Arbeitszeitmodelle: Auszeit als Anreiz

Arbeitszeitmodelle: Auszeit als Anreiz

, aktualisiert 26. März 2017, 15:48 Uhr
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Freistellung für mehrere Monate ist möglich.

Quelle:Handelsblatt Online

Mitarbeiter gehen lassen, um sie zu binden – das ist nur auf den ersten Blick ein Paradoxon. Mit Sabbaticals erhöhen Unternehmen die Attraktivität für Fachkräfte. Gute Planung hält den Aufwand für Betriebe in Grenzen.

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Mit dem Rucksack durch Asien reisen oder mehr Zeit mit der Familie verbringen – welches Projekt die Mitarbeiter auch anstreben, Thomas Egenter will ihnen dafür Zeit freischaufeln. Seit zehn Jahren sorgt der Personalleiter des Armaturenherstellers Hansgrohe dafür, dass seine Leute mehrere Monate von der Arbeit freigestellt werden können, um sich auf private Interessen zu konzentrieren. „Das ist nicht einfach, aber wir bemühen uns sehr, für jeden eine Lösung zu finden“, sagt Egenter.

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Die Finanzierung sei meist kein Problem: Auf einem Zeitkonto könnten die Mitarbeiter Überstunden und Prämien ansammeln und diese dann in bezahlte Freizeit umwandeln. Die größte Herausforderung stellt sich dem Personalleiter im laufenden Betrieb: Wie ersetzt man die fehlende Kraft? „Da muss ich auch mal akzeptieren, wenn Arbeit liegen bleibt“, erläutert Egenter. Über allem steht ein Gedanke: „Ich möchte meine guten Mitarbeiter halten. Diejenigen, denen ich so eine Auszeit ermögliche, die kommen zufrieden und hochmotiviert zurück.“

Mitarbeiter gehen lassen, um sie zu binden – nur auf den ersten Blick ein Paradoxon. Für Konzerne und Mittelständler sind mehrmonatige Auszeiten vom Job, auch Sabbaticals genannt, mittlerweile ein wichtiges Instrument der Personalführung. Im steigenden Wettbewerb um Fachkräfte nehmen Unternehmen die zusätzlichen Kosten auf sich, denn sie wissen: Wollen sie qualifiziertes Personal anlocken oder halten, müssen sie auf Wünsche eingehen. Sabbaticals stehen dabei weit oben auf der Liste.

Fast jeder dritte Berufstätige beschäftigt sich aktiv mit dem Thema Sabbatical, ergab eine Studie des Karrierenetzwerks Xing im Januar. Zehn Prozent der Deutschen haben bereits eine Auszeit genommen, weitere 21 Prozent liebäugeln mit einer beruflichen Verschnaufpause, so die repräsentative Studie, für die knapp 1.500 Arbeitnehmer in Deutschland befragt wurden.

Die Berlinerin Andrea Oder hilft als Sabbatical-Coach den Unternehmen und ihren Beschäftigten dabei, die Sabbatzeiten umzusetzen. „Gerade für junge Absolventen ist der Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit sehr wichtig. Die Lebensarbeitszeit steigt, deshalb nimmt auch das Bedürfnis nach zwischenzeitlichen Pausen zu“, sagt Oder. „Wer das anbietet, steigert seine Attraktivität als Arbeitgeber deutlich. Und der Aufwand ist wesentlich geringer, als viele befürchten.“ Ein Rechtsanspruch bestehe hingegen nicht.


Die Erwartungen steigen

Bei McKinsey hat sich das Konzept etabliert. Bis zu drei Monate können Berater dort jedes Jahr frei nehmen. „Wir müssen das anbieten – die neue Generation erwartet einfach eine gewisse Flexibilität“, sagt Recruiting-Chefin Nadja Peters. „In unseren Befragungen erzielt das Instrument immer Bestnoten. Viele sagen: 'Das ist einer der Gründe, warum ich hier arbeite.'“

Die Planung sei unkompliziert: Zweimal im Jahr – im Januar und Juli – melden Mitarbeiter per Mail an, wenn sie eine Auszeit nehmen möchten. „Wir müssen dann nur noch koordinieren, wer wann weg ist. In den Sommermonaten ist generell weniger zu tun, deshalb versuchen wir es so zu steuern, dass die meisten ihre Auszeit dann nehmen“, sagt Peters.

Die McKinsey-Frau hat dabei einen entscheidenden Vorteil – den Arbeitsrhythmus der Unternehmensberater. Sie sitzen an Projekten, die im Schnitt nach zwei bis drei Monaten zu Ende sind. So ist eine Unterbrechung kein Problem. Der Personalstamm ist groß genug, dass andere Berater die nächsten Projekte übernehmen können. Schwieriger ist es für Betriebe, die mit wenigen Spezialisten arbeiten.

Sabbatical-Coach Oder ist jedoch überzeugt, dass auch solche Unternehmen Auszeiten so legen können, dass es den internen Abläufen entgegenkommt. „In vielen Branchen gibt es strukturbedingte Schwankungen. Man kann mit den Arbeitnehmern vereinbaren, dass sie in den weniger angespannten Phasen freinehmen“, sagt sie.

Auf diese Weise geht auch der Automobilhersteller BMW mit dem Thema um: „Die Führungskraft und der Mitarbeiter planen gemeinsam, welche Termine abzudecken sind“, sagt Jürgen Lipp, Leiter des Fachbereichs Arbeitszeit. „Ein Projektleiter kann sich natürlich nicht spontan vor einem Produktionsstart oder wichtigen Aufgaben in die Welt verabschieden. Der Schlüssel ist die vorausschauende Planung.“


Es eröffnen sich neue Perspektiven

Entscheidend sei, die Aufgaben im Team so zu organisieren, dass niemand überlastet werde. Zusätzlich müsse man deshalb weitere Angebote wie mobiles Arbeiten nutzen. Dann könne die ganze Abteilung davon profitieren: „Wer in einer solchen Phase Aufgaben übernimmt und sich in neue Themen einarbeitet, entwickelt sich weiter. Das kann eine tolle Chance sein“, sagt Lipp.

Weiterentwickeln können sich auch die Arbeitnehmer, die das Unternehmen für eine begrenzte Zeit verlassen – und zwar durchaus im Sinne des Arbeitgebers. Der kann nämlich Impulse geben, wie eine Auszeit gestaltet werden könnte. Eine Möglichkeit ist es, die Mitarbeiter zu ehrenamtlichem Engagement zu ermutigen.

Elke Dieterich, Gründerin der Organisation „Manager für Menschen“, hilft Firmen dabei, Mitarbeiter in soziale Projekte in weniger entwickelten Ländern zu vermitteln. „Die Arbeit dort schafft eine ganz neue Perspektive“, sagt sie. „Man lernt, mit knappen Ressourcen auszukommen, flexibel zu reagieren und kreative Lösungen zu finden. Diese Fähigkeiten nehmen die Menschen mit nach Deutschland.“

Beim Armaturenhersteller Hansgrohe entschloss sich jüngst eine Mitarbeiterin zu einem solchen Social Sabbatical in Uganda. „Das wollten wir zusätzlich unterstützen und haben Hin- und Rückflug gezahlt“, sagt Personalleiter Egenter. Er glaubt, dass das auch dem Image des Unternehmens nützt: „Natürlich können wir so auch zeigen, dass wir als Unternehmen soziale Verantwortung übernehmen.“ Nun will er versuchen, noch mehr Mitarbeiter von ehrenamtlichem Engagement zu überzeugen. Dass er sich vor Anfragen dann nicht mehr retten kann, glaubt Egenter aber nicht. Pro Jahr gebe es nur eine Handvoll Interessenten.

Auch BMW-Arbeitszeitleiter Lipp nennt die Nachfrage gering: Jedes Jahr würden nur 500 Mitarbeiter eine Auszeit nehmen, das entspricht 0,6 Prozent der Belegschaft. Sabbatical-Coach Oder sagt: „Der Arbeitnehmer muss einen erheblichen persönlichen Aufwand leisten.“ Viele halte das ab. Immer beliebter werden bei BMW aber kürzere Auszeiten: Rund 4.500 Mitarbeiter pro Jahr nutzen das Angebot von 20 zusätzlichen freien Tagen.

Die finanzielle Absicherung spielt laut Xing-Studie durchaus eine Rolle: Ab einem Bruttoeinkommen von 5.000 Euro haben 14 Prozent der Befragten schon eine Auszeit genommen – weit mehr als in niedrigeren Einkommensgruppen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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