2 965StundenWohligkeit

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Der Welt beste Rasur holtsich der Gentleman in Trumpers Londoner Barbershop. 

Ein Zentimeter imMonat oder 0,33 Millimeter am Tag, das sind die Fakten. Die Stoppeln wachsen mit einer solchen Geschwindigkeit, dass sie alle 24 Stunden aufs Neue gestutzt werden müssen. Wer sich keinen Bart stehen lassen will, der mäht, schneidet, schabt, kratzt – jeden Morgen. Denn die Zeiten, da man es mit Borsten im Gesicht beispielsweise zum Präsidenten der Vereinigten Staaten bringen konnte, sind längst Geschichte. Seit William Howard Taft (Schnurrbart) haben jedenfalls nur noch glatt Rasierte den Einzug ins Weiße Haus geschafft. Bärte sind out, in den höheren Rängen der Gesellschaft allemal. 

Also: rasieren. 

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Für die überwiegende Mehrheit der männlichen Bevölkerung ist es eine lästige Pflicht. Die wahren Pessimisten haben ausgerechnet, dass sie bis zur ihrem 80. Geburtstag 2965 Stunden ihres Lebens damit verbracht haben werden, das tägliche Bartwachstum zu bekämpfen. 2965 dividiert durch 24 macht 123 Tage und zwölf Stunden. Kubas Staatschef Fidel Castro hat einmal Fernsehreportern erklärt, er hätte das Rasieren aufgegeben, nachdem ihm bewusst geworden sei, dass ihm als Bartträger jedes Jahr zehn Tage mehr blieben, die Weltrevolution voranzutreiben. Das Opfer war bekanntlich vergebens. 

Die ultimative Abneigung der morgendlichen Routine findet in einem Sprichwort seinen Ausdruck. Es sei leichter, einmal im Jahr ein Kind zu bekommen, quengelt der Volksmund in Russland, als sich jeden Tag rasieren zu müssen. Historisch und ganz praktisch gesehen, steckt auch in dieser grotesken Übertreibung ein Körnchen Wahrheit. In der Steinzeit haben sich Männer die Stoppeln mit geschärftem Feuerstein aus dem Gesicht geschabt, und von römischen Legionären heißt es, sie hätten ihren Bart mit Bimsstein weggeschliffen. Aber inzwischen haben wir die Höhlen verlassen, und das letzte Jahrhundert hat uns allerhandGerätschaften geschenkt, mit denendie Aufgabe weit gehend schmerzfrei zu bewältigen ist. 

Kommen wir zu den Optimisten. Gary Stephens zum Beispiel. 55 Jahre alt, ein paar Lachfalten, sein rundes Gesicht glänzt rosig. Er hat nicht eine einzige Stoppel übersehen, seine Haut ist so glatt, als hätte sie noch nie ein Barthaar gesehen, geschweige denn ein Rasiermesser. Selbst dieproblematischen Zonen am Hals makellos, keine Schramme, keine Rötung. Er braucht morgens, sagt er, zehn Minuten dafür. Aber er ist eben auch ein Profi, Barbier von Beruf, und das nicht in irgendeinem Friseursalon, der nebenbei den Bartwuchs bändigt, sondern bei Geo F. Trumper, dem exquisiten Gentlemen’s Barbershop in der Londoner Curzon Street. 

Dort legen sich Bankiers und Anwälte, Industrielle und Politiker unters Messer. Jeder der Barbiere empfängt zwölf Kunden am Tag, mehr nicht. „Fast alle“, sagt Stephens, „sind Stammkunden, die zu einem ganz bestimmten Barbier ihres Vertrauens wollen.“ Die Curzon Street verläuft quer durch den feinen Stadtteil Mayfair, das noble Auktionshaus Sotheby’s liegt zwei Straßen weiter wie auch die Maßschneider der Savile Row. Zur unmittelbaren Nachbarschaft zählen die Diplomaten im Stadtteil Belgravia und die Paläste der Windsors, Buckingham und St. James. Doch Stephens sind keine Namen von Stammkunden zu entlocken: „Ich sagte doch: Sie kommen zu dem Barbier ihres Ver-trauens. Ein Barbier hört viel. Aber er schweigt.“ 

Gerade eben ist wieder ein schwarzer Mercedes vorgefahren, die neue S-Klasse, ein Chauffeur in Uniform steigt aus und öffnet seinem Passagier die Tür. Weißer Schopf, Nadelstreifen, Spazierstock. Mit einem Seufzer lässt sich der Mann in einem der fünf mahagonigetäfelten Separees in den Friseurstuhl sinken. „Good morning, Sir!“, grüßt der Barbier und erkundigt sich: „Wie geht es Ihrer Frau…“ Dann geht die Lautstärke auf ein diskretes Murmeln zurück, und das Ritual beginnt. Der Nadelstreifen taucht unter einem grünen Umhang ab, ein bordeauxrotes Handtuch schützt Hemd- und Jackettkragen. Der Barbier bringt heiße Tücher, es duftet nach Limonenextrakt, das Gesicht verschwindet unter weißem Frottee. Aahhh, noch ein tiefer Seufzer. Mit dem Dachshaarpinsel wird Rasiercreme verteilt, der Barbier massiert die Seife mit seinen Fingern ein, ein zweites Mal noch wird geschäumt, dann gleitet das Messer mit gleichmäßigen Zügen über die Wangen. Kaltes Wasser, kurz abgetupft, eine Feuchtigkeitscreme mit dem feinen Aroma von Sandelholz, fertig. Der Mann im Nadelstreifen liegt entspannt in den grünen Lederpolstern. Er hat die Augen geschlossen, die ganze Zeit. Ein Mensch, der leidet, sieht anders aus. Wie kann des einen Last des anderen Luxus sein? 

Ha! Da kommen wir zu Gary Stephens Lieblingsthema: „Die meisten Leute machen sich zu Hause mit einem Minimum an Aufmerksamkeit und Aufwand an die Rasur, ruck, zuck, ritsch, ratsch. Manche erledigen sie nebenher unter der Dusche oder in der Badewanne, sie gucken nicht einmal mehr hin! Dabei ist natürlich das Wasser nie heiß genug und wahrscheinlich auch noch die Klinge stumpf. Dazu Schaum aus der Dose, die reine Chemie. Die Männer reißen sich die Haare aus dem Gesicht, wo sie eigentlich elegant schneiden könnten. Klar ist das eine Tortur.“ 

Die Barbiere bei Trumper sehen einem Mann ins Gesicht und wissen, wie es morgens um seine Laune bestellt ist. Manch einer hat keine Haut im Gesicht, sondern ein Schlachtfeld. Schürfwunden, Pickel, eingewachsene Haare, dürretrockne Haut. Grausig, findet Stephens: „Warum kümmern sich diese Typen bloß nicht um ihr Gesicht? Sie haben nur das eine.“ Er hat diese Frage ausgiebig mit seinen Kollegen debattiert, sie haben nur eine plausible Erklärung finden können: „Diese armen Menschen“, meint Stephens, „haben möglicherweise nie gelernt, wie man sich richtig rasiert.“ Sie wissen nicht, was sie tun. Die Gemetzel sind ein schreckliches Versehen. 

Da hilft nur Aufklärung. Es klingt verwunderlich und doch einleuchtend. Auch eine Fertigkeit, die jeden Tag verlangt wird, will gelernt sein. Was wissen Männer denn schon über Schaum und Seifen, die sie ihren Gesichtern zumuten, oder über die Klingen, mit denen sie sich an die Gurgel gehen? Erschreckend wenig. Kaum hatte man bei Trumper erkannt, welche Wissenslücken hier klafften, da war die neue Dienstleistung schon geboren: die Shaving School. Von der Lehrstunde für Anfänger bis zur Nachhilfe für den Gentleman, eine Stunde Beratung von einem professionellen Barbier, eine Stunde Kolloquium, bei dem es um Haut und Haar geht. Und dann nie wieder leiden, nie wieder nörgeln. Gary Stephens widmet sich der Aufgabe mit großer Leidenschaft. Der grüne Umhang, das rote Frotteehandtuch und dann die Predigt. „Benutzen Sie einen elektrischen Rasierapparat? Eine schmutzige Angelegenheit, weg damit.“ Schimpft nun der Traditionalist aus Prinzip auf die Neuerungen des 20. Jahrhunderts? Keineswegs, entgegnet er: „Nur geht es bei der Rasur nicht allein darum, Haare loszuwerden, wir sprechen hier von einem wunderbaren Moment im Tag eines Mannes, um eine genussvolle Erfahrung. Kann das Brummen und Raspeln einer Maschine denselben Luxus bieten wie aromatische Cremes und Seifen, wie der Wechsel von heißem und kaltem Wasser?“ 

Also weiter im Text. Vorbereitung ist alles, daran hängt das Gelingen der gesamten Prozedur. Wenn die Barthaare nicht weich sind, gerät die Rasur zur Qual. Deshalb die Packung heißer Tücher: Schön auf Kinn und Wangen pressen, das öffnet die Poren und entspannt en passant die Gesichtsmuskulatur. Es folgt zum Schutz der Haut eine Creme auf Glyzerinbasis, sie lässt den Stahl der Klinge leichter über die Haut gleiten. Wozu dann noch der Schaum? „Er sorgt dafür, dass die Barthaare stehen, wenn sie platt unter einem Rasiergel liegen, lassen sie sich nicht schneiden.“ 

Wie denn, kein offenes Messer? Gary Stephens winkt ab. „Das schaffen wir in einer Stunde Shaving School leider nicht, da müssten wir uns noch einmal verabreden.“ Für den Hausgebrauch empfiehlt er Gillette, den dreifachen Schnitt des Modells Mach 3. Ein Massenprodukt beim Barbier der Edlen und Wichtigen? „Sauberer schafft man die Rasur mit dem Messer auch nicht. Und die Verletzungsgefahr ist deutlich geringer.“ Aber ist denn die scharfe Schneide nicht gerade das Faszinierende, das Äquivalent zum Kugelfischsouper, das genussvolle Spiel mit der Gefahr? Man klappt das Messer auf und sieht vor dem geistigen Auge den Mafiapaten, der im Friseursalon seine Kehle der Klinge preisgibt. Kann er diesem Barbier wirklich trauen? 

Gary Stephens hat bei aller Liebe zu seinem Handwerk für solche Schwärmereien wenig übrig: Der Bart wächst, also rasiert er. Sein Arbeitsplatz ist übrigens von ähnlichem Pragmatismus geprägt. Das Interieur hat sich seit 130 Jahren kaum verändert; elektrisches Licht haben sie irgendwann installiert und ein Telefon. Fast möchte man glauben, dass der antiquierte Barbershop ein Flecken in unserem modernen Universum ist, den man nur in der Zeitmaschine erreichen kann. Doch Trumper ist keine nostalgische Schau, die Einrichtung erfüllt ihren Zweck, sie braucht keine modische Erneuerung, sie ist für die Ewigkeit gemacht, für ein Handwerk, das gebraucht wird, solange die Haare sprießen. 

Aber zurück vor den Spiegel. Haut mit dem Finger leicht straffen, lange Züge mit dem Messer, kein hektisches Auf und Ab, immer in Richtung des Bartwuchses. Ohne Widerstand gleitet der Stahl, der Barbier prüft mit dem Finger, ob er alle Stoppeln erwischt hat. Er nickt zufrieden, glatter geht es nicht. „Jetzt sind Sie dran, die andere Seite, bitte!“ Nicht zu fest drücken, die Klinge darf nicht haken, nicht stocken. Die Fingerkuppen des Barbiers streichen über das Kinn, er zeigt auf den Pinsel und nickt; ein zweiter Durchgang, if you would. 

Zwei, drei Mal in der Woche drücken erwachsene Männer die Schulbank bei ihm. Es hat sich leider noch nicht herumgesprochen, dass es Gary Stephens noch jedes Mal gelingt, dem Gentleman eine tägliche Last zu nehmen und ihm dafür einen alltäglichen Luxus zu schenken, den er ganz allein genießen darf. 40 Pfund berechnet der Barbier für die Nachhilfestunde, nur zehn Pfund mehr, als die reguläre Nassrasur. Ein geradezu lächerlicher Preis für eine Lektion, die ein Leben lang wirkt. 2965 Stunden einer echten Wohltat. Die Rechnung sollte auch den letzten Zweifler überzeugen. 

Olaf Kanter 

Geo F. Turner 

9 Curzon Street 

London 

Tel. 00 44/20/74 99 18 50 

www.trumpers.com 

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