Angst vor Mitschnitten: Brasilien leidet an Paranoia

Angst vor Mitschnitten: Brasilien leidet an Paranoia

, aktualisiert 12. Januar 2017, 16:31 Uhr
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Brasiliens Politiker gehen derzeit lieber auf Nummer sicher.

von Alexander BuschQuelle:Handelsblatt Online

Im brasilianischen Korruptionsskandal hat ein übles Hauen und Stechen begonnen. Die Betroffenen wollen ihre Haut zu retten, indem sie ihre Kollegen anschwärzen. Wenn Paranoia zum Alltag wird – eine Weltgeschichte.

BrasilienEine Journalistenkollegin berichtet über eine merkwürdige Begegnung mit einem Abgeordneten in dessen Kabinett in Brasília. Welche Musik sie denn hören wolle, fragte der – und drehte, ohne eine Antwort abzuwarten, gleich das Radio auf einen Jazzkanal. Auch den Fernseher stellte er laut, dann schloss er die Gardinen. Der Politiker hegte jedoch keine zweideutigen Absichten. Er wollte lediglich sichergehen, dass niemand das Gespräch abhört oder aufzeichnet. Mit seiner Paranoia ist er derzeit nicht alleine in Brasília.

Im brasilianischen Korruptionsskandal hat ein übles Hauen und Stechen begonnen. Wahrscheinlich haben so ziemlich alle Politiker von Baukonzernen wie Odebrecht oder vom Staatskonzern Petrobras Geld kassiert. Nun versucht jeder seine Haut zu retten, indem er seine Kollegen anschwärzt – in der Hoffnung mit einer milderen Strafe der Justiz davonzukommen. Vor allem mit heimlich mitgeschnittenen Gesprächen versuchen sie Pluspunkte bei den Richtern und Staatsanwälten zu sammeln. Ein ehemaliger Petrobras-Direktor hat so über Monate vertrauliche Gespräche aufgenommen.

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Seine Mitschnitte haben zu drei Ministerrücktritten im Kabinett des Präsidenten Michel Temer geführt. Die Politiker zögern nicht, auch Freundschaften und Loyalitäten zu opfern, die schon seit Generationen zwischen ihren Clans bestehen. Hohe Strafen, wie 19 Jahre für den Eigentümer und CEO des Odebrecht-Konzerns, haben die Hemmschwelle für den Verrat gesenkt. Selbst wenn Anwälte die Strafen nach einigen Jahren zu Hausarrest abmildern können, ist der Preis zu hoch, um dafür Mitwisser zu decken. Als der mächtige Bautycoon Marcelo Odebrecht verhaftet wurde, war er sicher nach einigen Tagen wieder freizukommen. Inzwischen hat er das zweite Weihnachten in Haft verbracht.

Gleichzeitig setzen sich neue Benimm-Codes durch: Wenn Politiker im Auto zusammen fahren, schalten sie ihre Mobiltelefone ab und verstauen sie im Kofferraum. In einigen Kabinetten müssen die Handys am Eingang abgegeben werden. Wenn Tacheles geredet wird, dann zieht man heutzutage sein Jackett aus, um zu demonstrieren, dass man nicht verdrahtet ist. Auf ganz sicher ging der Leiter des Präsidialamtes der abgesetzten Präsidentin Rousseff, als er mit dem Ex-Präsidenten und Vorgänger Lula etwas Vertrauliches zu besprechen hatte.

Er nahm die Präsidentenmaschine und traf Lula auf einem Provinzflughafen im Nordosten des Landes. Dort redeten die beiden am Rande des Rollfeldes 20 Minuten unter dem Lärm der Maschinen, deren Motoren gar nicht abgeschaltet wurden. Danach setzten sich beide wieder in ihre Flieger. Die Vorsicht scheint sich ausgezahlt zu haben: Von den beiden Beteiligten sind bis heute keine belastenden Mitschnitte aufgetaucht.

Quelle:  Handelsblatt Online
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