Apple in der Mafia-Stadt: Neapel sehen – und sterben?

Apple in der Mafia-Stadt: Neapel sehen – und sterben?

, aktualisiert 28. November 2016, 10:13 Uhr
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„Wer mit wertvollem Goldschmuck oder einer teuren Armbanduhr durch die einschlägigen Viertel schlendert, ist selbst schuld“

Quelle:Handelsblatt Online

Mord und Gewalt durchziehen Neapels Straßen im neuen Buch von „Gomorrha“-Autor Roberto Saviano. Ausgerechnet dort hat Apple sein europäisches Forschungszentrum eröffnet. Wie passt das zusammen?

Neapel Im Januar war Tim Cook in Italien. Beim Treffen mit Premier Matteo Renzi lobte der Apple-Chef aus Cupertino das Land als „Vaterland des Designs“. Sein Unternehmen werde ein Forschungszentrum in Italien eröffnen, kündigte der Amerikaner an, das einzige in Europa. Und ausgesucht habe man: Neapel.

Exakt neun Monate später starteten die ersten 200 Studenten in der Stadt am Vesuv. 4000 Bewerbungen aus ganz Europa waren eingegangen, alle wollten lernen, Apps für Iphone und Ipad zu entwickeln. Der Lehrplan der Akademie für Programmierer kommt von Apple, das Unternehmen investiert 11 Millionen US-Dollar. Programmiert wird in den um- und angebauten Räumen der Universität Federico II im Stadtteil San Giovanni a Teduccio, die mit großen Glasfassaden wie ein Apple-Store aussehen.

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Während die Cyber-Kids des Forschungszentrums mit ihren neuen Apple-Geräten zu experimentieren begannen, stellte ein paar Kilometer weiter in einem anderen Stadtteil Neapels Bestseller-Autor Roberto Saviano sein neues Buch vor: ein Roman über die „Baby-Killer“.

Das sind Zehn- bis Sechzehnjährige, die mit dem frisierten Mofa durch die Stadt fahren und brutal morden. Sie sind in die Lücke gestoßen, die der erfolgreiche Kampf gegen die organisierte Kriminalität gerissen hat. Viele Bosse der Camorra, des neapolitanischen Ablegers der Mafia, sind im Gefängnis. Die jungen Gangster beginnen mit Dealen und enden mit Morden. Was sie wollen, ist Geld, viel und schnell, Schule, Ausbildung und Zukunft interessieren sie nicht. Es ist ein düsteres Buch.

Innovation hier und Camorra da, Zukunftsglauben auf der einen und kriminelle No-Future-Gesten auf der anderen – das scheint nicht zusammen zu passen. Fast gleichalt sind die Jugendlichen, um die es geht. Aber es gibt eine Erklärung, auch wenn sie nicht schmeichelhaft ist für den Bestsellerautoren: Die Stadt Neapel ist besser als ihr Ruf, die alten Stereotypen und Pauschalurteile über den Mezzogiorno greifen nicht mehr. Dinge können sich auch ändern.

Wer die Stadt mit dem berühmten archäologischen Museum und der überwältigend schönen Promenade am Meer mit Blick auf den Vesuv besucht, merkt den Unterschied. Natürlich gibt es Quartiere, in die man besser nicht geht bei Dunkelheit, doch die gibt es in jeder Großstadt. Die Zahl der Bürgerinitiativen zur Bekämpfung der Camorra und zur Wiederbelebung des urbanen Lebens in den Vierteln ist riesig, Neapel erinnert mit seinem Charme aus alt und neu an das Berlin der 90er Jahre, das Stars wie David Bowie anzog. Wo Gegensätze aufeinanderprallen, entsteht Kreativität.


Camorra und Touristen

Und auch die angstmachenden Reiseführer-Parolen sind überholt. „Wer mit wertvollem Goldschmuck oder einer teuren Armbanduhr durch die einschlägigen Viertel schlendert, ist selbst schuld – das gilt für Neapel ebenso wir für Frankfurt oder Los Angeles. Die Camorra aber hat es nicht auf Touristen abgesehen“, schreibt Maria Carmen Morese in ihrer „Gebrauchsanweisung für Neapel“, einer präzis beobachteten und ebenso kritisch wie liebevoll verfassten Beschreibung ihrer Stadt.

Der 37-jährige Roberto Saviano, in Neapel geboren, ist ein Nationalheld mit Tausenden von Fans und Followern. Was er twittert oder auf Facebook schreibt, ist für viele das Evangelium. Sein Schicksal ist tragisch: Seit zehn Jahren, als sein Bestseller „Gomorrha“ erschien und er Morddrohungen erhielt, lebt er unter Polizeischutz. Er verdient sich sein Geld mit TV-Auftritten und Büchern. Das neue Buch hat eine Auflage von 300.000 Exemplaren und ist auf Platz 1 der Bestsellerliste, die Menschen stehen Schlange vor den Lesungen. Er ist sympathisch und kann gut reden.

Und dennoch: Sein Sujet macht einen ratlos. Sein neues Buch „La paranza dei bambini“ ist ein Roman, doch wie ein Report geschrieben, er erfindet grausig zu lesende Details, die auf echten Kriminalfällen beruhen, die Stile verwischen sich, die Sprache ist holprig und nicht literarisch. Selbst der Titel ist nicht von ihm. „La paranza“ heißt die Methode der Fischer, die nachts hinausfahren und mit starken Scheinwerfern, die sie ins Wasser richten, die Fische anlocken. Das machen die Mafiosi mit den Kindern, den bambini, und genau so haben die neapolitanischen Staatsanwälte unter der Führung von Henry John Woodcock ihre Ermittlungsakte genannt, mit dem sie vor kurzem den Camorra-Clan Sibillo auffliegen ließen.

Vielleicht habe Saviano ein wenig den Kontakt zu Stadt verloren, sagte Bürgermeister Luigi de Magistris in einem Interview. Er müsse öfter nach Neapel kommen. „Im Buch scheint es, dass sich in Neapel nie etwas ändert, und das entspricht nicht der Realität“, meint der ehemalige Ermittlungsrichter und verweist darauf, dass in den vergangenen sechs Monaten die Zahl der Gewaltverbrechen gesunken sind, und das sei das Werk zivilen Engagements der Bürger.

Saviano zu kritisieren, ist ein Sakrileg in Italien. Aber dass der Bürgermeister nicht ganz falsch liegt, zeigt die Wahl von Apple für Neapel. Tim Cook lobte den Unternehmergeist der Stadt. Und die Redewendung „Neapel sehen und sterben“ hat nichts mit der Camorra zu tun, sondern dem Staunen über die Stadt am Golf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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