Anlagekonzepte: Wenn Regulierung Hoffnung macht

Anlagekonzepte: Wenn Regulierung Hoffnung macht

, aktualisiert 02. November 2016, 13:36 Uhr
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ETF-Anbieter in Europa sitzen vor allem dort.

von Julia GrothQuelle:Handelsblatt Online

ETF-Anbieter setzen auf Finanzmarktrichtlinie Mifid II.

Der Begriff ist kompliziert und klingt hölzern, birgt allerdings reichlich Sprengstoff. Die Finanzmarktrichtlinie Mifid II tritt zwar erst in gut einem Jahr, am 3. Januar 2018, in der Europäischen Union in Kraft und soll die Qualität der Anlageberatung verbessern. Doch die Branche muss sich bereits heute auf die neue Zeitrechnung einstellen. Vermögensverwalter und unabhängige Berater dürfen keine Provisionen mehr verlangen, wenn sie Kunden Finanzinstrumente vermitteln. Andere Berater müssen nachweisen, dass sie besondere Leistungen erbringen, wenn sie Provisionen kassieren.
Unabhängige Berater, die von ihren Kunden, nicht aber von Investmentgesellschaften bezahlt werden, machen sich große Hoffnungen: „Mifid II wird der Honorarberatung einen Schub verschaffen“, sagt Dieter Rauch, Geschäftsführer des Verbunds Deutscher Honorarberater (VDH). Auch ETF-Anbieter frohlocken. Ihr Kalkül: Wenn sich die Honorarberatung weiterverbreitet, hilft das der Indexfondsbranche.

Klassische Bankberater verkaufen ihren Kunden ungern ETFs, weil sie für die Produkte keine Provisionen bekommen. Unabhängige Berater haben dieses Problem nicht. ETF-Anbieter und Honorarberater sind überzeugt: Wäre provisionsunabhängige Beratung in Deutschland weiter verbreitet, hätten Privatanleger inzwischen deutlich mehr Indexfonds im Depot liegen.

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ETF-Anbieter in Europa sitzen vor allem in der Londoner City. In Deutschland gibt es für das Privatkundengeschäft drei Vertriebskanäle: Onlinebanken, unabhängige Vermögensverwalter, Family Offices oder bankeneigene Vermögensverwaltungen und klassische Bankberater sowie Berater, die auf Provisionsbasis oder gegen Honorar arbeiten. „Speziell die Beratung gegen prozentuale Vergütung öffnet sich durch Mifid II immer weiter und gewinnt an Bedeutung“, sagt Peter Scharl, Vertriebsleiter für Deutschland, Österreich und Osteuropa beim ETF-Anbieter iShares. „Das Potenzial, das sich aus diesen Flatrate-Vergütungsmodellen für ETFs in Deutschland ergibt, ist enorm.“

Tatsächlich sind viele unabhängige Berater vom Nutzen der Indexfonds überzeugt. „Wir empfehlen ETFs gern, und zwar allen Kundengruppen. Sie sind ein intelligentes und gut konstruiertes Anlageprodukt“, sagt Stefan Heine, Berater der Quirin Bank, Deutschlands erster Honorarberaterbank. Anleger seien so in der Lage, ihr Portfolio ohne großen Aufwand zu diversifizieren. „Diversifizierung ist bei der Geldanlage das A und O“, sagt Heine. Auch niedrige Kosten von ETFs spielen eine Rolle. Er ist sich sicher, dass die deutsche ETF-Branche durch Großinvestoren, Robo-Advisors und Honorarberatung wächst.


Eine Branche ist entzückt

Auch VDH-Geschäftsführer Rauch hat die Erfahrung gemacht, dass Indexfonds und unabhängige Berater gut zusammenpassen. „Honorarberater setzen ETFs überproportional oft ein“, sagt er. Immer mehr VDH-Mitglieder setzten inzwischen auf Indexfonds. „Sogar überzeugte Verfechter des aktiven Fondsmanagements empfehlen mittlerweile ETFs“, sagt Rauch.

In den USA lässt sich beobachten, wie es in Deutschland weitergehen könnte. Dort liege über die Hälfte des verwalteten Vermögens in Indexfonds bei Privatanlegern, berichtet iShares-Vertriebsspezialist Scharl. In Deutschland seien es weniger als zehn Prozent. „In den USA ist Honorarberatung weiter verbreitet als in Deutschland“, sagt Scharl.
Auch in anderen europäischen Ländern gibt es Indizien dafür, dass die Einführung neuer Vergütungsmodelle den Vertrieb von Indexfonds ankurbelt. Zum Beispiel in der Schweiz. Dort verzichten immer mehr Schweizer Banken auf Provisionen und stellen ihren Kunden stattdessen die Anlageberatung in Rechnung. Hintergrund: Im Jahr 2012 hatte das Schweizer Bundesgericht entschieden, dass Geld, das zwischen Produktanbieter und Vermittler fließt, an die Kunden weitergegeben werden muss. Seitdem überdenken viele Schweizer Banken ihr Beratungsmodell. In der Schweiz, den Niederlanden und in anderen europäischen Ländern, in denen es ein umfassendes Provisionsverbot gibt, sei die provisionsunabhängige Beratung bereits heute ein wichtiger Vertriebskanal.

Zum Entzücken der ETF-Branche hat in Deutschland etwa die Targobank im Juli ein Depot eingeführt, bei dem Anleger zwischen mehreren Tausend aktiv verwalteten Fonds und ETFs wählen können. Ein Berater der Bank hilft bei der Auswahl. Dafür bezahlen Kunden eine fixe jährliche Gebühr, deren Höhe vom Depotvolumen abhängt. Weitere große Filialbanken können nachziehen, spätestens bis zur Mifid-II-Umsetzung in gut einem Jahr. Dann wird sich zeigen, welche Produkte bei gleichen Vertriebsbedingungen in der Gunst der Anleger höher stehen: ETFs oder aktiv verwaltete Fonds.

Quelle:  Handelsblatt Online
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