Anlagezertifikate: "Anleger wollen nicht für mehr Schutz zahlen"

Anlagezertifikate: "Anleger wollen nicht für mehr Schutz zahlen"

, aktualisiert 18. Januar 2016, 19:59 Uhr
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Handelssaal der Frankfurter Börse.

Quelle:Handelsblatt Online

Die Zertifikatebranche widerspricht Intransparenz-Vorwürfen aus der Politik. Auch die Bundesregierung sieht keinen Handlungsbedarf.

Berlin/FrankfurtDie Bundesregierung habe bei Zertifikaten nicht die richtigen Konsequenzen aus der Finanzmarktkrise gezogen - und die Kontrolle dieser Anlageinstrumente nicht verbessert. Das hatte der finanzpolitische Sprecher der Grünen, Gerhard Schick, vergangene Woche gegenüber dem Handelsblatt gesagt.
Der Branchenverband Deutscher Derivate Verband (DDV) widerspricht nun dieser Einschätzung: „In den letzten drei Jahren wurde ein selbstverpflichtender Fairness Kodex erarbeitet, der unter anderem volle Kostentransparenz vorsieht, die deutlich über gesetzliche Anforderungen hinausgeht“, sagt DDV-Geschäftsführer Christian Vollmuth.

Viele Privatanleger in Deutschland waren im Herbst 2008 durch die Pleite der US-Investmentbank Lehman auf dem falschen Fuß erwischt worden. Durch den Untergang der Bank wurden ihre von Lehman emittierten Zertifikate wertlos. Viele Banken, die Lehman-Zertifikate vertrieben, hatten auf das Emittentenrisiko dieser Papiere nicht hingewiesen.
Doch seit der Finanzkrise habe laut Vollmuth auch die Regierung einiges unternommen, um die Stellung der Anleger zu verbessern: „Zu den gelungenen Neuerungen gehören zum Beispiel die deutschen Produktinformationsblätter der Anlageberatung, die Anleger über Kosten und Risiken des Produktes aufklären - vor allem über das Emittentenrisiko.“
Außerdem befinde sich die Zertifikatebranche in der Vorbereitung der Umsetzung der europäischen Vorgaben von MiFID 2 und des neuen europäischen Informationsblatts unter PRIIPs. „An diesen europäischen Vorgaben zur Transparenz hat auch die Bundesregierung in den europäischen Arbeitsgruppen intensiv mitgearbeitet“, so Vollmuth.

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Der Grünen-Finanzexperte Schick hatte zuvor unter anderem gefordert, Anlagezertifikate vollständig zu besichern, um das Emittentenrisiko zu beseitigen. DDV-Mann Vollmuth hält das für nicht zielführend: „Für deutsche Anleger, die kein Emittentenrisiko tragen möchten, stehen seit mehreren Jahren als Antwort auf Lehman besicherte Zertifikate zur Verfügung, die die Auswirkungen eines Ausfalls der Emittenten ausschließen“, so der Fachmann. Doch diese Produkte seien durch die zusätzliche Besicherung etwas teurer als andere Zertifikate und hätten sich bisher in Deutschland - anders als etwa in der Schweiz - noch nicht richtig durchsetzen können. „Bisher waren also deutsche Anleger offensichtlich nicht bereit, für einen höheren Schutz mehr zu bezahlen“, so Vollmuth.

Auch die Bundesregierung hält von den Forderungen nach einer Besicherung nichts

Auch die Bundesregierung hält von den Forderungen nach einer Besicherung nichts. „Dies würde den Charakter und das Renditeprofil von Zertifikaten grundlegend ändern und im Ergebnis zu einer Verringerung der den Anlegern zur Auswahl stehenden Anlagemöglichkeiten entsprechend ihrer Risikoneigung führen“, heißt es in einer Stellungnahme der Bundesregierung zu einer Anfrage der Grünen. Die Anfrage liegt dem Handelsblatt vor.

"Tausende Kleinanleger haben mit Lehman-Zertifikaten Verluste erlitten. Gleichwohl hat die Bundesregierung auch mehr als sieben Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise die Regulierung von Zertifikaten nicht verbessert", hatte Grünen-Sprecher, Gerhard Schick, gegenüber dem Handelsblatt behauptet.

Hintergrund: Zertifikate sind nichts anderes als spezielle Schuldverschreibungen von Banken. Anders als bei herkömmlichen Bankanleihen erhält der Investor allerdings normalerweise keine Zinskupons für sein Engagement. Dafür aber die Chance auf eine Rückzahlung, die höher ausfällt als der Nennwert. Wie die künftige Entwicklung des sogenanntes "Basiswerts" eines Zertifikats - zum Beispiel des Dax - den Rückzahlungsbetrag beeinflusst, bestimmen für jedes Zertifikat vorab genau definierte Regeln.

Doch im schlimmsten Fall können Zertifikate unabhängig vom Auf und Ab an den Börsen wertlos werden. Schließlich handelt es sich bei diesen speziellen Bankanleihen de facto um einen Kredit, den Anleger dem Emittenten gewähren. Und jeder Kredit wird wertlos, wenn der Schuldner zahlungsunfähig ist.

Als schutzlos sieht die Regierung Zertifikate-Investoren aber auch nicht. Das Aufsichtsrecht schütze sie durch Transparenz- und Beratungspflichten. Kunden müssten über Kosten sowie Chancen und Risiken von Zertifikaten aufgeklärt werden. "Auch zivilrechtlich sind Anleger im Rahmen einer Anlageberatung über das Zertifikaten immanente Emittentenrisiko aufzuklären", schreibt die Bundesregierung.

Viele der seit Ausbruch der Finanzmarktkrise getroffenen Maßnahmen würden sich auf das Angebot und den Vertrieb von Zertifikaten auswirken. Ausdrücklich erwähnt die Regierung das Beratungsprotokoll, die Produktinformationsblätter, die Regulierung von Vertriebsvorgaben, das Sachkundeerfordernis für Anlageberater und die Möglichkeit der Finanzaufsicht Bafin, Produkte zu verbieten.


"Solche Produkte müssen vom Markt genommen werden"

Das reicht den Grünen aber nicht. Eine ganze Reihe von Zertifikaten sei extra intransparent gestaltet und damit für Kleinanleger ungeeignet. "Solche Produkte müssen vom Markt genommen werden", hatte Schick vergangene Woche gefordert. Zudem ignoriere die Bundesregierung die Bedürfnisse der Anleger, argumentieren die Grünen mit Verweis auf Daten des Deutschen Derivate-Verbands (DDV). Danach besteht die Hälfte des Marktvolumens aus Anlagezertifikaten mit Kapitalschutz. "Dem hier zum Ausdruck kommenden Sicherheitsbedürfnis der Anleger muss die Bundesregierung endlich Rechnung tragen. Sie muss das Thema Emittentenrisiko angehen", sagte Schick.

Auch diesen Vorwurf weist die Branche jetzt von sich: „Die von Herrn Dr. Schick erwähnten Zahlen des Verbandes zum hohen Marktvolumen von Kapitalschutzzertifikaten könnten als Sicherheitsbedürfnis der Anleger interpretiert werden, sind aber letztlich ein Vergleich von Äpfel mit Birnen“, kritisiert DDV-Geschäftsführer Vollmuth. Denn auch bei einem kapitalgeschützten Zertifikat erhalte der Anleger keine Zahlung, wenn die Emittentin zahlungsunfähig wird. Die Zahlen des DDV verdeutlichten auch, dass es eine ganze Reihe von Anlegern gebe, „die bewusst die Entscheidung für eine höhere Rendite treffen und dafür auf zusätzliche ´Fallschirme´ verzichten.“

Das Anlagevolumen am deutschen Zertifikatemarkt ist zuletzt etwas gewachsen und lag Ende November nach einem Monatsplus von 1,1 Prozent bei 70,8 Milliarden Euro. Das zeigen die aktuellsten verfügbaren Analysen des Branchenverbands DDV.

Quelle:  Handelsblatt Online
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