Anleiheexperte im Interview: „Negativrenditen fressen sich immer weiter durch“

Anleiheexperte im Interview: „Negativrenditen fressen sich immer weiter durch“

, aktualisiert 03. März 2016, 11:05 Uhr
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Wie ein gefräßiger Dinosaurier fressen sich Minuszinsen durch die Kapitalmärkte.

von Andrea CünnenQuelle:Handelsblatt Online

Bei Union Investment ist Frank Engels Herr der „Rentner“. So werden die Experten für Anleihen genannt, da die Papiere eigentlich jährlich Zinsen abwerfen, die „Rente“. Doch mittlerweile heiße es häufig: Zinsen zahlen.

Frankfurt Union Investment ist die Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken in Deutschland. Sie verwaltet allein von Privatanleger 113 Milliarden Euro. Frank Engels ist der Chef für die Anlage in Anleihen. Ein Ende des Minuszinsen ist für ihn noch nicht abzusehen. Das werde auch für Fonds negative Folgen haben.

Herr Engels, wird die EZB den Einlagenzins noch weiter senken?
Das steht zu befürchten. EZB-Vertreter haben zuletzt zunehmend betont, dass die fallenden Rohstoffpreise die kurz- und mittelfristigen Inflationserwartungen weiter haben sinken lassen. Da wird die EZB gegensteuern. Wir rechnen damit, dass der negative Einlagensatz um weitere 0,20 Prozentpunkte auf dann minus 0,5 Prozent gesenkt wird. Gleichzeitig könnte die EZB das monatliche Anleihekaufprogramm von derzeit 60 Milliarden um weitere 10 bis 15 Milliarden Euro aufstocken und die TLTRO genannte zweckgebundene Langfrist-Liquidität für Banken ausbauen.

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Was heißt das für die Märkte?
Am Geldmarkt ist eine Senkung des Einlagenzinses bereits eingepreist. Ablesen lässt sich das auch an der negativen Rendite in Höhe von 0,57 Prozent für die zweijährige Bundesschatzanweisung. Trotzdem könnten die Renditen kurzfristig noch etwas weiter sinken.

Warum, wenn doch die Märkte weitere Maßnahmen bereits widerspiegeln?
Ich gehe davon aus, dass EZB-Chef Mario Draghi geschickt kommunizieren und die Markterwartungen noch weiter schüren wird. Das heißt, er könnte andeuten, dass noch weitere geldpolitische Lockerungsmaßnahmen im Jahresverlauf folgen, sollte das aufgrund des Inflations- und Konjunkturausblicks nötig sein.

Was bedeutet das für Sie als Fondshaus?
Die Lage wird schwieriger. Wir sind ja schließlich dazu verpflichtet, das Vermögen unserer Kunden zu mehren. Wer aber Anleihen mit negativer Rendite kauft und bis zur Fälligkeit hält, macht damit garantiert einen Verlust. Und da die Renditen von immer mehr Anleihen in den Minus-Bereich rutschen, wird es zunehmend schwierig, der negativen Rendite auszuweichen.


„Noch sieht man die Probleme nicht so sehr“

Für welche Fonds ist das besonders schwierig?
Für Geldmarktfonds und für Rentenfonds, die in Anleihen mit geringer Laufzeit investieren. Noch sieht man die Probleme nicht so sehr, da die Renditen bislang noch weiter gesunken und die Kurse der Anleihen entsprechend gestiegen sind.

Aber Bargeld und Anleihen halten doch alle Fonds als Teil Ihrer Bargeldquote.
Bei Publikumsfonds trifft das zu. Hier halten wir im Schnitt zwischen drei und fünf Prozent an liquiden Mitteln vor, um zum Beispiel gegen den Abzug von Fondsgeldern gewappnet zu sein oder um Geld für Käufe neuer Anlagen zu haben. Bislang haben wir dabei das Problem der Negativ-Renditen noch gemeistert – eben weil die Renditen weiter gesunken sind. Zudem steuern wir unser Liquiditätsmanagement inzwischen zentral, und versuchen da noch etwas herauszuholen. So kaufen wir zum Beispiel kurzlaufende Geldmarktpapiere von Unternehmen. Für die Kassenhaltung haben wir so im vergangenen Jahr in unseren Fonds noch eine schwarze Null erzielt.

Werden Sie das auch in diesem Jahr schaffen?
Ich fürchte nein. Wenn die EZB den Einlagenzins noch weiter senkt, werden sich die Negativ-Renditen immer weiter „durchfressen“. Damit wird es zunehmend unmöglich, diesen Strafzinsen für Kasse-Haltung auszuweichen. Für kurzlaufende Rentenfonds und das Liquiditätsmanagement sind die weiter zunehmenden Negativ-Renditen daher ein echtes Problem. Sie entwickeln sich de facto zunehmend zu einer Art Substanzbesteuerung für die Anleger.

Hoffen Sie den zumindest mittelfristig wieder auf positive Zinsen?
Ich habe schon noch Hoffnung, dass das Konzept der EZB aufgeht und das bereitgestellte Geld seinen Weg in den Wirtschaftskreislauf findet, die Konjunktur anspringt und die Inflationserwartungen wieder steigen. Aber die Geldpolitik allein wird das nicht bewerkstelligen können. Sie braucht Unterstützung von der Wirtschaftspolitik mittels gezielter Strukturreformen und, wo möglich, einer koordinierten expansiven Fiskalpolitik.

Und wenn was ist, wenn das nicht funktioniert?
Dann haben vor allem die Banken ein Problem. Aktuell zehren die Minuszinsen lediglich an der Profitabilität der Banken. Mittel- bis langfristig könnten daraus aber sogar Solvenzprobleme für die Banken werden. Genau das preist der Markt jetzt langsam schon ein und fürchtet Kuponausfälle bei nachrangigen Bankenanleihen und weitreichende Dividendenausfälle. Wenn das Zinstal noch lange anhält, werden die Banken einerseits weniger Dividenden zahlen können und zudem stärker auf Gebühreneinnahmen setzen müssen, um ihre Gewinnmargen zu stabilisieren.

Herr Engels, vielen Dank für das Interview.

Quelle:  Handelsblatt Online
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