Anlegen in Schwellenländern: „Die Stimmung kann nur besser werden“

Anlegen in Schwellenländern: „Die Stimmung kann nur besser werden“

, aktualisiert 01. Juni 2016, 09:38 Uhr
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Chinesische Unternehmer nutzen ihr Handy in einer Einkaufsstraße in Qingdao City, im Osten des Landes.

von Anke RezmerQuelle:Handelsblatt Online

Zu Jahresbeginn gab es ein Massaker an den Schwellenländer-Märkten. Fondsmanager Wolfgang Fickus erklärt, womit Anleger jetzt rechnen sollten – und was es mit Schnaps aus der Champagne Chinas auf sich hat.

FrankfurtDer Rheinländer kommt kurz aus seiner Wahlheimat Paris in Frankfurt vorbei und spricht über verkannte Aktien aus Schwellenländern. Der 49jährige Kölner und Mitglied des Investmentkomitees beim französischen Fondshaus Comgest ist ein typischer Antizykliker: Wenn kaum jemand Emerging Markets mag, findet er besonders viele spannende Werte. In diesen Zeiten, in denen Investoren über Verlustrisiken aus diversen Richtungen und Quellen wähnen und deshalb besonders vorsichtig gegenüber als riskant geltenden Schwellenländertiteln sind, fühlt sich Fickus ganz in seinem Element.

Herr Fickus, was reizt Sie an Schwellenländern?
Wir setzen auf den Konsumenten und zielen auf seine Kaufkraft und sein Sparvolumen. Die Bevölkerung wächst stark mit Ausnahme Chinas, die Kaufkraft nimmt in vielen Ländern deutlich zu. In China zum Beispiel nehmen die Einkommen im hohen einstelligen Prozentbereich im Jahr zu, da verhandelt man nicht wie hier um ein bis zwei Prozent Erhöhung. Indien ist noch eine Stufe davor: Die demografischen Trends sind stark, es gibt viel mobile Kommunikation. In die Infrastruktur muss jedoch noch investiert werden. Wir mögen generell dienstleistungsgebundene Themen, setzen auf lokale Marken. Aus klassischen Konsumwerten gehen wir eher raus, diese sind nicht mehr günstig: Ende der 90er Jahre gab es solche Aktien zu einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von sieben bis acht, heute liegen sie bei 25.

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Warum halten Sie Rohstoff- oder Industrieunternehmen für weniger interessant?
Die Firmen machen doch einen gewichtigen Teil der Wirtschaftskraft von Schwellenländern aus. Schon, aber der Rohstoffsektor hängt sehr an der Weltkonjunktur, das macht die Gewinnentwicklung der Firmen wenig einschätzbar. Und in der Industrie suchen wir weltweite Marktführer. Vieles wird in China herstellt, aber das Entwicklungspotenzial sitzt eher im Westen. Eine Ausnahme ist einer der weltweit bedeutendsten Halbleiterhersteller, Taiwan Semiconductor, in den investieren wir.
Welche Sektoren mögen Sie am meisten?
Unser Portfolio ist das Ergebnis reiner Einzeltitelsuche, dem Stockpicking. Wir finden aktuell viele gute Finanz- und IT-Firmen.
Welche Finanzwerte kaufen Sie?
Lebensversicherungen. Das Segment ist im Gegensatz zur westlichen Welt ein Wachstumsmarkt in Schwellenländern, weil viele Menschen noch unterversorgt sind, was ihre spätere Rente angeht. Sie müssen für ihre Altersvorsorge selbst aufkommen. Und beispielsweise Chinas Regulierer fördert das.


Weizenschnaps im Portfolio

Konkret investieren Sie wo?
In China halten wir China Life und Ping An, die zusammen gut 40 Prozent des Lebensversicherungsmarkts stellen. Und die Durchdringung mit Lebensversicherungen liegt bei weniger als drei Prozent. Zum Vergleich: In Taiwan sind es 16 Prozent. Die Versicherer wandeln sich von Kapitalsammelstellen hin zu echten Versicherern: Statt Einmalzahlungen für Sparprodukte gibt es es zunehmend Risikolebensversicherungen, das bringt höhere Margen. Auch in Südkorea und Südafrika besitzen wir Aktien von Lebensversicherern.

Und welche Aktien kaufen sie in der IT-Sparte?
Vor allem der Trend zur mobilen Nutzung ist spannend. Net Ease ist eines der größten privaten Spieleunternehmen Chinas. Die Herausforderung des PC-Spiele-Anbieters war, seine Spiele aufs Handy zu bekommen. Inzwischen macht das Unternehmen mehr als die Hälfte des Spieleumsatzes mit Mobilfunkspielen. Solche Spiele sind billig, die kann sich fast jeder leisten. Wir haben auch Aktien von Internetsuchmaschinen und von einem sozialen Netzwerk.

China Mobile ist zweitgrößter Wert in Ihrem Fonds Comgest Growth Emerging Market.
Ja, das ist der marktführende Mobilfunkanbieter. Weil es ein Staatsunternehmen ist, rechnen wir aber höhere Abschläge wegen der Unternehmensführung ein. China Mobile ist weniger eine Wette auf den Smartphonesektor als auf den Trend zur mobilen Datennutzung. Die reine Telefonie geht zurück. Und gerade in der Welt des schnellen 4G Mobilfunkstandards hat China Mobile stark Marktanteile gewonnen.

Wo setzen Sie noch auf Konsum?
Wie haben Kweichow Moutai im Portfolio, einen chinesischen Hersteller hochwertigen Schnapses. Das Besondere: Der Weizenschnaps wird in der Region Moutai hergestellt – diese hat für China eine Bedeutung wie die Champagne für Frankreich. Früher machte das Unternehmen 70 Prozent des Umsatzes mit hochrangigen Funktionären. Das Unternehmen hat sich jedoch erfolgreich auf Menschen mit etwas größerem Geldbeutel eingestellt und ist somit ohne Wachstumsrückgang durch die Antikorruptionskampagne gekommen. Der Umsatz ist zuletzt im Durchschnitt um 13 Prozent im Jahr gestiegen, die Bruttomarge beträgt über 90 Prozent.


Spannend sind Aktien aus dem Sektor Infrastruktur

Welche Sparten interessieren Sie noch in Schwellenländern?
Infrastruktur. Vor allem in Indien und in Brasilien – dort wird sie am dringendsten gebraucht.

Welche Aktien besitzen Sie?
Power Grid Corporation of India, den größten Elektrizität-Netzbetreiber zwischen indischen Staaten, zum Beispiel. Die Firma ist zuletzt um 15 Prozent im Jahr gewachsen, sie bekommt vom Staat eine garantierte Eigenkapitalrendite von 15 Prozent zugesprochen. Das ist ein starkes Alleinstellungsmerkmal. Der Staat hält die Mehrheit, aber das Stromnetz ist ein Kern der Reformen im Land.

Neben China, Indien setzen Sie stark auf Firmen in Brasilien.
Ja, zum Beispiel auf den Autobahnbetreiber CCR. Das Unternehmen wächst noch doppelstellig, aber es muss mit der Rezession im Land umgehen. In Brasilien sind wir seit Jahren in sechs Unternehmen investiert, aber heute mit halb so viel Gewicht wie etwa vor drei Jahren.

Wo stehen Schwellenländer denn grundsätzlich?
Wir erkennen Stabilisierung in den Zahlungsbilanzen. Das ist oft ein Indikator für eine Stabilisierung der Aktien-, Anleihen- und Währungsmärkte. Denn die meisten Schwellenländer - eine Ausnahme bildet China – hängen am Zufluss ausländischen Kapitals. Nach sechs Jahren schwacher - absoluter und relativer – Entwicklung von Schwellenländer-Aktien zeichnet sich eine Stabilisierung ab.

Wie sieht es denn in Brasilien aus?
Das Land steckt in der schwersten Rezession seit Jahrzehnten – die Wirtschaft schrumpft gewaltig im zweiten Jahr in Folge. Das Land weist ein Zahlungsbilanz- wie auch Fiskaldefizit auf. Der Druck zu reformieren ist sehr hoch. Da künftige Reformen vom Markt und seinem Volk erzwungen wurden, werden sie tendenziell marktfreundlich sein.


Die positive Nachricht ist...

Und in China?
Dort gibt es einen Mini-Konjunkturzyklus, den wir aber fast bedauern: Der Staat hat eine Pause bei den Strukturreformen angekündigt, um sein Wachstumsziel von 6,5 Prozent hinzubekommen. Uns wäre lieber, wenn der Staat das Problem der Verschuldung anginge. Chinas Verschuldungsproblem ist in den letzten Jahren immer deutlicher geworden.

Was muss denn passieren?
Es geht im Grunde darum, wie man faule Kredite an Staatsunternehmen restrukturiert. Positiv ist, dass China nicht am ausländischen Kapitalmarkt hängt. Das Land ist größter Gläubiger der USA, hat hohe Devisenreserven, einen Leistungsbilanzüberschuss, und die privaten Haushalte sparen viel und haben große Vermögen.

Und die faulen Kredite?
Das Problem gibt es: Der Markt preist die Ausfallquote auf 10 Prozent. Das könnten Chinas Banken verkraften, bei ihnen sind 85 Prozent der Finanzvermögen des Landes konzentriert. Wenn faule Kredite im Bankensektor höher sind, kann aber das Kapital futsch sein. Das ist ein Problem, dass im chinesischen Bankensektor konzentriert ist, das sollte der chinesische Staat aber auffangen können. Er muss natürlich auch die großen Staatsunternehmen reformieren, da kommen die Schulden ja her.

Meiden Sie deshalb Banken?
Ja, aber weltweit. Für uns sind deren Geschäftsmodelle schwer einschätzbar, wenig transparent. In vielen Teilen der Welt sind Banken ein großes Kasino durch ihr Investmentbanking. Das gilt auch für Immobilienmärkte, aus denen halten wir uns auch fern wegen mangelnder Vorhersehbarkeit.

Aber Sie sind positiv für Schwellenländer?
Ja. Die Aktien sind günstig bewertet mit einem historisch niedrigen KGV von 12 im MSCI Emerging Markets. Investoren halten sich zurück: Es gab 2015 fast Rekord-Kapitalabflüsse von 48 Milliarden Dollar aus Schwellenländerfonds. Als konträrer Investor denkt man, dass es kaum schlechter werden kann. Und wir setzen auf konsumorientierte Unternehmen ohne Verschuldungsprobleme.

Sie sind also Optimist?
Die positive Nachricht ist, dass die großen Länder wie China, Indien und Brasilien reformieren. China geht Richtung konsumorientierte Wirtschaft, in Indien bemüht man sich, die Infrastruktur zu verbessern. In Brasilien sieht es danach aus, dass der neue Präsident die verkrusteten Strukturen im Land aufbrechen wird. Ein wichtiger Trend ist, dass sich Schwellenländer stärker auf einen Binnenkonsum konzentrieren, um sich mittelfristig von den entwickelten Ländern abkoppeln zu können.

Herr Fickus, vielen Dank für das Interview.

Quelle:  Handelsblatt Online
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