Ant Forest von Alipay: Digital wird belohnt – mit gepflanzten Bäumen

Ant Forest von Alipay: Digital wird belohnt – mit gepflanzten Bäumen

, aktualisiert 13. November 2017, 10:38 Uhr
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Wer sich umweltbewusst verhält, sorgt nach längerer Zeit dafür, dass ein neuer Baum gepflanzt wird. Mit diesem Konzept will Ant Financial die Kunden wieder an sich binden.

von Sha HuaQuelle:Handelsblatt Online

Die Bezahl-App Alipay belohnt mit ihrer Ant-Forest-Funktion umweltbewusstes Nutzerverhalten – mittels neu gepflanzter Bäume. 220 Millionen Nutzer machen mit. Ist das der Anfang einer grünen Fintech-Revolution?

PekingSeit einem Monat klingelt der Wecker von Zheng Jies immer um 7 Uhr morgens, obwohl sie um diese Uhrzeit noch gar nicht aus dem Bett muss. Sie steht trotzdem so früh auf, denn dann kann sie die „Energie“ einsammeln, die um die Uhrzeit freigesetzt wird. Danach legt sie sich wieder hin.

Mit „Energie“ meint Zheng keine esoterische Aura oder dergleichen, sondern Punkte, die sie über den Vortag durch eine CO2-arme Lebensweise angesammelt hat. So bekommt sie Energie, wenn sie Rechnungen digital statt in Papierform bezahlt, Leihräder statt Taxis benutzt, oder beim Einkauf keine Plastiktüten mehr verwendet. Die gesammelten Punkte kann sie einem virtuellen Setzling zufügen, der mit genügend Pflege irgendwann zu einem digitalen Baum wird. Der wiederum wird in einen echten Baum umgewandelt, der in der Inneren Mongolei gepflanzt wird.

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„Ant Forest“ heißt dieses Programm, eine Initiative von Ant Financial, dem Betreiber der Bezahl-App Alipay. Mit ihr will Alipay, das Alibaba-Tochterunternehmen, Nutzer zu umweltbewussteren Bürgern erziehen, sie gleichzeitig als Kunden an sich binden und Vorreiter des Green Fintech werden. Doch nach dem anfänglichen Erfolg der Idee lauert nun die Herausforderung, ein nachhaltiges Geschäftsmodell zu entwickeln.

Die Zahlen zu Beginn waren beeindruckend: Im September 2016 wurde Ant Forest eingeführt, jeder zweite von Alipays 450 Millionen Nutzern hat bislang die automatisch verfügbare Funktion freigeschaltet.  Derzeit sind 30 Millionen Nutzer auf ihr aktiv unterwegs. Und bis heute wurden insgesamt zehn Millionen Saxauls gepflanzt – Sträucher, die besonders dürreresistent sind und mit ihren Wurzeln der Sandlockerung entgegenwirken. Mit dieser App, so behauptet Ant Financial, haben sie den Verbrauch von insgesamt 1,5 Millionen Tonnen CO2 vermieden.

„Wir waren selbst erstaunt, wie gut es bei den Leuten ankam“, sagt Anna Wang, Sprecherin von Ant Financial. Ein wichtiger Grund dafür, so glauben Beobachter wie Greenpeace-Mitarbeiter Zhang Kai, ist der spielerische und soziale Aspekt von Ant Forest: „Man kann seinen Freunden Energie schenken, man wird für jede Handlung belohnt und es gibt echte Resultate. Das ist für chinesische Nutzer extrem attraktiv.“

Motiviert durch den eigenen Erfolg sprach Ant Financial daher das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) an und gründete mit ihr Anfang des Jahres die sogenannte Grüne Digitalfinanz-Allianz. „Wir wollen das führende Fintech im Umweltbereich werden“, sagt Sprecherin Wang.  Es ist das erste Mal, dass eine öffentlich-private Partnerschaft von einem chinesischen Unternehmen geführt werde.

Andere Unternehmen wie Paypal und das indische PayTm haben schon Interesse an diesem Konzept bekundet, erzählt Simon Zadek von Unep, der die Grüne Digitalfinanz-Allianz mit ins Leben gerufen hat. Doch bisher sind sie noch zögerlich, eine ähnliche Initiative ins Leben zu rufen. „Sie wollen wissen, ob das Geschäftsmodell auch langfristig funktioniert“, sagt Zadek.

Ant Forest habe sich bislang gelohnt, heißt es von Ant Financial. Man habe immens an Reputation als Vorreiter der grünen Fintech gewonnen. Die Kosten für die Extra-Funktion seien nicht hoch, auch das Pflanzen der Saxauls koste nicht viel Geld, da man mit lokalen NGOs zusammenarbeite. Wie viel genau Ant Financial dafür ausgibt, will Wang nicht verraten.


Die Konkurrenz holt auf

Mit dem grünen Projekt will Alipay die Kunden an sich binden – die Konkurrenz lauert. Denn was man mit Alibabas Alipay bezahlen und organisieren kann, geht genauso gut mit dem Dienstleister des Internetunternehmens WeChat. Letzterer hat als Mitbewerber in den letzten zwei Jahren gewaltig aufgeholt: 2015 wickelte Alipay 77,2 Prozent der digitalen Transaktionen ab, inzwischen sind es nur noch 55 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil von WeChat von 13,5 Prozent auf fast 40 Prozent.

Doch der anfängliche Reiz, Transaktionen wieder verstärkt über den Alibaba-Dienstleister abzuwickeln, kann schnell verfliegen. „Seit Anfang des Jahres hat die Anzahl der Neuregistrierungen rapide abgenommen, und irgendwann werden die Nutzerzahlen auch sinken“, prognostiziert Zadek. Deswegen müsse man regelmäßig neue Elemente für Ant Forest entwickeln. „Im zweiten Schritt wollen wir gerne Nutzer dafür belohnen, wenn sie die umweltfreundlichere Variante eines Produktes wählen. Wer zum Beispiel eine Energiesparlampe kauft, bekommt mehr Punkte als jemand, der nur eine normale erwirbt.“ Außerdem denke man darüber nach, im nächsten Jahr auch den Einzelhandel mit in die App einzugliedern und nach Punkten zu bewerten.

Ein standardisiertes CO2-Protokoll gibt es noch nicht. Wie Ant Forest seines errechnet hat, will Ant Financial nicht verraten. Im Prinzip gebe es drei Bereiche, um den täglichen CO2-Verbrauch zu reduzieren: bei der Fortbewegung, im Papierverbrauch und beim Müll. Xu Tianshuang von der Pekinger Umweltbörse, mit der Ant Financial das System erstellt hat, glaubt, dass das Model übertrag- und adaptierbar ist: „Aber man muss es den lokalen Gegebenheiten anpassen. In Kalifornien zum Beispiel könnte man Wassersparmaßnahmen belohnen.“

Noch unklar, wie nachhaltig sich das Umweltbewusstsein der Nutzer durch Ant Forest verändert hat. „Wir wissen zum Beispiel nicht, wie viele der umweltschädlicheren Ausgaben die Nutzer dann einfach über den Konkurrenten WeChat abwickeln“, gesteht Zadek ein. „Außerdem wird hoher CO2-Verbrauch nicht bestraft. Wer also jede Woche einmal fliegt, bekommt keine Punkte abgeknüpft.“

Zheng Jie beobachtet zumindest an sich selbst, dass sie inzwischen öfters Leihräder, Bus und Bahn wählt, anstatt mit dem Taxi zu fahren. Aber wenn es darum geht, ob sie nun mit Alipay oder WeChat zahlen soll, schaut sie noch immer nur auf eins: „Ich wähle die App, die mir den besten Preis bietet.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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