Arbeitsrechtler im Interview: Und plötzlich feiern alle Mitarbeiter krank

Arbeitsrechtler im Interview: Und plötzlich feiern alle Mitarbeiter krank

, aktualisiert 21. Oktober 2016, 08:43 Uhr
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Der Rechtsanwalt hat sich unter anderem auf Individual-Arbeitsrecht und kollektives Arbeitsrecht spezialisiert. Er ist in der Rechtsberatung bei Rödl & Partner in Jena tätig und Mitglied des Deutschen Anwaltvereins.

von Lisa OenningQuelle:Handelsblatt Online

Kurz nachdem Air Berlin und Tuifly den Umbau bekannt gegeben hatten, meldeten sich viele Mitarbeiter krank. Ein Zufall? Warum sich Mitarbeiter bedenkenlos kollektiv krank melden können – obwohl sie es gar nicht sind.

DüsseldorfBei Tuifly und Air Berlin fielen zum Start der Herbstferien etliche Flüge aus. Kurz nachdem die Airlines einen tiefgreifenden Umbau bekannt gegeben hatten, meldeten sich viele Mitarbeiter krank. Warum sich ein Großteil der Belegschaft eines Unternehmens oftmals bedenkenlos krank melden kann und aus welchen Gründen Arbeitgeber gegen vorgetäuschte Krankmeldungen in den meisten Fällen machtlos sind, erzählt Alexander von Chrzanowski, Fachanwalt für kollektives Arbeitsrecht, im Interview.

Herr von Chrzanowski, war das kollektive Krankfeiern ein Versuch der Mitarbeiter, die Betriebsänderung zu verhindern?
Dieser Verdacht drängt sich natürlich auf, wenn sich kurz nach Bekanntgabe der Maßnahme plötzlich Hunderte Mitarbeiter beim Arbeitgeber krank melden.

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Die Krankmeldungen müssen die Airlines so hinnehmen?
Ja. Wenn es keine weitergehenden Vereinbarungen im Arbeitsvertag gibt, dann braucht der Arbeitnehmer, sobald er sich unwohl fühlt und deshalb nicht zur Arbeit kommen kann, den Arbeitgeber nur über seine Abwesenheit informieren. Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung muss er nach dem Gesetz erst nach dem dritten Krankheitstag vorlegen.

Aber es scheint ja offensichtlich zu sein, dass die Mitarbeiter beim kollektiven Krankfeiern aus anderen Gründen zu Hause bleiben.
Das Problem ist, dass der Arbeitgeber in der Beweispflicht ist: Er muss nachprüfen können, dass der Arbeitnehmer nur vorgibt, krank zu sein. Im Einzelfall mag das vielleicht in Ausnahmefällen möglich sein. Aber wenn beispielsweise die halbe Belegschaft zu Hause bleibt, ist das unmöglich. Der Arbeitgeber ist bei jedem einzelnen Mitarbeiter in der individuellen Beweispflicht. Denn selbst wenn er vorgetäuschte Erkrankungen bei einem Mitarbeiter belegen kann, kann er nicht behaupten, dass die anderen auch unberechtigt fehlen.

Aber dem einzelnen Mitarbeiter könnte der Arbeitgeber kündigen?
Ja, wenn der Arbeitgeber die vorgeschobene Erkrankung nachweisen kann. Dennoch könnten einzeln gekündigte Arbeitnehmer auch dagegen noch klagen, wenn man es als herausgreifende Kündigung ansieht. Das bedeutet, dass der Arbeitgeber selektiv Pflichtverletzungen bestimmter Arbeitnehmer verfolgt, anderen gegenüber aber – trotz Kenntnis von vergleichbaren Pflichtverletzungen – untätig bleibt. Wenn der Arbeitgeber aber deutlich mehr Arbeitnehmern eine Pflichtverletzung nachweisen kann, als er überhaupt kündigen will, kann das Auswählen und Kündigen einzelner Arbeitnehmer problematisch werden.

Also ist es im Fall von Tuifly und Air Berlin sinnvoll, vertraglich schon am ersten Krankheitstag ein Attest zu verlangen?
Das wäre auf jeden Fall eine Maßnahme, um organisiertes kollektives Krankfeiern zu erschweren. Dann kann der Arbeitgeber sagen: „Ich nehme die Abwesenheit zur Kenntnis, aber ich möchte sofort eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung haben.“

Welche Kosten verursacht kollektives Krankfeiern?
Das kann man nicht genau beziffern. Der Arbeitgeber muss seine Mitarbeiter, obwohl sie keine Arbeitsleistung erbringen, weiter bezahlen. Im produzierenden Gewerbe kommen zusätzliche Kosten aufgrund des Produktionsstillstandes hinzu. Tuifly und Air Berlin müssen als Dienstleister zusätzlich vermutlich mit Schadenersatzansprüchen der Passagiere rechnen.

Welche Methoden setzen Mitarbeiter neben dem vorsätzlichen Krankfeiern ein, um Interessen durchzusetzen?
Manche unzufriedene Mitarbeiter machen Dienst nach Vorschrift – also nur das Notwendigste. Alles, was über den eigentlichen Arbeitsauftrag hinausgeht, blockieren sie. Wem der Arbeitgeber allerdings nachweisen kann, dass der Mitarbeiter unsorgfältig und absichtlich langsam arbeitet, muss dieser mit einer Abmahnung oder sogar Kündigung rechnen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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