Alisée de Tonnac: „Mehr als einen Monat kann ich nie im Voraus planen“

Alisée de Tonnac: „Mehr als einen Monat kann ich nie im Voraus planen“

, aktualisiert 04. Oktober 2016, 12:24 Uhr
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„Als Unternehmer bist Du die Maschine. Tust Du nichts, passiert nichts, aber setzt Du Dich in Bewegung, bewegt sich alles. Das fordert einen jeden Tag heraus.“ Quelle: Seedstars

von Corinna NohnQuelle:Handelsblatt Online

Für Start-Up-Sucherin Alisée de Tonnac heißt die Erfolgsformel: Tech und Schwellenländer. Ein Gespräch über Selbstzufriedenheit in Europa, Chancen in Afrika und die tägliche Angst vor der Frage: Bin ich eine gute Chefin?

Es ist nicht so, als läge Alisée de Tonnac das Internationale nicht: Der Vater war für ein internationalen Konzern tätig, die gebürtige Französin lebte schon als Kind in Singapur und im Silicon Valley, besuchte französische Eliteschulen, studierte in Lausanne und Bocconi. Aber mit 23 wurde sie dann endgültig zur Kosmopolitin - und zur Unternehmerin. Sie brach eine Bilderbuchkarriere bei LÒréal ab, ließ allen Glamour hinter sich und gründete Seedstars World; inzwischen der größte Wettbewerb für Start-Ups in Schwellenländern. Mittlerweile ist de Tonnac CEO des Unternehmens, das etwa 50 Mitarbeiter hat. Wer mit ihr spricht, gewinnt den Eindruck: Die Reise hat gerade erst begonnen. Am 6. Oktober, dem Tag der Deutschen Industrie, diskutieren wir live mit Alisée zum Thema „Starting Business in Emerging Markets“ beim Brunch Talk unseres Businessnetzwerks Leader.In Hier erfahren Sie mehr zum Brunch-Talk.

Liebe Frau de Tonnac, was tragen Sie denn heute: Hoodie oder Highheels?
Heute ist einer dieser seltenen Tage, an denen ich mal wieder Highheels trage! Ich bin gerade in Genf gelandet und treffe einige meiner Mitarbeiter.

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Sie sind jetzt oft im Kapuzenpulli anzutreffen, früher waren es immer die Highheels. Bis Sie vor vier Jahren Ihren Job als Produktmanagerin bei L'Oréal kündigten, mit Ihrem Freund Schluss machten und Ihre Koffer packten, um verheißungsvolle Start-Ups zu finden. Wo sind Sie gerade unterwegs?
Anfang des Monats war ich noch in Nigeria, dann ein Event in Barcelona, das Get-Together in Chamonix, eine ganz fantastische Konferenz. Nach meinem Besuch beim Tag der Industrie in Berlin werde ich nach Algerien reisen, wo großartige Unternehmer auf mich warten. Mein Terminplan für die nächsten drei Wochen steht – aber dann? Länger als einen Monat kann ich nie im Voraus planen.

Das war in Ihrem früheren Leben anders...
Ja, bei L'Oréal war mein Lebenslauf bis zur Rente durchgeplant.

Erinnern Sie sich an den Tag, als Sie beschlossen, Ihre Bilderbuchkarriere abzubrechen für eine ungewisse Zukunft? Da waren Sie 23 Jahre alt.
Man schnippt natürlich nicht mit dem Finger und sagt: Moment, ich bin zu selbstzufrieden geworden und muss mein Leben ändern. Das war eine Entwicklung. Ich bin dann im Netz auf ein Werbevideo von Nike gestoßen, darin poppt ein Zitat von Eleanore Roosevelt auf: „Do one thing every day that scares you“, „Mache jeden Tag etwas, wovor Du Angst hast“. Das ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich fragte mich: Was ist aus meinen Träumen geworden? Ist mein Leben das Leben, das ich wollte? Ich war so darauf versessen, den größten Fernseher zu haben, die besten Noten, den besten Lebenslauf – und auch L'Oréal war für Leute, die etwas im Marketing werden wollten, „the place to be“.

Und dann?
Ich habe angefangen, wieder mehr zuzuhören, was andere sagen und tun, und habe dann meinen Partner Pierre Pierre-Alain Masson getroffen. Er erzählte mir, dass er auf Start-Up-Suche gehen würde, und ich sagte: Verdammt, ich bin dabei. Ich bin noch nie ein Risiko eingegangen, aber jetzt.

Sie sind vor gut einem Jahr nach Lagos gezogen, aus Ihrer Sicht einer der größten und dynamischsten Tech-Standorte der Welt. Andere bringen Nigeria eher mit Korruption und Terror in Verbindung, etwa mit Boko Haram.
Es wäre unfair, dieses Land darauf zu reduzieren. Boko Haram ist grausam, Korruption ein Problem. Aber in Nigeria leben 180 Millionen Menschen, 18 Millionen davon in Lagos. Und ich habe 2013, als wir Seedstars aufbauten, schnell gemerkt: Egal ob Franzosen, Filipinos, Afrikaner, ob Arm oder Reich - 99 Prozent der Menschen wollen ihren Beitrag leisten, und in keinem Land gibt es nur Gangster oder nur Korrupte oder nur Warlords. Diese Erkenntnis hat mich wahnsinnig froh gemacht. Denn wenn man immer in seinem westeuropäischen Wohnzimmer vor dem Fernseher sitzt und dort den Horror sieht, der auf der Welt passiert, verliert man den Glauben an die Menschheit.


„In Nigeria verändert Uber das Leben“

„Mache jeden Tag etwas, wovor Du Angst hast“ - ist das Ihr Lebensmotto geworden?
Das Gute ist: Als Unternehmer bist Du die Maschine. Tust Du nichts, passiert nichts, aber setzt Du Dich in Bewegung, bewegt sich alles. Das fordert einen jeden Tag heraus, kann Angst machen, angefangen bei der Frage: Bist Du eine gute Chefin? Dann die Angst davor, auf einer Bühne zu stehen und eine Rede zu halten.

Aber Sie machen das andauernd!
Ja, trotzdem fühlt es sich jedes Mal so an, als wäre es das erste Mal. Dann reise ich ja auch immer wieder ins Ungewisse, wie jetzt nach Algerien – obwohl mein Vater dort geboren wurde, kenne ich das Land nicht. Und natürlich habe ich gewisse Sorgen, wenn ich in Nigeria Termine in etwas seltsamen Ecken wahrnehme.

Anfangs bezweifelten Sie, dass Sie in Lagos ohne Bodyguards, die Sie sich nicht leisten können, überleben würden. Wie kommen Sie nun von A nach B?
Mit Uber! In Europa ist das nur ein Transportservice, um billiger als im Taxi von A nach B zu kommen. Die Leute in Europa verdammen solche Technologien, aber sie vergessen, was andernorts daran hängt. In Nigeria verändert Uber das Leben. Es gibt plötzlich eine App, die meinen Fahrer überprüft hat, die die Fahrt per GPS nachvollziehbar macht, ich muss kein Bargeld mit mir herumschleppen. In vielen Ländern ist das eine großartige Verbesserung der Sicherheit, Mobilität, Bequemlichkeit.

In Lagos sind Sie weit entfernt von der Bequemlichkeit Westeuropas.
Meine Freunde jammern manchmal: Ach, es dauert 48 Stunden, bis Amazon meine DVD ausliefert. Da muss ich lachen. Wenn ich in Nigeria etwas ordere, steht da: Lieferzeit zwei bis vier Wochen.

Bei Ihren Vorträgen auf Tech-Konferenzen zeigen Sie auch mal Bilder von Warteschlangen vor den Tankstellen, jeder hat einen Kanister in der Hand.
Ja, das hat mich schockiert. In einem Land, das Erdöl produziert, geht das Benzin aus. Wir stehen dann stunden-, tagelang an, um Nachschub zu bekommen. Das ist ein riesiges Problem, denn wir haben oft nur ein paar Stunden am Tag Strom, in der übrigen Zeit läuft alles mit Generatoren. Ist das Benzin alle, steht das Land still: die Banken machen zu, die Geschäfte, die Fabriken, selbst eine Telefonkonferenz bricht dann zusammen.

Und doch gehen Sie ganz bewusst in Länder wie Nigeria, um zu investieren. Machen das Improvisationstalent und der Erfindungsgeist solche Mankos wett?
Je größer die Hindernisse, desto größer die Kreativität, um sie überwinden.

Haben die Menschen in der Not also die besseren Ideen?
Sie haben nicht die besseren Ideen – in Hubs wie dem Silicon Valley, in London oder in Tel Aviv entstehen nach wie vor die großen, fundamentalen Technologien. Aber wenn vier von fünf Menschen in Entwicklungsländern leben, ist es vermessen zu behaupten, dass alle schlauen Leute in Europa oder den Vereinigten Staaten sitzen. Afrika mag nicht dieselbe Infrastruktur haben, aber das Potenzial ist riesig. Und gerade weil die Regulierung gering ist und viele Leute von Grund auf starten, können solche Länder auch ein interessantes Testgebiet für manche Technologie sein.

Zum Beispiel?
In Ruanda soll der erste Drohnen-Flughafen den Betrieb aufnehmen, um schnell benötigte Blutkonserven in die Krankenhäuser zu transportieren. Der Flughafen ist noch nicht in Betrieb, aber die Regierung ist ernsthaft darum bemüht. Das ist spannend, gerade im Vergleich mit Europa, wo die Leute Drohnen geradezu verteufeln.


„Wir schlafen nicht im Hotel, sondern im Hostel“

Afrika ist Europa in manchem technologischen Bereich voraus, zum Beispiel beim mobile banking, dem Bezahlen per Handy. In Afrika ist das längst gang und gäbe. Haben die hochentwickelten Industrieländer ihren Pioniergeist verloren? Sind sie zu selbstzufrieden?
Nun, es sind 500 Global Player in den vergangenen zehn Jahren pleite gegangen, weil sie es verpasst haben, ihr Geschäftsmodell anzupassen. Seedstars World hat seinen Ursprung in der Schweiz, und hier beobachte ich: Die Arbeitslosenrate ist lächerlich niedrig, die Landschaft ist atemberaubend, der Ruf ist gut – warum also raus aus der Komfortzone, ein neues Unternehmen gründen, eine Branche aufmischen? Andere Länder in Europa hat die Finanzkrise hart getroffen, viele Menschen haben ihre Arbeit verloren. Das ist einerseits dramatisch, andererseits ist viel Bewegung in diese Länder gekommen, und Unternehmergeist ist sicherlich eine gute Antwort auf  diese Krise. Ich bin gespannt, ob die europäischen Regierungen jetzt eine Atmosphäre schaffen, in der es Spaß macht, zu gründen, in neue Ideen und Unternehmen zu investieren.

Nun sagen Sie bewusst: Technologie und Unternehmer aus Schwellenländer sind die Kombination der Zukunft.
Wenn wir dorthin wollen, wo die Wachstumsraten zweistellig sind, kommen wir nicht an den Emerging Markets vorbei. Stellen Sie sich vor: Vier Milliarden Menschen haben noch keinen Internetzugang – für mich sind das sind vier Milliarden Möglichkeiten. Bangkok und Jakarta sind die Städte mit den meisten Facebook-Nutzern, und schon 2020 werden vier von fünf Smartphone-Besitzern in Schwellenländern zu Hause sein – das ist quasi morgen! Facebook und Google wissen das längst und investieren. Mark Zuckerberg ist zum Beispiel neulich auch nach Nigeria gekommen, um mit lokalen Partnern mehr Menschen ans Internet zu bringen.

Sie waren also vor Zuckerberg in Nigeria. Zuerst da sein – das heißt auch, in Länder zu reisen, wo Sie vorher noch nie waren. Wie schaffen Sie es, so schnell in die Kultur eines Landes einzutauchen, um weitreichende Investitionsentscheidungen zu treffen?
Ich habe gelernt, dass in diesem Geschäft das Gespräch von Angesicht zu Angesicht durch nichts zu ersetzen ist. Es gibt zum Beispiel Länder, gerade in Afrika, in denen Leute keine E-Mails beantworten, da müssen Sie telefonieren, vor Ort sein, reden. Also haben wir Teams, die herumreisen, unsere Events und die persönlichen Treffen vorbereiten. Vor Ort versuchen wir dann immer, ganz nah dran zu sein am echten Leben.

Wie machen Sie das?
Wir schlafen nicht im Hotel, sondern im Hostel oder buchen über Airbnb. Sehr oft übernachten wir auch bei Leuten aus unserem Netzwerk, bei Unternehmern, privat zu Hause. Wenn Sie leben, essen, schlafen wie die Leute vor Ort, dann tauchen Sie ganz schnell ein in eine Kultur.

Ihr Start-Up-Wettbewerb läuft in 65 Ländern und ist damit der größte in Schwellenländern, außerdem bietet Ihr Unternehmen Co-Working-Spaces an, bildet vor Ort Unternehmer weiter, Sie investieren selbst in ausgewählte Start-Ups. Was ist Ihre Vision für Seedstars?
Wir möchten nicht nur ein paar Unternehmen aufbauen, sondern die Plattform sein, an der keiner vorbeikommt, der in Schwellenländern investieren, Unternehmen aufbauen, Leute anheuern will. In zehn Jahren möchten wir in 15 Ländern aktiv sein, von Kolumbien bis zu den Philippinen, von Ägypten bis Südafrika. Aktiv sein heißt: mit unseren Wettbewerben, unserem Netzwerk, unserer Academy für Unternehmerfortbildung. Wir wollen ein Netzwerk von über 100 Unternehmen sein und die exklusive Community für Tech-Unternehmer und Change Makern in diesen Märkten.


„Wir führen keine Debatten über die Vorteile von Diversity“

Gibt es eine Erfolgsgeschichte, die für das steht, was Sie mit Seedstars erreichen möchten?
Ich wünschte, es gäbe diese eine Anekdote. Aber wir investieren in Unternehmen, die jünger sind als zwei Jahre, die also noch keine immensen Erfolge vorzuweisen haben. Das einzige, was wir beurteilen können, ist der Unternehmer selbst. Da gibt es die 27-jährige Vietnamesin mit drei kleinen Kindern, die für den Traum einer globalen Reiseplattform arbeitet. Die Gründerin aus Pakistan, die feststellt, dass keine Frau mit Doktortitel praktiziert, weil alle zu Hause bleiben – und dann ein System aufbaut, mit dem dieses Frauen von zu Hause aus arbeiten und Diagnosen für andere Frauen in entlegenen Gebieten stellen können.

Wir sprechen in Deutschland viel über Frauenförderung und personelle Vielfalt. Sie haben dauernd mit Leuten unterschiedlichster Hintergründe zu tun. Wie wirkt diese Debatte auf Sie?
Sie ist wichtig – aber natürlich wird sie überall ganz unterschiedlich geführt. Ich kenne Frauen mit großartigen Geschäftsideen, die erst mal ihre Männer oder ihre Gemeinde überzeugen müssen, dass sie arbeiten dürfen. Dann gibt es zum Beispiel in Iran mehr Ingenieurinnen als Ingenieure, in Jordanien gibt es unglaublich starke Unternehmerinnen, weil sie große Unterstützung von Königin Rania erhalten haben. Grundsätzlich wissen mittlerweile alle Global Player um die Vorteile internationaler Teams und Talentpools.

Wie handhaben es in Ihrem eigenen Unternehmen?
Wir bei Seedstars führen keine Debatten über die Vorteile von Diversity, sie ist einfach zu offensichtlich: Wir sind 50 Mitarbeiter, die Pässe aus 18 verschiedenen Ländern haben. Ich bin die Chefin, und bei uns arbeiten mehr Frauen als Männer. Trotzdem entdecke ich auch an mir manchmal dieses Syndrom zu denken, Frauen, ich eingeschlossen, sind nicht gut genug in dem, was wir tun. Und die Managerin in mir denkt manchmal, wie einfach es mit Männern sein kann – die zweifeln nie daran, dass sie eine Aufgabe erfüllen können. Ich bin dann vielleicht auch mal in Gefahr, Kollegen zu bevorzugen, denn es kostet mehr Kraft und Überzeugung, Frauen zu ermutigen und klar zu machen: Du kannst das auch. Aber ich versuche immer, mir das bewusst zu machen und diese Überzeugungsarbeit zu leisten.

Vermissen Sie eigentlich etwas aus Ihrem alten Job?
Ich wünschte, mein Make-up wäre immer noch umsonst... nein, Scherz beiseite. Ich habe dort viele tolle Leute getroffen, viel gelernt, aber ich vermisse nichts. Zu gehen, war die beste Entscheidung meines Lebens. Manchmal hadere ich damit, seit Jahren nirgendwo zu Hause zu sein. Aber wenn ich dann ich irgendwo länger bleibe, zieht es mich weiter – es ist paradox, ich habe dafür noch keine Lösung gefunden.

Frau de Tonnac, ich danke Ihnen für das Interview.

Quelle:  Handelsblatt Online
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