Alaska kämpft mit dem Klimawandel: Und Donald Trump ist weit weg

Alaska kämpft mit dem Klimawandel: Und Donald Trump ist weit weg

, aktualisiert 29. Juni 2017, 13:35 Uhr
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Berge der Alaska-Range. Die Polarregion ist wie kaum eine andere auf der Welt vom Klimawandel betroffen.

Quelle:Handelsblatt Online

Die USA haben sich dank ihres Präsidenten Donald Trump gerade aus dem Klima-Kompromiss verabschiedet. Dabei hat das Land mit Alaska einen arktischen Bundesstaat, der vom Klimawandel besonders betroffen ist.

FairbanksRichard Carroll ist nicht allzu gut auf Donald Trump zu sprechen. „Trump?“, fragt er. „Der kann froh sein, wenn er bei uns zehn Stimmen kriegt.“ Zehn Stimmen sind zu Hause bei Richard Carroll in Fort Yukon allerdings immerhin gut zehn Prozent.

Bei der zurückliegenden Wahl hatten sich 90 Bürger an der Abstimmung in dem kleinen Dorf in Alaska beteiligt. Die meisten von ihnen sind Ureinwohner und sie treibt vor allem eine Frage um: Wer hat eine Antwort auf den Klimawandel?

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Die Polarregion ist wie keine andere auf der Welt von dem betroffen, was Donald Trump noch immer nicht wahrhaben will: dem Klimawandel. Die Temperatur steigt bedrohlich. Wenn es noch wärmer wird, sagen Einheimische, haben sie bald nichts mehr zu essen. Vor allem die Ureinwohner, die zur Wahrung der Würde ihrer Völker nur ungern auf Nahrungsimporte zurückgreifen wollen, leiden schon jetzt.

In Savoonga, einer der wohl isoliertesten Siedlungen Alaskas auf der St.-Lorenz-Insel in der Bering-Straße haben die Einheimischen vor ein paar Jahren noch 500 Walrosse gefangen. Im letzten Winter waren es fünf, erzählt Vi Waghivi, eine Einheimische, die inzwischen in Anchorage lebt.

Während in den „Lower 48“ – wie man in Alaska den Rest der Vereinigten Staaten nennt – zumindest Wissenschaftler noch nach Wegen suchen, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, sind in der Polarregion fünf Grad schon längst Realität. Das hat extreme Auswirkungen: Die Rentierherden verändern ihre Wanderrouten, zugefrorene Flüsse dienen mangels tragfähiger Eisdecke nicht mehr ausreichend lange als Verkehrswege, Walrosse haben keine Jagdgrundlage mehr.

Arktis im Aufruhr

Das ganze Leben in der Arktis ist im Aufruhr. „Die Winter werden milder, manchmal regnet es“, sagt Carroll. Schon 2007 hatte Alaskas damalige Gouverneurin Sarah Palin eine eigene Abteilung gegründet, die nach Lösungen für bedrohte Menschen und Dörfer suchen sollte. Hohe Millionenbeträge flossen in die Forschung.

Doch Palins Nachfolger Sean Parnell machte 2011 alles wieder rückgängig, der Geldhahn war plötzlich zu. Parnell hatte Angst, der Ölindustrie zu viel Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Donald Trump will jetzt auch noch den Bundesanteil eindampfen.

Der Immobilienmilliardär von der Ostküste ist ganz weit weg von den Nöten in Alaska. 15 Flugstunden und vier Zeitzonen, um genau zu sein. In Fort Yukon, einem ehemaligen Handelsposten für Felle, 13 Kilometer nördlich des Polarkreises gelegen und nur aus der Luft oder mühsam per Floß über den Yukon River zu erreichen, leben vor allem Ureinwohner vom Stamme der Gwitchin. Ungefähr 550 Menschen sind hier zu Hause, die Zahl ist in den vergangenen Jahren einigermaßen stabil.

„Meine Kinder sind mit 400 von ihnen verwandt“, sagt Richard Carroll. Er ist der Bürgermeister des Dorfes. „Ich empfehle allen, hier wegzugehen. Es gibt keine Jobs. Und die, die es gibt, die sind besetzt.“ Isolation und Alkoholismus seien die Folge.


Der Klimawandel nimmt den Menschen die Nahrung

Fort Yukon macht auf den ersten Blick einen Eindruck, den man woanders als trostlos beschreiben würde. Die wenigen Straßen sind nicht asphaltiert, die oft im Eigenbau errichteten Häuser wirken vernachlässigt. Davor stehen alte Autos, manche liegen auf der Seite, anderen fehlen Türen, Fenster oder Motorhauben.

Doch der Eindruck trügt. Was nach Verwahrlosung aussieht, ist eher Effizienz. Geteerte Straßen wären bei den enormen Temperaturschwankungen ein Groschengrab. Für ihre Autos brauchen die Menschen eigene Ersatzteillager. Ein Besuch in einer Werkstatt würde eine Mehrtagesreise mit dem Floß über den Yukon River bedeuten. Und selbst das geht nur im Hochsommer.

Die Arbeitslosenquote in Fort Yukon liegt bei 85 Prozent, 20 Prozent der Menschen leben offiziell unter der Armutsgrenze. Keine untypischen Werte für das ländliche Alaska. Wer hier nicht zu den drei Dutzend Glücklichen zählt, die einen Job bei einer Gemeindeeinrichtung haben oder eine gute Idee, der hat ein Problem.

Die Grundlage für die traditionelle Lebensweise – in Abhängigkeit von der Natur und mit ihr im Einklang – sie fällt immer mehr weg. „Der Klimawandel nimmt den Ureinwohnern Alaskas die Nahrungssicherheit“, sagt Vi Waghivi.

Die Verlockungen der Bodenschätze kommen hinzu. Schon 1988 haben die Gwitchin-Völker aus Alaska und Kanada einen gemeinsamen Steuerkreis gebildet, weil die mächtigen Ölfirmen auf Land bohren wollten, auf dem die Tiere der großen Rentierherde ihre Jungen zur Welt bringen. Bernadette Dementieff ist heute Mitglied des Steuerkreises. Die 40-Jährige stammt aus Fort Yukon. Wie Tausende andere aus den Dörfern Alaskas hat sie ihre Heimat nach dem Schulabschluss verlassen und lebt jetzt in der Stadt.

Die Lage ihrer Landsleute sieht sie wegen des Klimawandels als dramatisch an. „Wir haben da oben Tausende Jahre überlebt“, sagt sie. „Jetzt werden die Menschen krank, weil die Tiere krank sind.“ Der zurückgehende Permafrost gebe Bakterien frei, die jahrhundertelang im Eis eingeschlossen waren. Jetzt gelangen sie ins Meer und von dort in die menschliche Nahrungskette.

„Alaska hat eine irrwitzig hohe Krebsrate“, beklagt Dementieff. „Das Wasser gefriert nicht mehr, die Fischeier werden mit Bakterien verseucht – wir haben ernsthaft ein Problem.“


Öl, Gas und Soldaten

Als Bürgermeister von Fort Yukon ist Richard Carroll Herr über ein Rathaus, eine Schule, eine Krankenstation und ein Kraftwerk. Auch ein kleines Eishockey-Spielfeld gibt es und natürlich den Flughafen – die Lebensader des Dorfes. Die Kies-Piste, die Flugsicherheitsbeamten europäischer Prägung ein wenig Kopfschmerzen bereiten dürfte, ist mitsamt einer Baracke bei kleinlicher Definition sogar ein internationaler Flughafen.

Die meisten Maschinen kommen aus Fairbanks, der nächsten größeren Stadt in Alaska und bringen in einer guten Flugstunde Lebensmittel oder andere Waren. Manchmal ist auch eine Zahnarzt an Bord. Oder sogar ein paar Touristen, die sehen wollen, wie der Einheimische so lebt. Carroll fährt sie dann mit einem alten Schulbus durchs Dorf und erklärt ihnen, wie das Leben so aussieht.

Dass sich ein eigener Sozialarbeiter um das Alkoholproblem kümmert, das unter Indianern so stark ausgeprägt ist. Dass andererseits die Gemeinde einen kleinen Liquor-Shop betreibt, wo man Bier und Schnaps kaufen kann. Das Bier kostet sechs Dollar die Dose, der Preis ist etwa dreimal so hoch wie in der Stadt. Der Transport macht alles teuer.

Einige der Flugzeuge auf dem kleinen Airport kommen auch aus Kanada herüber. Donald Trumps Grenzfantasien sind hier graue Theorie. „Ich muss nicht einmal meinen Reisepass zeigen, mein Stammesausweis reicht“, sagt Carrol. Auch er ist Mitglied des Stammes der Gwitchin-Indianer, des nördlichsten Indianerstammes Nordamerikas. Ihr Gebiet reicht von Kanada herüber nach Alaska, die Ebene des Yukon bildet die Jagdgründe der Gwitchin.

Alaska ist der mit Abstand größte Bundesstaat der USA. Er ist auch der nördlichste und der westlichste. Mit dem 6190 Meter hohen Denali (bis 2015: Mount McKinley) steht der höchste Berg Nordamerikas in Alaska. Auf der 1,6 Millionen Quadratkilometer großen Fläche, 1867 vom klammen russischen Reich für 7,2 Millionen Dollar verkauft, spiegeln sich die Nordlichter in drei Millionen Seen. Damit gibt es in Alaska ungefähr viermal so viele Seen wie Menschen.

Hoffen auf die eisfreie Nordwest-Passage

Die Amerikaner machten nach der Übernahme zweierlei: Alaska wurde zum Zentrum für die Ausbeutung von Bodenschätzen – vor allem Öl und Gas wurden in dem arktischen Gebiet gefunden. Soviel Öl, dass eine mehr als 1200 Kilometer lange Pipeline den Rohstoff vom hohen Norden bis nach Valdez, einen eisfreien Hafen an der Südküste, bringt. Zudem wurde Alaska, auch wegen seiner geopolitisch strategischen Lage, zum Militärstützpunkt ausgebaut. 20.000 US-Soldaten sind dort stationiert.

Viele von ihnen blieben nach dem aktiven Dienst dort hängen. Veteranen, ihre Angehörigen und ihr Nachwuchs machen einen nicht zu unterschätzenden Teil der Bevölkerung aus. Weiße Zuwanderer, vor allem im urbanen Anchorage zu Hause, stellen inzwischen die Bevölkerungsmehrheit.

Und die haben mit den Sorgen und Nöten der Ureinwohner nicht viel am Hut. Dan Sullivan gehört dazu. In Ohio geboren und aufgewachsen, verschlug der Militärdienst beim US Marine Corps ihn vor fast 25 Jahren nach Anchorage, in die größte Stadt Alaskas. Er ist es, der für Alaska heute im US-Senat sitzt – nicht etwa ein Indianerhäuptling. „Man muss auch die Chancen sehen“, sagt Sullivan, wenn er über den Klimawandel spricht.

Eine im Sommer dauerhaft eisfreie Nordwest-Passage, ein Seefahrer-Traum seit Jahrhunderten, und die damit verbundenen wirtschaftlichen Möglichkeiten, schweben ihm vor. Frachtschiffe sparen so von New York nach Ostasien 4000 Kilometer, im Vergleich zur Route durch den Panamakanal. Von Europa aus ist die Ersparnis noch größer. Im August 2016 hatten Satelliten-Bilder der Nasa erstmals die komplette Durchfahrbarkeit gezeigt.


Ein verzweifelter Ruf nach mehr Wohlstand

Seefahrt und Öl – das sind die Branchen, die Alaska wirtschaftlich am Leben halten. 60 Prozent der Jobs in dem Bundesstaat hängen direkt oder indirekt davon ab. Kein Wunder dass die der Öl-Lobby nahestehenden Republikaner dort die Mehrheit halten, kein Wunder, dass der Hass auf Barack Obama groß ist, der Bohrlizenzen von Ölfirmen zurückhielt und ganze Meeresabschnitte unter Schutz stellte

„Wenn man das Wohl von zwei Dritteln der Bevölkerung abhängig macht von nur einer Branche, und diese auch noch Auflösungserscheinungen zeigt, dann kommt Frust heraus“, sagt Enei Begay, eine Aktivistin der Climate Action Coalition in Fairbanks.

Wer den Frust sehen und spüren will, muss ins „12-Mile-Roadhouse“ gehen, eine kleine Bar am Highway in dem Örtchen North Pole, zwischen Fairbanks und Anchorage. „Natürlich habe ich Trump gewählt“, sagt Rob, 58 Jahre alt und als gescheitert zu betrachten. „Das ist das mit Abstand kleinste von mehreren Übeln“, sagt er im Schein der im Sommer nicht untergehenden Sonne.

Langsam öffnet er die Lose der staatlichen Lotterie, die er sich mit jedem Drink über den Tresen reichen lässt. Ein verzweifelter Ruf nach mehr Wohlstand.

Wer mit Leuten wie Rob spricht, bekommt den ganzen Hass aufgetischt, der sich über die Jahre auf das politische Establishment im fernen Washington und anderswo aufgestaut hat. Hillary Clinton? „Eine Verbrecherin.“

Es herrscht eine düstere Stimmung in Alaska, obwohl schon im Frühjahr die Sonne fast durchgehend scheint, es jeden Tag sieben Minuten länger hell ist. Nicht viele Menschen sind fröhlich. Wortkarg ist als Beschreibung für den Redefluss bei manchem untertrieben.

Abgeschnitten vom Wohlstand der US-Ostküste und den großen Technologieregionen Kaliforniens, angewiesen auf Öl- und Gasbarone, teils aus dem Ausland, kämpfen die „Alaskans“ um ihre Existenzen. Zugezogene wie Ureinwohner. Und Donald Trump ist weit weg.

Quelle:  Handelsblatt Online
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