Amazon automatisiert Lager: Wenn das Regal Räder bekommt

Amazon automatisiert Lager: Wenn das Regal Räder bekommt

, aktualisiert 14. Juli 2017, 09:56 Uhr
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Drei Roboter von 80.000: Amazon baut die Geräte selbst.

von Joachim HoferQuelle:Handelsblatt Online

Wo früher Menschen zu Regalen eilten, um Windeln, Smartphones und Bücher einzusammeln, sind nun Hunderte von Robotern im Einsatz. Wie Internetriese Amazon seine Lager automatisiert – und die Konkurrenz unter Druck setzt.

ManchesterFrüher gab es Schiebespiele als Werbegeschenk an der Tankstelle. Da mussten kleine Plättchen auf einer quadratischen Plastikscheibe, groß wie ein Bierdeckel, hin- und hergeschoben werden; so lange, bis die Zahlen in der richtigen Reihenfolge angeordnet waren. Ein Geduldsspiel für Kinder auf der langen Fahrt in die Ferien.

Die modernen Logistikzentren von Amazon erinnerten ihn ein wenig an jene Schiebespiele aus seiner Jugend, meint Roy Perticucci. Der Italoamerikaner ist für die gesamte Logistik des amerikanischen Internetkaufhauses in Europa zuständig. In der Tat: Hunderte Roboter schleppen lautlos Regale durch den Raum, kreuz und quer, mal schneller, mal langsamer, aber nie in Kurven; stets ändern die Maschinen ihren Weg im rechten Winkel. Bislang sind Menschen von Regal zu Regal geeilt, um Pampers und Seife, Smartphones und Bücher einzusammeln. Alles, was die Kunden auf der Webseite von Amazon eben so ordern. Nun bringen die elektrischen Helfer die Regale zu den Mitarbeitern.

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Vergangene Woche hat der Manager einige ausgewählte europäische Journalisten in sein neuestes Logistikzentrum im nordenglischen Manchester eingeladen. Der Standort ist eine Blaupause, wie es bald in zahlreichen anderen Verteilzentren des US-Konzerns aussehen wird. Und nicht nur dort: Amazon gibt seit Jahren den Takt im Onlinehandel vor. Viele Konkurrenten werden daher nicht darum herumkommen, technisch ebenfalls aufzurüsten.

Durch die Roboter liefere Amazon schneller, günstiger, zuverlässiger. „Auf derselben Fläche bringen wir wesentlich mehr Ware unter“, betont Perticucci. Das ist ein enormer Vorteil, denn in vielen Ländern tobt ein Kampf um die Grundstücke. Auch in Deutschland. „Große Einzelhändler suchen gerade gigantische Flächen“, sagt Kuno Neumeier, Chef des Münchener Logistikimmobilien-Beraters Logivest. Die quadratischen Regale in Manchester stehen dicht gedrängt, die breiten Gänge für die Mitarbeiter braucht es nicht mehr. Die orange-schwarzen Roboter fahren einfach unter die gut zwei Meter hohen Regale, heben sie an. Anschließend geht es im Eiltempo zu den Leuten am Rand des Lagers. Die Arbeiter nehmen die bestellten Produkte heraus, reichen sie an jene Kollegen weiter, die dann die Pakete schnüren. Die Regale samt Roboter sind da schon wieder verschwunden.

Die Transportmaschinen kommen nicht viel anders daher als Mähroboter für den heimischen Rasen. Doch sie haben mehr Power und können gut 300 Kilo schultern. Mehr noch: statt riesiger, hoher Hallen lassen sich die Regale jetzt in vergleichsweise niedrigen Räumen anordnen. So lagert Amazon in Manchester die Artikel auf drei Stockwerken und kann dadurch eine größere Auswahl vorhalten.

Derart wie in Manchester, so rasen die Roboter bereits in vier anderen sogenannten Fulfillment-Centern in Europa über den glatten, grauen Betonboden. Doch es entstehen gerade noch viel mehr neue Lager bei Amazon. Bis Jahresende will Perticucci 15 zusätzliche Standorte auf dem gesamten Kontinent eröffnen, sechs davon wird der Ex-Manager der Supermarktkette Tesco mit Robotern ausstatten. In Deutschland baut der Konzern für 90 Millionen eine hochautomatisierte Filiale in Winsen, südlich von Hamburg.

Perticucci beteuert, dass durch die Roboter kein Job verloren gehe; zumindest nicht bei Amazon. Wie viele Stellen weniger wendige Konkurrenten abbauen müssen, weil sie nicht mehr konkurrenzfähig sind, das weiß niemand. Der US-Konzern nutzt die Maschinen nur an neuen Standorten, bestehende Lager werden nicht aufgerüstet. Dabei sollen in den sechs neuen Robo-Standorten, die dieses Jahr in Europa öffnen, langfristig 8 000 Arbeitsplätze entstehen. In Winsen hat Amazon 1 000 Stellen zu besetzen.


Die Roboter baut Amazon selber

Der Konzern verlässt sich auf Technik, die er sich durch die Übernahme des amerikanischen Roboterherstellers Kiva vor fünf Jahren ins Haus geholt hat. Die Geräte baut Amazon selbst, weltweit drehen in dem Konzern 80 000 Roboter ihre Runden; jedes neue Lager braucht ein paar Tausend zusätzlich. Auch die Software entwickelt Amazon selbst. Die Roboter orientieren sich mit Hilfe von QR-Codes auf dem Boden.

Amazon ist mit seinen Lager-Robotern ein Vorreiter. Der IT-Branchenverband Bitkom hat im Frühjahr mehr als 500 deutsche Unternehmen befragt. Demnach setzen nur 16 Prozent solche Apparate ein. Immerhin: Rund ein Fünftel nutzen fahrerlose Staplersysteme und vernetzte Container. Trotzdem findet Bitkom-Geschäftsführer Bernhard Rohleder, dass die Firmen stärker auf moderne Techniken setzen sollten: „Wenn man die Zukunftsszenarien, von denen die Unternehmen überzeugt sind, mit dem heutigen Einsatz und den konkreten Planungen vergleicht, dann ist das ein Warnsignal.“

Amazon ist allerdings weit davon entfernt, den gesamten Versand zu automatisieren. So sind die Regale in Manchester nur mit handlicher Ware bestückt. Wenn es sperrig wird, müssen nach wie vor die Mitarbeiter ran, an anderen Standorten.
Die heutigen Roboter sollen erst der Anfang sein. „Wir sind in einem Stadium wie einst in der Massenproduktion, als das Fließband Einzug hielt“, betont Perticucci. So ist es kein Wunder, dass so mancher Amazon-Mitarbeiter inzwischen statt von einem Lager von einer Fabrik spricht.

Quelle:  Handelsblatt Online
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