Alte Munition in Nord- und Ostsee: Tickende Zeitbombe am Meeresgrund

Alte Munition in Nord- und Ostsee: Tickende Zeitbombe am Meeresgrund

, aktualisiert 13. Mai 2017, 09:00 Uhr
Bild vergrößern

Munition aus dem Zweiten Weltkrieg ist am Meeresgrund eine tödliche Gefahr.

Quelle:Handelsblatt Online

Millionen Tonnen alter Kampfstoffe lagern auf dem Grund von Nord- und Ostsee – gefährliche Überbleibsel der Weltkriege. Mit Wegschauen lässt sich das Problem nicht lösen, doch die Beseitigung der Granaten ist teuer.

RostockDie Zahlen sind gigantisch und in ihrer Dimension kaum fassbar: Etwa 1,6 Millionen Tonnen konventionelle und 220.000 Tonnen chemische Kampfmittel sollen in Nord- und Ostsee noch schlummern – gefährliche Überbleibsel der beiden Weltkriege. Und als ob das nicht reicht, rechnen Experten mit großen Mengen an Blindgängern aus dem militärischen Übungs- und Erprobungsbetrieb zu Friedenszeiten.

„Es ist inzwischen erkannt worden, dass man etwas tun muss“, sagt Edmund Maser vom Institut für Toxikologie und Pharmakologie der Universität Kiel. Denn dank der Forschungen seines Teams sei klar, dass freigesetzte Schadstoffe von Meerestieren aufgenommen werden.

Anzeige

Lange Zeit sei man davon ausgegangen, dass es reicht, die Munition abzudecken und sich selbst zu überlassen. Doch die Granaten rosten und geben ihre Inhaltsstoffe frei. Wie es dann mit diesen Stoffen weitergeht, ist eine der zentralen Fragen bei einem Symposium kommende Woche im Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW).

Schon die Geschichte, die zum Ablagern dieser Unmengen Kampfstoffe führte, ist abenteuerlich. Sie stammten zum größten Teil aus deutschen Beständen, die im Krieg nicht genutzt wurden.

„Die Alliierten hatten Angst, dass die Deutschen damit eine Art Partisanenkrieg führen könnten und schütteten einfach alles ins Meer“, berichtet Jens Greinert vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Er ist Leiter des Projektes „Umweltmonitoring für die Delaboration von Munition im Meer“ (Udemm).

Die Strategie „Aus dem Auge, aus dem Sinn“ sei nicht aufgegangen, sagt Greinert. Selbst nach mehr als 70 Jahren sind die Kampfstoffe keineswegs ungefährlich. So könne der Sprengstoff TNT nach wie vor explodieren, der TNT-Abbaustoff ADNT sei hochgiftig.

„Aber es fehlt das Basiswissen, eine Folge der jahrzehntelangen Untätigkeit“, so Greinert. Die Politik habe das jedoch inzwischen verstanden. Nun gehe es daran zu erkunden, „was da unten vor sich geht.“


Tauchroboter sollen die Granaten aufschneiden

Es gibt Pläne, dass künftig ferngesteuerte Roboter die Granaten aufschneiden und den Sprengstoff inaktivieren. Zuvor muss aber bekannt sein, ob dabei Stoffe freigesetzt werden und wie sich das auf die Umwelt auswirkt. Bei den Untersuchungen helfen auch Meerestiere.

Muscheln etwa sind hocheffektive Wasserfilter und pumpen pro Stunde mehrere Liter Wasser durch ihren Körper. Die Kieler Forscher setzen sie in kleinen Körbchen unter anderem auf die Granaten. Bei Vorher-Nachher-Messungen zeigte sich schon, dass sich schädliche TNT-Abbauprodukte im Muschelgewebe anreichern.

„Wir haben das Problem der austretenden Schadstoffe also schon jetzt“, sagt Toxikologe Maser. Er geht davon aus, dass die Stoffe irgendwann „auf unseren Tellern“ landen. Es gibt allerdings keine verbraucherrelevanten Grenzwerte, nach denen sich die Gesellschaft richten könne. Zudem summieren sich die verschiedenen Schadstoffe.

Ein vom IOW entwickeltes Simulationsmodell könnte Aufschluss geben, wie sich die Sprengstoffe ausbreiten. Grundlage sei das Wissen um Strömungen oder Temperaturen in der Ostsee, sagt IOW-Forscherin Anja Eggert. Das Modell gebe Hinweise, wann eine Bergung mit der damit verbundenen Gefahr von Freisetzungen sinnvoll erscheint oder ob sie zum geplanten Zeitpunkt wegen ungünstiger Strömungen in Richtung Küste nicht ins Auge gefasst werden soll.

Das Modell erleichtere aber auch die Suche nach womöglich unbekannten Quellen der Sprengstoffe, so Eggert. Tauchen irgendwo Kampfstoffe in hohen Konzentrationen auf, kann zurückgerechnet und die Quelle so möglicherweise identifiziert werden.

Klar ist allen Forschern, dass die Beseitigung der Kampfstoffe in Nord- und Ostsee Milliarden verschlingen wird. Denn die Gefahr wird mit der zunehmenden Nutzung küstennaher Meeresgebiete immer größer. Es werden Fahrrinnen für Schiffe freigelegt und Pipelines gebaut, Offshore-Parks brauchen Landstromanbindungen. Das steigt das Risiko, dass irgendwo eine Granate hochgeht.

Und selbst wenn nicht, wächst die Gefahr, dass die Kampfmittel das Meer verseuchen. Denn auch wenn für die Granaten haltbare Materialien verwendet wurden – irgendwann geben sie alle ihren Inhalt frei.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%