Anleihen: Firmen leihen sich Geld fast zum Nulltarif

Anleihen: Firmen leihen sich Geld fast zum Nulltarif

, aktualisiert 04. April 2016, 11:18 Uhr
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Werbung eines Autohauses in München. Auch erste Unternehmen refinanzieren sich zu 0,0 Prozent.

von Andrea CünnenQuelle:Handelsblatt Online

Unternehmen nutzen die Mini-Zinsen. Seit die EZB angekündigt hat, auch Firmenbonds zu kaufen, begeben sie so viele Anleihen wie lange nicht. Sanofi zahlt dabei gar keinen Kupon mehr. Warum Anleger trotzdem zugreifen.

Frankfurt„Money for nothing“ sang einst die Rockgruppe Dire Straits. Und meinte damit wohl auch sich selbst; schließlich geht es in dem Song um Rocksänger, die Geld für’s Nichtstun bekommen. Geld für fast nichts – das gilt inzwischen auch für Unternehmen, die sich am Anleihemarkt Geld leihen wollen. Seit die Europäische Zentralbank (EZB) angekündigt hat, dass sie gegen Ende des zweiten Quartal auch Firmenbonds kaufen wird, sind die Renditen und Risikoaufschläge der Unternehmensanleihen deutlich gesunken.

Und das nutzen die Unternehmen weidlich aus. Konzerne, denen die großen Ratingagenturen eine gute Bonität im Investment-Grade bescheren – also die Anleihen, die die EZB kaufen wird – haben im März laut Banken Bonds über knapp 46 Milliarden ausgegeben. Mehr Emissionen innerhalb eines Monats gab es zuletzt vor gut einem Jahr. Und das ist noch nicht das Ende. Auf Werbetour für neue Anleihen sind derzeit der französische Zementhersteller Lafarge und der australische Mobilfunkanbieter Telstra. Der niederländische Chemiekonzern Akzo Nobel hatte am 1. April eine zehnjährige Anleihe über 500 Millionen Euro mit einer Rendite von 1,2 Prozent begeben. Und am heutigen Montag wird ein Euro-Bond des US-Paketdienstleisters FedEx erwartet.

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Im Januar und auch noch über weite Strecken im Februar dieses Jahres hatten sich Unternehmen dagegen extrem zurückgehalten. Die Sorgen um den fallenden Ölpreis, die Wachstumsängste um China, der Kursverfall an den Aktienmärkten und allgemein die großen Schwankungen an den Märkten ließen auch den Markt für Unternehmensanleihen nicht kalt. Die Kurse fielen, die Renditen stiegen und nur wenige Firmen trauten sich an den Markt. Das hat sich jetzt aber komplett geändert: „Wenn ich ein Unternehmen wäre, würde ich die guten Konditionen auch nutzen“, sagt Eden Riche, der im Syndikat bei der ING in London für die Platzierung neuer Anleihen zuständig ist, der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Dabei gilt für viele Unternehmen das Motto: Nicht kleckern, sondern klotzen. Den kräftigsten Schluck aus der Pulle nahm dabei der Bierbrauer Anheuser Busch Inbev, der sich über mehrere Laufzeiten 13,25 Milliarden Euro auf einen Schlag holte. Das war die größte rein in Euro platzierte Emission, die jemals ein Unternehmen begeben hat. Seit der Platzierung sind die Kurse der Bonds – wie auch bei den anderen Neuemissionen – gestiegen und ihre Renditen im Gegenzug noch weiter gesunken. So rentiert die neue in vier Jahren fällige Anleihe von Anheuser Busch Inbev mit knapp 0,4 Prozent, bei der in 20 Jahren fälligen sind es knapp 2,3 Prozent. Im Januar Jahr hatte der Bierbrauer mit 48 Milliarden Dollar sogar die weltweit zweitgrößte Unternehmensanleihe aller Zeiten begeben. Anheuser Busch Inbev braucht das Geld, um die Übernahme des Konkurrenten SAB Miller längerfristig zu refinanzieren.

Die Deutsche Telekom holte sich 4,5 Milliarden Euro, British Telecommunications 3,9 Milliarden Euro und Daimler 3,5 Milliarden Euro. Hier liegen die Renditen für vierjährige Bonds der Telekom bei nur noch gut 0,1 Prozent, bei zwölfjährigen sind es unter 1,3 Prozent. Die neue fünfjährige Anleihe der britischen Konkurrenten wird zu 0,6 Prozent gehandelt, die zehnjährige zu 1,3 Prozent.


Wer schon einen Firmenbond zu null Prozent begeben hat

Daneben zapften auch US-Unternehmen weiter kräftig den Markt für Euro-Anleihen an, allen voran Waren Buffetts Holding Berkshire Hathaway mit 2,75 Milliarden Euro und IBM mit 2,25 Milliarden Euro. Hier liegen die Renditen für Tranchen mit Laufzeit von zum Beispiel sieben Jahren bei nur noch gut 0,9 Prozent. Seit einem Jahr nutzen US-Unternehmen den Markt für Euro-Anleihen verstärkt, weil sie sich hier günstiger refinanzieren können als in den USA mit dem dortigen höheren Zinsniveau.

Den Vogel mit Blick auf die günstigste Refinanzierung schoss aber der Pharmakonzern Sanofi ab. Er bekam wirklich „money for nothing“. Die Franzosen, denen die Ratingagenturen eine sehr gute Bonität attestieren, begaben eine in drei Jahren fällige Anleihe mit einem Zinsschein von sage und schreibe null Prozent. Das ist bislang nur einem Unternehmen gelungen, nämlich dem französischen Versorger Engie, der damals noch GDF hieß, vor gut einem Jahr. Die GDF-Anleihe hatte jedoch nur eine Laufzeit von zwei Jahren. Sanofi gab die Anleihe zwar einen Tick unter dem Rückzahlungswert von 100 Prozent aus, so dass Investoren auf Endfälligkeit gerechnet eine Mini-Rendite von 0,05 Prozent bekamen. Doch viel ist das natürlich nicht.

Im Handel rentieren dabei inzwischen auch Unternehmensanleihen im Umfang von gut 21 Milliarden Euro im Minus, hat Bloomberg ausgerechnet. Das ist zwar sehr wenig im Vergleich zu den Euro-Staatsanleihen im Umfang von mehr als 40 Billionen Euro, die Negativ-Renditen abwerfen, aber dennoch: „Auch bei Unternehmen mit sehr guten Ratings sind weitere negative Renditen im Handel möglich, vielleicht sogar eine Emission“, meint Matthias Minor, der bei der Royal Bank of Scotland das Geschäft mit neuen Unternehmensanleihen aus Deutschland leitet.

Dabei waren bislang alle neuen Anleihen bei den Investoren sehr gefragt und mehrfach überzeichnet. „Die Investoren wollen lieber jetzt schon zugreifen, um nicht später mit der EZB als Anleger konkurrieren zu müssen“, sagt dazu Mitch Reznick vom britischen Vermögensverwalter Hermes der Nachrichtenagentur Bloomberg. Dazu kommt: Investoren können auch bei Mini-Verzinsungen durchaus noch Gewinne einstreichen, wenn die Kurse der Bonds weiter steigen und ihre Renditen im Gegenzug weiter fallen.

Und genau darauf setzen viele Investoren angesichts der Tatsache, dass die EZB bald als Käufer auf den Markt hinzukommt. Dabei rechnen Investoren damit, dass die EZB pro Monat Unternehmensanleihen im Umfang von fünf Milliarden Euro kaufen wird. Insgesamt kauft die EZB inzwischen jeden Monat Anleihen über 80 Milliarden Euro. Der Löwenanteil davon entfällt auf Staatsanleihen.

„Fondsmanager können auch mit negativen Renditen leben, solange sie noch positive Risikoaufschläge bekommen und auf Kursgewinne setzen“, meint Minor von der RBS. Michael Köhler, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg sieht das ähnlich: „Unternehmensanleihen dürften gefragt bleiben, weil Investoren mit ihnen zumindest einen gewissen Rendite-Aufschlag im Vergleich zu Staatsanleihen bekommen.“

Daran, dass die Welle an Neuemissionen am Markt für neue Firmenbonds so anhält wie zuletzt, glauben Banker allerdings nicht. „Nur weil die Refinanzierung günstig ist, werden die Unternehmen nicht automatisch mehr machen“, sagt Anthony Bryson, der bei BNP Paribas den Bereich Finanzierungen von Unternehmen im deutschsprachigen Raum leitet: „Das aufgenommene Geld muss ja schließlich irgendwo hin, und parken können die Unternehmen ihr Geld auch nur zu sehr niedrigen oder negativen Zinsen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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