Amazon gegen DHL und Hermes: Wenn der Onlinehändler zweimal klingelt

Amazon gegen DHL und Hermes: Wenn der Onlinehändler zweimal klingelt

, aktualisiert 08. Januar 2016, 19:58 Uhr
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Der Onlinehändler hat in Großbritannien und den USA bereits Erfahrungen gesammelt mit einem eigenen Liefernetz. Nun nimmt Amazon Deutschland ins Visier.

von Christoph SchlautmannQuelle:Handelsblatt Online

Das Online-Kaufhaus Amazon will in Deutschland einen Zustellservice aufbauen, um unabhängiger von Paketdiensten wie DHL und Hermes zu werden. Denen schmeckt der Vorstoß des US-Warenhändlers überhaupt nicht.

DüsseldorfWovor die Paketdienste DHL/Deutsche Post und Hermes seit Monaten zittern, dürfte für sie nun zur Gewissheit werden. Das Online-Kaufhaus Amazon, in Deutschland für den Versand fast jedes siebten Pakets verantwortlich, will nach eigenen Angaben hierzulande einen eigenen Zustelldienst aufbauen. Die bisherigen Marktführer verlieren damit Umsätze ihres Großkunden.

Nach dem Vorbild bereits bestehender Auslieferungstöchter in den USA und Großbritannien war Amazon am 19. Oktober auch in Deutschland gestartet. Seither schickt der Internethändler im Münchener Raum rund 200 Fahrer auf Auslieferungstour. Beschäftigt sind sie bei sechs lokalen und regionalen Kurierdiensten. Eine 12.000 Quadratmeter große Halle bei Olching dient als Warenverteilzentrum.

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Dabei soll es nicht bleiben, wie Bernd Schwenger, Director Amazon Logistics, der Fachzeitung DVZ anvertraute. „Zunächst werden wir andere Metropolen angehen und in Stadtnähe Verteilzentren aufbauen“, kündigte er an. Zudem will Amazon nicht allein auf externe Dienstleister vertrauen wie bisher. Es sei wichtig, sagte Schwenger, eigene Kapazitäten aufzubauen, bevor Engpässe entstünden. Im Sommer war der US-Konzern in die Klemme geraten, weil Fahrer der Deutschen Post wochenlang streikten. Das allerdings sei nicht der entscheidende Grund für den beabsichtigten Aufbau eines firmeneigenen Auslieferungsdienstes gewesen, sagte Schwenger im Interview. Es gehe dem Internetkaufhaus vor allem um die nötige Flexibilität.

Noch allerdings sei die Standortsuche schwierig. Amazon halte Ausschau nach passenden Logistikimmobilien im Umland der Großstädte. Werden die Amerikaner fündig, könnte dies den deutschen Zustellmarkt, in dem zuletzt schätzungsweise 2,8 Milliarden Endkundenpakete pro Jahr ausgeliefert wurden, heftig durcheinanderwirbeln.

Doch damit nicht genug. Gleichzeitig setzt Amazon seit dem Start des Weihnachtsgeschäfts auf sogenanntes Sameday-Delivery. Wer am Morgen bestellt, so lautet das Versprechen, soll das gewünschte Produkt noch am selben Tag erhalten – zwischen 18 und 21 Uhr, und das bislang in 14 Metropolregionen. Unterstützt werden die Amerikaner dabei – noch – von der Hamburger Otto-Tochter Hermes, die sich vergangenes Jahr bei einem darauf spezialisierten Kurierdienst eingekauft hat. Dass bei den jüngsten Kundenbefragungen nur 1,6 Prozent der Verbraucher Interesse an einer taggleichen Zustellung zeigten, stört in der Branche wenige. Mit Eifer arbeiten nahezu alle Versender und Paketdienste daran, sich von der Konkurrenz mit Hilfe ausgeklügelter Zusatzleistungen abzusetzen.


Schneller Service für zahlende Kunden

Erst recht Amazon. Die Amerikaner bieten den schnellen Service inzwischen ihren schätzungsweise fünf Millionen deutschen „Prime“-Kunden an. Für jährlich 49 Euro erhält diese Kundengruppe beim weltgrößten Onlinehändler zudem weitere Vorzugsbehandlungen, darunter einen kostenlosen Musik-Streamingdienst oder den Zugang zu einer Video-Bibliothek. Die Eilzustellung ist für „Prime“-Kunden kostenfrei. Wer nicht dazugehört, zahlt pro Sameday-Belieferung zehn Euro – einen Betrag, der sich mit einem einfachen Klick auf den „Prime“-Mitgliedsantrag leicht sparen lässt.

Den beiden Privatpaket-Marktführern DHL und Hermes dürfte das kaum schmecken. In Großbritannien hatte ein ähnlicher Schritt 2014 zur Folge, dass der angestammte Pakettransporteur Royal Mail seine Wachstumsprognose halbierte und damit für einen Kurseinbruch seiner Aktie sorgte. Auf der britischen Insel soll Amazon mit eigenen Logistikdrehscheiben und 45 Kurierdiensten inzwischen die Hälfte der Sendungen in Eigenregie zustellen – jedenfalls zeitweise.

Auskömmliche Margen wird der US-Konzern mit seinem Lieferdienst in Deutschland kaum erzielen. Über den Gewinn nämlich entscheidet die Größe des Geschäfts, wie eine einfache Rechnung zeigt: Wer in einer Straße zehn Pakete zustellt, den kostet das kaum mehr als eine Einzelsendung. In die Kasse aber fließt der zehnfache Erlös.

Im deutschen Paket- und Expressmarkt, der zuletzt 16,6 Milliarden Euro Umsatz generierte, hat die Deutsche Post bei den Kosten auch aus einem anderen Grund die Nase vorn. Sie ist nämlich nicht nur mit 44 Prozent Marktanteil der größte Paketzusteller des Landes. Die Bonner besitzen außerdem einen einzigartigen Kostenvorteil, weil sie mehr als zwei Drittel der Pakete gemeinsam mit den Briefsendungen zustellen.

Amazon-Chef Jeff Bezos dürfte das egal sein. Denn eines schafft er mit seinem Vorstoß ganz sicher: die Zustellpreise unter Druck zu setzen. Die Anlaufkosten dafür nimmt der US-Konzern, der an der Börse aktuell mit 270 Milliarden Euro bewertet wird, womöglich aus der Portokasse.

Quellle:  Handelsblatt Online
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