Arag finanziert VW-Klagen: Kräftemessen mit Wolfsburg

Arag finanziert VW-Klagen: Kräftemessen mit Wolfsburg

, aktualisiert 14. Juni 2017, 15:02 Uhr
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Der Dieselskandal hält den den Vorstandsvorsitzenden des Arag-Konzerns auf Trab.

von Carsten HerzQuelle:Handelsblatt Online

Der VW-Skandal hält auch die Rechtsschutzversicherer in Atem. Allein die Nummer Eins in Deutschland, Arag, finanziert derzeit rund 1400 Schadensersatzklagen. Doch schon bald dürfte sich die Zahl fast verdoppeln.

DüsseldorfPrivat bevorzugt Paul-Otto Faßbender andere Autos als einen VW Passat. Doch der Dieselskandal von Europas größtem Autobauer lässt auch den Chef des Versicherers Arag nicht los. Seine Assekuranz zählt zu den größten deutschen Rechtsschutzversicherern. Und wie Faßbender am Rande der Bilanzpressekonferenz in Düsseldorf sagte, finanziert die Arag alleine in Deutschland 1000 Kunden bei ihren Klagen gegen Volkswagen oder einen Händler wegen des Diesel-Skandals. Europaweit sind es etwa 1400 Kunden.

Aber schon bald dürfte sich diese Zahl deutlich erhöhen. „Bis Ende des Jahres wird die Zahl über 2000 liegen, derzeit kommen täglich bis zu fünf Anträge hinzu“, erläutert Hanno Petersen, der zuständige Arag-Vorstand in Düsseldorf. Der VW-Skandal sei damit das zweitgrößte Verfahrensthema für den Versicherer nach dem Rechtstreit um den Widerrufsjoker bei Immobilienfinanzierungen. Für die Arag kommt es zum Kräftemessen mit Wolfsburg.

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Die wachsende Zahl der Kostenzusagen im Streit mit VW ist nicht allein der wachsenden Klagelust der VW-Fahrer geschuldet, sondern aus Sicht der Arag vor allem einem Meinungsumschwung bei vielen Gerichten. Nachdem VW auch anderthalb Jahre nach Bekanntwerden des Diesel-Skandals nicht für alle Fahrzeuge eine vollständige Lösung anbieten könne, würden inzwischen mehr Richter Schadensersatzansprüche gegen VW akzeptieren, erläutert Petersen. Anfangs hatte die Assekuranz in erster Linie Klagen auf Mängelbeseitigung unterstützt, weil dem Unternehmen eine angemessene Frist zur Behebung der Fehler eingeräumt werden müsse. Aber inzwischen scheint die Geduld mancher Richter offensichtlich erschöpft. „Wir geben inzwischen auch Zusagen für Klagen gegen VW auf Erstattung oder Rückabwicklung“, sagte Petersen.

Vor deutschen Gerichten sind laut VW gut 3000 Verfahren wegen der Abgasmanipulation anhängig. Davon seien zehn Prozent entschieden. Drei Viertel der Klagen hätten Gerichte abgewiesen, einem Viertel sei stattgegeben worden. In diesen Fällen hat Volkswagen Widerspruch eingelegt. Die Klagen werden also von der nächsten Instanz behandelt. Bisher gibt es den Angaben zufolge kein Urteil einer höheren Instanz. Einen außergerichtlichen Vergleich lehnt der Konzern trotz des Drucks vieler Anwälte weiter ab. Die niederländische Organisation „Stichting Volkswagen Car Claim“ kündigte am Dienstag an, repräsentativ für rund 180.000 betroffene Autobesitzer in den Niederlanden ein Gerichtsverfahren einzuleiten.

Für die Rechtsschutzversicherer ist das ein wichtiger Präzedenzfall. Denn sie bleiben nur auf den Kosten abgewiesener Klagen sitzen. Werden VW oder Händler verurteilt, dann muss dagegen die Gegenseite zahlen – was die Kassen der Arag wiederum schont. Mit großer Aufmerksamkeit verfolgen die Düsseldorfer deshalb das Tauziehen um die Nachbesserungen der Fahrzeuge. So kalkuliert die Arag insgesamt Kosten zwischen sechs bis 15 Millionen Euro für die VW-Klagen ein. Denn im Gegensatz zu den USA, wo jeder Kunde auf bis zu 7000 Dollar Entschädigung hoffen darf, müssen deutsche Autokäufer vor Gericht ziehen, wenn sie gegen VW Ansprüche geltend machen wollen. Volkswagen weist die Ansprüche zurück und argumentiert, die Fahrzeuge entsprächen nach dem Softwareupdate in Europa den gesetzlichen Vorgaben.

Der Dieselskandal hält damit auch die Versicherungsbranche in Atem. Wenn alle knapp 2,5 Millionen Besitzer eines Skandalautos in Deutschland vor Gericht ziehen würden, beliefen sich Gerichtskosten und Rechtsanwaltshonorare sogar auf insgesamt rund 16 Milliarden Euro, schätzt die Stiftung Warentest. Umso erleichterter registriert die Arag, dass die Erfolgsaussichten aus ihrem Blickwinkel gestiegen sind. Nicht jeder ist allerdings mit dem Vorgehen der Arag im VW-Dieselskandal vollkommen zufrieden.

Die Großkanzlei Dr. Stoll & Sauer aus dem Baden-Württembergischen Lahr, die nach eigenem Bekunden über 30.000 Geschädigte im VW-Skandal vertritt, sieht das Verhalten der Düsseldorfer durchaus kritisch. Sie bemängelt offen die Deckungsablehnungen einiger Rechtsschutzversicherer, darunter auch von der Arag. Diese Ablehnungen sind aus Sicht der Kanzlei „grob rechtswidrig“, weshalb sie bereits in mehreren Fällen Deckungsklage gegen den Versicherer eingereicht habe.

Der Kurswechsel der Arag, nun auch Klagen auf Neuwagen und Rückerstattung gegen VW grundsätzlich finanziell zu decken,  könnte diesen Streit in Zukunft zwar deutlich abmildern. Aber das Verhältnis zwischen der Großkanzlei und den Düsseldorfern wird dies wohl nicht mehr völlig kitten. „Es wird ruhiger“, sagte Petersen zu den vielen Beschwerden der Anwälte, „aber Freunde werden wir sicher nicht mehr.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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