Anlagestrategie: Vermögensverwalter scharf auf griechische Aktien

Anlagestrategie: Vermögensverwalter scharf auf griechische Aktien

, aktualisiert 11. Juli 2015, 11:09 Uhr
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Manche Vermögensverwalter halten griechische Aktien für attraktiv – und warten auf die Wiedereröffnung der Athener Börse oder suchen Umwege.c

von Matthias von ArnimQuelle:Handelsblatt Online

Die Stimmung an Athens Börsen ist am Boden, der Handel ausgesetzt. Ein Ansteig für Anleger könnte sich bei Wiedereröffnung lohnen. Die Entwicklungen anderer Märkte dienen als Vorbild.

DüsseldorfKurz vor Ablauf der Frist hat Premier Alexis Tsipras, am späten Donnerstagabend, die Reformliste bei Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem eingereicht. Im Gegenzug hofft die Regierung in Athen auf ein neues, dreijähriges Rettungsprogramm, mit dem das Land vor dem Bankrott bewahrt werden soll. Am Sonntag wollen die 28 EU-Staaten dann über die neuen Reform-Vorschläge aus Athen beraten.

Während die Politiker in Brüssel noch nach Lösungen suchen, um Griechenland zu stabilisieren und das Land im Euro zu halten, hatten die Finanzmärkte zuletzt eigentlich den Grexit eingepreist. „In unseren Augen ist der Grexit keine Frage des Ob, sondern spätestens seit dem Referendum nur noch des Wann und Wie“, sagt Thilo Stadler, Vermögensverwalter der I.C.M. Independent Capital Management Vermögensberatung in Mannheim.

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So wie er, sehen das vielen Kollegen. Dennoch: Selbst ein ungeordneter Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone würde kaum jemanden überraschen. „Die Kursschwankungen würden in solch einem Fall vermutlich zwischenzeitlich zunehmen. Einen Crash an den Finanzmärkten erwarten wir aber nicht“, so Stadler.

Griechische Aktien erscheinen manchem Vermögensverwalter gerade jetzt attraktiv bewertet: André Kunze von P.A.M. Prometheus Asset Management sieht den Aktienmarkt in Athen an einem Tiefpunkt angelangt. „Unabhängig davon, ob es zu einem Grexit oder einer Einigung Griechenlands mit der EU kommt, ist Athen derzeit auf mittelfristige Sicht einer der interessantesten europäischen und internationalen Aktienmärkte“, so Kunze. Die Athener Börse ist allerdings noch bis Montag geschlossen.

Es soll das Prinzip gelten, dann zu kaufen, wenn die Stimmung am schlechtesten ist: Der griechische Athex Composite Index notierte zuletzt rund 85 Prozent unter seinem historischen Höchstkurs aus dem Jahr 2007. Internationale Investoren haben griechische Unternehmen aus ihren Portfolios verbannt. Schlimmer geht es tatsächlich kaum.

„Bei aller berechtigten Unsicherheit über die katastrophale Haushaltslage des griechischen Staates sollte man sich als Anleger darüber im Klaren sein, dass ein privatwirtschaftlich agierendes Unternehmen nur in geringem Maße von der Finanzkraft des Heimatlandes abhängig ist“, erklärt Kunze.

So hätten beispielsweise die in Griechenland ansässige  Coca-Cola HBC, einer der größten Abfüller von Coca Cola-Produkten der Welt, oder Hellenic Telecom, an der die Deutsche Telekom mit 40 Prozent beteiligt ist und die vor Ort der größte Telekommunikationsdienstleister ist, nur wenig mit der Haushaltsmisere des griechischen Staates zu tun.

„Trotzdem nehmen die Börsen derartige Unternehmen bei Staatskrisen immer wieder gerne in Sippenhaft. Gleichzeitig zählen solche Unternehmen am langen Ende zu den Gewinnern. Erfahrene und aufmerksame Investoren nutzen solche Entwicklungen für sich. Ein antizyklischer Einstieg in einen ausgebombten Aktienmarkt wird fast immer belohnt“, so Kunze.


Bank-Aktien meiden

Der Vermögensverwalter verweist in diesem Zusammenhang auf aktuelle Beispiele: So büßte der irische ISEQ 20 im Umfeld der Finanzkrise über 80 Prozent seines Wertes ein. „Seinerzeit hätte niemand mehr einen Pfifferling auf den irischen Aktienmarkt gegeben. Der Haushalt war vollständig ausgeblutet und die Wirtschaft schien auf Jahre hinaus gelähmt“, so Kunze. Der Aktienmarkt in Irland belehrte viele Analysten eines Besseren und verdreifachte sich seither. In den letzten 24 Monaten konnte der ISEQ 20 mit einem Plus von knapp 63 Prozent sogar den DAX deutlich hinter sich lassen.

Erwähnenswert ist auch die Entwicklung des spanischen Aktienmarktes, mit einem Plus von 74 Prozent beim IBEX Index in den vergangenen drei Jahren. Wer auf solch einen Effekt in Griechenland hofft, kann sich mit entsprechenden Finanzprodukten rechtzeitig platzieren, sobald klar ist, ob es einen Grexit gibt und die Börse in Athen wieder geöffnet hat.

Ein Beispiel dafür ist ein ETF von Lyxor auf den Athex Large Cap Index, der die Kursentwicklung der 25 größten Blue-Chip Unternehmen der Athener Börse abbildet – allerdings ist dieser im Moment vom Handel ausgesetzt. Ein weiteres Beispiel ist ein Zertifikat von der UBS auf den FTSE/ASE 20 Index.

Rückgänge kaum gerechtfertigt

Die Leitindizes an Europas Börsen waren in den vergangenen Wochen heftig in Bewegung geraten und schwankten mit dem Nachrichtenfluss aus Griechenland. Immer neue Ultimaten und immer neue Szenarien haben die Nerven vieler Anleger strapaziert.

Die Folge: Dax und Euro Stoxx 50 haben in den vergangenen drei Monaten mehr als zehn Prozent an Wert verloren – erst zum Ende der Woche kämpfte sich der Dax nach oben. Fundamental sei der Rückgang seit dem Jahreshoch von etwas über 12.300 Punkten kaum gerechtfertigt. Anleger, die einen kühlen Kopf bewahren, könnten Kursschwächen sogar für sich nutzen, meint Wolfgang Juds von der Credo Vermögensmanagement in Nürnberg: „Die meisten Unternehmen, die im Dax und im Euro Stoxx gelistet sind, haben kaum etwas mit Griechenland zu tun. Korrekturtage bieten deshalb gute Einstiegsgelegenheiten“, so Juds.

Bei Banktiteln ist Vorsicht geboten

Allerdings sollten Anleger bei Aktien von Finanzdienstleistern Vorsicht walten lassen. Denn wenn europäische Staatsanleihen im Zuge eines Grexit unter Druck geraten, könnte das indirekt viele Banken treffen, die diese Anleihen im Depot haben oder als Sicherheiten für Kreditgeschäfte hinterlegen müssen. Für Anleger bedeutet das, dass sie bei einem Investment in europäische Indizes Produkte bevorzugen sollten, die keine Finanzdienstleister beinhalten.

Dazu zählt beispielsweise der Deka Dax ex Financials 30 ETF, der die 30 größten und umsatzstärksten Unternehmen an der Frankfurter Wertpapierbörse beinhaltet – mit Ausnahme von Banken, anderen Finanzdienstleistern und Versicherungen. Gleiches gilt für den db x-trackers EURO STOXX 50 ex Financials ETF, der die Wertentwicklung einer Auswahl an Blue Chip-Unternehmen der Eurozone abbildet – mit Ausnahme von Finanzunternehmen.


Trotz Schuldenkrise sollten Anleger Ruhe bewahren

Anleger sollten sich von immer wieder neuen Ultimaten, Stichtagen, politischen Provokationen und Entwicklungen rund um die Schuldenkrise in Griechenland nicht verrückt machen lassen. Das oberste Gebot lautet: Jetzt einfach Ruhe bewahren! Vielleicht gibt es einen Grexit. Vielleicht aber auch nicht.

Aufgrund der mehr als nur angespannten Finanzsituation Griechenlands und der Geldknappheit der griechischen Banken wird es auf jeden Fall in den kommenden Tagen die eine oder andere einschneidende Entwicklung geben. Das wird für Unruhe an den Börsen sorgen. Die Volatilität wird steigen. Genau das könnte der richtige Zeitpunkt sein, um in deutsche und/oder europäische Aktien zu investieren.

Tipp: Wer seinem Portfolio noch einen Zusatzkick verpassen will, kann auch in ein „Euro-Peripherie“-Zertifikat investieren, das die Kursentwicklung von 15 großen Unternehmen aus den Peripherie-Staaten Italien, Portugal und Spanien nachbildet (WKN AA5BF2). Gerade Spanien und Portugal befinden sich auf einem guten Weg

Anleger, die sich das Zertifikat vor drei Jahren ins Depot gelegt haben, können sich heute über einen Wertzuwachs von 85 Prozent freuen. Die Beispiele Spanien und Portugal zeigen also, wie es auch gehen kann. Vielleicht schaut sich die Regierung in Athen die Entwicklungen dort ja auch einmal genauer an. Sie zeigen – wie Regierungen Krisen ohne einen Euro-Austritt und ohne kategorisches „Nein“ zu Reformen – lösen können.

Quelle:  Handelsblatt Online
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