kein Investmentbanker in Frankfurt derzeit davon aus, dass man die Zielvorgabe 2016 auch nur annähernd erreichen wird. Erst waren es die Wachstumssorgen um China, dann die Ängste vor steigenden Leitzinsen, die die potenziellen Börsengänger verschreckten. Und jetzt lastet der Brexit auf der Stimmung, weil er für lange Zeit Unsicherheit an den Märkten und Verzagtheit bei den Investoren bedeutet.

Weltweit brachen denn auch die IPO-Erlöse im ersten Halbjahr laut dem Informationsdienstleister Dealogic um 54 Prozent auf 47,8 Milliarden Dollar ein, das war der niedrigste Wert seit 2009. Großbritannien lief dem deutschen Markt trotz des schlechten Umfelds mit dem heraufziehenden EU-Referendum in den ersten sechs Monaten wieder den Rang ab.

Immerhin 32 Börsengänge mit einem Volumen von vier Milliarden Dollar gingen über die Bühne. „Die IPO-Lücke zu Großbritannien ist gigantisch. Ob und wie stark sich dies allein durch den Brexit reduziert, ist im Moment noch nicht abschätzbar“, erläutert Analyst Barkow.

Trotz der schwierigen Lage nach dem Brexit könnte es Ende des Jahres und Anfang 2017 auch wieder Lichtblicke geben. „Gerade Börsenkandidaten aus den Bereichen Versorger, Gesundheit, Immobilien und Konsum sind gefragt“, meinte Christoph Stanger, Co-Europachef für Equity Capital Markets bei Goldman Sachs in Frankfurt. Dagegen gingen Tech-IPOs derzeit gar nicht. Auch in den USA sei dieses Segment ziemlich tot, also nicht nur Deutschland sei hier betroffen. Das liege am fehlenden Risikoappetit für diese Aktien im Niedrigzinsumfeld. "Es ist zu hoffen, dass es im Herbst mehr Transparenz darüber gibt, was mit den Briten passiert. Vor dem Ende der Sommerferien ist eher mit wenig Aktivität zu rechnen", glaubt Stefan Winter, Vorstand bei der UBS Deutschland. Er befürchtet, dass 2016 kein gutes Jahr für Börsengänge wird.

Wenn sich das „IPO-Fenster“ wieder öffnet, dann sollten die Investmentbanken, Berater und Emittenten aber auch einmal ihre Preispolitik überdenken. Denn die bisherige Bilanz der jüngsten Börsengänge ist ziemlich schrecklich. Im Schnitt verloren die Anleger gut 16 Prozent, lediglich Covestro, Ado Properties und Scout24 erfreuten die Erstzeichner. An den asiatischen Börsen habe man offensichtlich weniger aggressiv gepreist, sagt Silvina Aldeco-Martinez, Managing Director bei S & P Global Market Intelligence.

Vor allem in China seien Emissionen fair oder sogar günstig bewertet worden, um den Anlegern Spielraum nach oben zu eröffnen. Das sei offenbar die Lehre einer Reihe wilder Jahre an den chinesischen Börsen, heißt es bei S & P Global Market Intelligence. Wenn der Preis stimmt, dann sind auch Traumziele wie 15 bis 20 Börsengänge hierzulande machbar.

Quelle:  Handelsblatt Online
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