Angriff auf Goldman Sachs: Die verlorene Dekade der Investmentbank

Angriff auf Goldman Sachs: Die verlorene Dekade der Investmentbank

, aktualisiert 27. April 2016, 09:47 Uhr
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Analyst Dick Bove hält das Geschäftsmodell der Investmentbank für veraltet.

von Frank WiebeQuelle:Handelsblatt Online

Goldman Sachs ist eine der größten und schillerndsten Investmentbanken der Welt. Der bekannte Analyst Dick Bove spricht dennoch von einer verlorenen Dekade – und hat damit nicht ganz unrecht.

New YorkLloyd Blankfein, der Chef von Goldman Sachs, ist es gewohnt, von politisch motivierten Kritikern wie Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders angegriffen zu werden. Aber rein geschäftlich hat die Investmentbank immer noch einen Ruf wie Donnerhall. Um so auffälliger ist daher eine Attacke des bekannten Analysten Dick Bove von der Anlagegesellschaft Rafferty Capital auf das legendäre Geldhaus. Er spricht in einer neuen Analyse von einer „verlorenen Dekade“ für Goldman. Und hat seine These zeitgleich auch im Gespräch mit dem Fernsehsender CNBC verbreitet.

Bove ist sein Jahrzehnten in der Branche und bekannt wie ein bunter Hund. Er kümmert sich wenig um die Meinung anderer Analysten und provoziert gerne mit spitzen Thesen. Sogar bei politischen Themen nimmt er kein Blatt vor den Mund und kritisiert immer wieder, die harte Regulierung der Banken nach der Finanzkrise schade der Branche nur und sei ein Nachteil für Amerika im Konkurrenzkampf mit den Chinesen. Jetzt wirft er Blankfein aber vor, er habe sich und das Geschäftsmodell seiner Bank zu wenig an die neuen Gegebenheiten angepasst. Ungewöhnlich für einen Analysten: Gleich zum Einstieg seiner Analyse kritisiert er, Blankfein und sein Chief Operating Officer Gary Cohn hätten 2006 bis 2015 zusammen mehr als eine halbe Milliarde Dollar an Vergütungen kassiert.

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Seit Ende 2006 habe die Aktie von Goldman fast 20 Prozent an Wert verloren, rechnet er vor. Zugleich sei der breite US-Aktienmarkt seitdem um nahezu 50 Prozent angestiegen. Die Bank habe zwar ihre Aktienbasis erweitert, aber zugleich seien die Erträge zurückgegangen. „Es ist nicht schwer zu verstehen, was mit Goldman Sachs in der vergangenen Dekade passiert ist“, schreibt er. „Die Branche, der Goldman dient, wurde dramatisch umstrukturiert. Goldman dagegen nicht.“

Blankfein habe zwar einen guten Job dabei gemacht, sich an veränderte Anforderungen der Kunden anzupassen. Aber Bove ist das nicht genug. „Was das Management nicht begriffen hat, ist, dass es wichtiger wäre, eine Transformation einzuleiten, die eine bessere Nutzung des Kapitals ermöglicht, statt sich an ein Geschäft zu hängen, das einen säkularen Abwärtstrend erlebt.“

Hinter dieser komplizierten Formulierung verbirgt sich Boves Pessimismus für die gesamte Finanzbranche. Und er sieht Goldman Sachs in der Rolle als klassische Investmentbank als zu abhängig von dieser Branche an. Scharfzüngig setzt er hinzu: „Goldman argumentiert, es gelte langfristig zu agieren und nicht nur von Quartal zu Quartal. Aber eine Dekade ist eine lange Frist. Das Unternehmen muss seine Strategie überdenken.“ Bove bleibt freilich Vorschläge schuldig, was genau Goldman hätte machen sollen, statt weiter als Investmentbank zu arbeiten. Aber es ist ja auch nicht der Job eines Analysten, neue Strategien zu erarbeiten.


Goldman hat zuletzt versucht möglichst wenig von sich reden zu machen

Der Vergleich von 2006 mit 2015 hat es in sich. Denn 2008 wurde die gesamte Branche von der großen Finanzkrise erfasst, die alle Geldhäuser unter Druck gesetzt hat. Goldman kam dabei noch relativ gut über die Runden. Bove merkt aber an, dass die Bank 2007 ihren Höhepunkt erlebt habe – ein Vergleich der heutigen Situation mit diesem Jahr sehe noch schlechter aus.

Goldman hat sich nach der Krise darauf verlegt, sein Geschäftsmodell als Investmentbank zu verteidigen und davon zu profitieren, dass Konkurrenten sich aus dem Bereich zurückziehen. Blankfein ist mit seinem Geldhaus in den Jahren seit 2008 häufig als Symbol des Kapitalismus angegriffen worden, vor allem von der Protestbewegung „Occupy Wall Street“. Für einige Jahre löste ihn JP-Morgan-Chef Jamie Dimon als Buhman der Branche ab, nachdem seine Banken hohe Strafzahlungen für Verfehlungen der Vergangenheit leisten musste. Bernie Sanders, der bewusst an den Protest von „Occupy“ anknüpft, hat sich zuletzt aber wieder Blankfein vorgeknöpft.

Goldman hat in den letzten Jahren versucht, möglichst wenig von sich reden zu machen. Zaghaft versucht die Bank inzwischen, sich etwas näher dem Modell einer traditionellen Bank zu nähern und so direkter für einzelne Kunden zu arbeiten statt als Dienstleister für die eigene Branche aufzutreten. Vor kurzem gab Goldman sogar den Einstieg ins Einlagengeschäft mit Kleinkunden bekannt.

Außerdem gilt die Investmentbank als wichtiger Investor im Bereich der neuen Fintech-Unternehmen. Sie hat eine eigene Einheit, die in dem Bereich strategische Investments eingeht, hält sich aber auf Anfrage zu genaueren strategischen Zielen relativ bedeckt. Letztlich investieren zurzeit alle großen Banken in Fintech-Unternehmen und experimentieren zugleich selber mit neuer Technik.

Interessant ist aber, dass Goldman sich hier und da mehr als bisher öffnet. So stellt die Bank einzelnen Kunden Teile ihrer Kontrollsysteme zur eigenständigen Nutzung bei Kapitalmarktgeschäften zur Verfügung. Außerdem möchte sie mehr dazu übergehen, Open-Source-Software einzusetzen und auch selber bereitzustellen. Das Software-Thema betrifft ebenfalls die gesamte Branche. Während früher die Computer-Programme geheim gehalten wurden, setzt sich mittlerweile die Erkenntnis durch, dass Kooperation auf dem Gebiet zu enormen Einsparungen führen könnte.

Richtig ist aber der Eindruck von Bove, dass Goldman nach wie vor in erster Linie vor allem eines will: eine möglichst starke Rolle im angestammten Investmentbanking spielen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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