Algenplage im Arabischen Meer: Meerwasser wie Guacamole

Algenplage im Arabischen Meer: Meerwasser wie Guacamole

, aktualisiert 17. März 2017, 10:20 Uhr
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Durch die Klimaerwärmung haben sich die schädlichen Algen extrem ausgebreitet.

Quelle:Handelsblatt Online

Ein gigantischer grüner Algenteppich bedeckt das Wasser vor der Küste des Oman. Plankton wird verdrängt, Nahrungsketten werden gestört – dem Ökosystem im Meer droht der Kollaps. Grund dafür ist der Klimawandel.

MaskatDie Organismen sind zwar winzig klein. Doch ihre Zahl ist so groß, dass sie fast die gesamte Fläche zwischen dem Oman und Indien einnehmen. Zweimal im Jahr verfärbt eine schädliche Algenart weite Teile des Arabischen Meeres. Natürliches Plankton wird verdrängt, Nahrungsketten werden nachhaltig gestört – dem Ökosystem im Meer droht der Kollaps. Das Ausmaß der Plage lässt sich sogar aus dem All beobachten.

„Hier ist es, man kann es riechen“, sagt Chalid al Haschmi und rümpft die Nase. Der omanische Meeresbiologe gibt dem Kapitän des Forschungsschiffes ein Zeichen. Der Motor verstummt. Das Panorama der schroffen Felsenküste ist bezaubernd – ganz in Gegensatz zum Geruch. Die Luft ist erfüllt von den Ammoniak-Ausscheidungen der Algen. Der fallende Anker durchschlägt einen trüben grünen Film auf dem ansonsten kristallklaren Wasser.

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Die mikroskopisch kleinen Lebewesen unter der Wasseroberfläche im Golf von Oman gab es auch früher. Bis vor 30 Jahren waren sie aber praktisch nie zu sehen. Durch die Klimaerwärmung haben sie sich nun aber – ähnlich wie in anderen Teilen der Welt – extrem ausgebreitet.

Algen können, wenn sie in solch geballter Form auftreten, Fische lähmen, ihnen die Kiemen verstopfen oder ihnen schlicht den Sauerstoff rauben. Im Atlantik und im Pazifik haben Algengifte auch schon Wale, Schildkröten und Delfine getötet.

In den Großen Seen in Nordamerika, vor den Küsten Thailands und rings um die Seychellen blühen die Algen grün. In der Nähe von Florida sind sie rot, im Nordatlantik kreidig weiß, in der Meerenge Puget Sound im Nordwesten der USA orange. Die Iren nennen die Organismen „See-Geister“, in Taiwan kennt man sie als „blaue Tränen“. Die neuen Algenplagen sind ein globales Problem – an dem inzwischen weltweit geforscht wird.

Auch die Nasa hat das Phänomen im Blick, unter anderem mithilfe von Satellitenbildern und schwimmenden Robotern. Aus der Ferne sähen die riesigen Strudel auf dem Meer so aus „wie Van-Gogh-Gemälde“, sagt die bei der US-Raumfahrtagentur für das Thema zuständige Expertin Paula Bontempi. „Wirklich wunderschön.“ Aus der Nähe betrachtet sei es in einigen Fällen dagegen „fast wie Guacamole“. „Es riecht schlecht und sieht schlecht aus“, sagt Bontempi.


Kurzschluss in den Nahrungsketten

Wissenschaftler der New Yorker Columbia-Universität führen die Ausbreitung der Algen bei Oman auf ein verstärktes Abschmelzen des Eises im Himalaya zurück. Weniger Eis im Gebirge bedeutet demnach höhere Temperaturen auch in anderen Teilen Südasiens, was wiederum dem Südwest-Monsun über dem Indischen Ozean zusätzliche Kraft verleiht. Das übermäßige Aufwühlen von verschiedenen Wasserschichten könnte schließlich die Vermehrung der Algen begünstigt haben.

Gemeinsam mit dem örtlichen Kollegen al Haschmi verfolgen die beiden New Yorker Forscher Joaquim Goes und Helga do Rosario Gomes die Entwicklung in der Region seit 15 Jahren. Die Algenblüten hätten im Arabischen Meer einen „Kurzschluss in den Nahrungsketten“ verursacht, sagt Goes. Und dies bringe andere Meereslebewesen in Gefahr. Denn normalerweise würden solche Veränderungen sehr langsam ablaufen. „Hier passiert es über Nacht“, sagt Goes. „Der Wandel vollzieht sich direkt vor unseren Augen.“

Die Algenplage stellt auch die Wirtschaft des Oman vor neue Herausforderungen. Wegen der stark beeinträchtigten Sicht im Wasser ist es für Taucher schwieriger geworden, unterseeische Anlagen zur Gasförderung zu warten und zu reparieren. Außerdem können die Algen die Zuflussrohre von Meerwasserentsalzungsanlagen, die 90 Prozent des Trinkwassers im Land produzieren, verstopfen.

Auch der Tourismus ist betroffen. Die Zahl der bei Sporttauchern beliebten Walhaie ist wegen der Algen zwar gestiegen. Beim Anblick des trüben Wassers hätten viele Urlauber ihre Touren aber wieder abgesagt, bedauert Ollie Clarke, der in der Nähe der Hauptstadt Maskat als Tauchlehrer arbeitet. Einbußen haben zudem die Fischer des Landes zu beklagen. Im Jahr 2008 seien an den omanischen Küsten infolge einer besonders schweren Algenplage 50 Tonnen Fisch gestrandet und verrottet, sagt der Meeresökologe Ahmad al Alaui.

Untersuchungen im Labor haben gezeigt, dass sich die Algenart Noctiluca scintillans, auch Meeresleuchttierchen genannt, durch die zunehmende Belastung des Indischen Ozeans mit Treibhausgasemissionen in Zukunft noch weiter ausbreiten könnte. Die US-Wissenschaftler Goes und Gomes hoffen allerdings, die Folgen für den Oman mit einem Frühwarnsystem verringern zu können.

Saleh al Maschari, der schon in seiner Kindheit vor der Küste des Landes gefischt hat und nun als Kapitän des Forschungsschiffes die Algenplage hautnah erlebt, ist dennoch skeptisch – der Schaden sei schließlich bereits angerichtet. „Die Fische verschwinden“, sagt er. Sie bekämen einfach nicht genügend Luft.

Quelle:  Handelsblatt Online
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