Archiv: 740 Park Avenue

Für New Yorks Reiche ist kein Preis zu hoch und keine Mühe zu groß, um an diese Prestige-Adresse zu kommen. 

Saul Steinberg war einmal das Wunderkind der Wall Street. Im Jahre 1961 gründete der damals gerade 22-jährige Jungunternehmer mit dem Babyface eine Computer-Leasinggesellschaft, die zu einer der erfolgreichsten Firmen in dem expansiven Markt der Sechzigerjahre wurde. Beim Handel mit dem aufgeblähten Wert seiner Strohfeuer-Technologieaktie fiel der Finanzjongleur in den folgenden Jahren über nichtsahnende Unternehmen her und kaufte große Positionen ihrer Aktien auf. Mit dieser Masche eroberte er 1968 die 151 Jahre alte Versicherungsgesellschaft Reliance in Philadelphia. Noch ehe er 30 war, setzte er schon seine Barreserven in Millionenhöhe ein, um sich als draufgängerischer Unternehmenspirat zu profilieren und machte sich daran, so uramerikanische Unternehmen wie die Chemical Bank, Walt Disney und die New York Times zu kapern. 

Vergeblich. Denn nach dem Reliance-Coup hatte Steinberg mit seiner Methode nur noch selten Erfolg. Doch das war ihm nicht weiter wichtig, Hauptsache, der Dollar rollte. Meist strich er bei seinen Attacken ein Vermögen ein – entweder durch Aktienverkäufe zu einem Zeitpunkt, wo seine Aktivitäten die Kurse gewaltig hochgetrieben hatten, oder durch Einnahmen aus den später so genannten Greenmails: Um Übernahmekämpfe zu vermeiden, kauften die attackierten Unternehmen ihre Aktien zu einem erheblichen Aufschlag auf den Tageskurs zurück, damit Raider wie Steinberg von ihnen abließen. 

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1983, im Alter von 44 Jahren, standen Saul Sternberg und seine Familie mit einem Vermögen von 200 Millionen Dollar auf der Forbes-Liste der reichsten Amerikaner. Im Jahr darauf verdoppelte das Magazin seine Schätzung. Steinbergs Holdinggesellschaft, die Reliance Group, hatte einen Wert von fünf bis sieben Milliarden Dollar. Sein persönliches Reinvermögen erreichte im September 1987 mit rund 660 Millionen Dollar den Zenit. Dann kam der Börsencrash. Und mit ihm begann Steinbergs langer Abstieg. 

Jahrzehntelang hatte Steinberg sein Geld so eingesetzt, als könnte sich der kometenhafte Anstieg, den er nach der Kaperung von Reliance erlebt hatte, ewig fortsetzen. „Wie die Rockefellers will ich die Welt besitzen“, pflegte er zu sagen. Und deshalb gab er auch Feste im Stil eines Imperators. Zugleich spendete er Millionen aus seinem eigenen Vermögen (und dem Firmenvermögen von Reliance) für Museen, Bibliotheken und Universitäten. Er galt als fürstlich großzügig. Das reichte ihm nicht, er arbeitete zäh an seiner Apotheose. Auf einem Schild in seinem Büro stand in englischer und hebräischer Sprache: „Am achten Tag ruhte Saul.“ 

Hochmut kommt vor dem Fall. Nach einem Schlaganfall im Jahr 1995 ging es mit Steinbergs Finanzen rapide bergab. Forbes tilgte ihn aus der Reichsten-Liste. Steinbergs Leben brach buchstäblich auseinander. Die absolute Katastrophe für ihn war es jedoch, seine prunkvolle Wohnung in 740 Park Avenue zu verlieren. Es war das Quartier seiner Träume gewesen – und das Einzige, was ihn wirklich mit den stets angehimmelten Rockefellers verband. Steinberg hatte die Luxuswohnung vom damals reichsten Mann der Welt gekauft: vom Sohn des größten Kapitalisten des Industriezeitalters – eben jenem Sohn, der den üblen, habgierigen Ruf der Rockefellers überwunden hatte und der Inbegriff seiner Zeit für gediegenen Reichtum geworden war. Steinberg hatte für sich die Vision gehabt, die Triumphe von Vater und Sohn Rockefeller im Laufe seines eigenen Lebens zu wiederholen. Stattdessen musste er sich als finanziell und körperlich gebrochener Mann nun von dem Ziel verabschieden und sogar die Rockefeller'sche Residenz aufgeben. 

Die Residenz, die Steinberg mit den Rockefellers verband, ist in den Grundrissplänen des Hauses 740 Park Avenue nüchtern als Appartement 15/16B ausgewiesen. In einem Artikel geriet das US-Magazin „Town & Country“ ins Schwärmen ob des „schlossartig weitläufigen, überheblich abgeschlossenen Appartements, das den Glanz von Reichtum und gesellschaftlicher Selbstgewissheit“ ausstrahlte. Und dies in einem Haus, das an sich schon „nicht nur die beste Adresse New Yorks, sondern die beste der Welt“ sei. 

Saul Steinbergs Traum-Wohnung war „eine Manhattan-Residenz von unvergleichlicher Eleganz, Tradition, Lage und Proportionen“, wie ein Immobilienmakler sie später beschrieb. Sie erstreckte sich über fast 2000 Quadratmeter; und das in einer Stadt, in der Studios von 65 Quadratmeter eher die Norm für einen 30-Jährigen waren. Die Wohnung umfasste 23 bis 37 Zimmer – je nachdem, ob man die Foyers und Flure in der Größe von Ballsälen, die Domestikenwohnungen und die 14 Badezimmer mitrechnete. 

Allein die Eingangsgalerie war mit 17 mal 4 Meter größer als viele New Yorker Wohnungen. Der Salon maß zwölf mal sieben Meter und hatte eine Terrasse mit Blick auf die Park Avenue. Das sieben mal zehn Meter große Speisezimmer hatte gleichfalls eine vorgelagerte Terrasse. Die kiefernholzgetäfelte Bibliothek war 6,50 mal 8 Meter weit. Ein 33Quadratmeter großes Schlafzimmer mit angrenzendemAnkleidezimmer verwandelte der neue Besitzer in ein Billardzimmer. Die 15. Etage hatte darüber hinaus elf Toiletten und drei weitere Badezimmer und eine Deckenhöhe von 4,5 Metern. In einem separaten Wirtschaftstrakt hinter dem Speisezimmer lagen neben der riesigen Küche etliche Wirtschaftsräume, ein Vorratsraum, ein Geschirrlagerraum, ein Personal-Esszimmer und eine Waschküche. Eine Treppe führte von der Küche zu einem Zwischengeschoss mit etwas niedrigen Decken fürs Personal. Dort gab es noch einmal ein halbes Dutzend Schlafzimmer für die Dienstboten, einen Lagerraum und zwei Bäder. Ein weiterer Personalbereich, den Steinberg später umbauen ließ, lag unmittelbar darüber in der 16. Etage. 

Nach der ersten Renovierung durch Steinberg hatten allein die Privaträume in der 16. Etage die erstaunliche Zahl von 32 Toiletten, sieben Bädern, drei großen Schlafzimmern mit angrenzenden Ankleidezimmern, zwei kleineren Schlafzimmern, einem Wohnraum, einer zweiten Küche, einem Arbeitszimmer, einem Fitnessraum und einem acht mal sechs Meter großen Spielzimmer. Darüber hinaus gab es elf funktionsfähige Kamine, Saunen für Damen und Herren, ein Dampfbad und einen Filmvorführraum. Die monatlichen Nebenkosten für die Wohnung lagen bei über 6500 Dollar. 

Steinberg lebte mit jeder seiner drei Ehefrauen in 740 Park Avenue. Doch bei beiden Scheidungen bot er die Wohnung jeweils vorsorglich auf dem Immobilienmarkt zum Verkauf an, um sicherzustellen, dass er sie nicht an eine „Ex“ verlieren würde; nach Vollzug der Scheidung nahm er die heiß geliebte Wohnung dann jeweils schnell wieder vom Markt. Frauen kamen und gingen in Saul Steinbergs Leben. Doch 740 war ein Juwel, das er niemals loslassen wollte. 

Steinbergs erste Frau und einstige Highschool-Liebe Barbara stammte wie er aus kleinbürgerlichen Verhältnissen in Brooklyn, wo Sauls Vater mit Geschirrständern und rutschfesten Badematten handelte. Das dreiste Gebot des Emporkömmlings aus Brooklyn für die Chemical Bank brachte den Steinbergs die erbitterte Feindschaft des alten Geldes ein. Die Honoratioren der Bank, überrascht von der Frechheit des jungen Angreifers, legten umgehend die Samthandschuhe ab und bekämpften Steinberg mit Macht und Einfluss, mit Nobelanwälten und dem Federal Reserve Board, mit einem Senatsausschuss und einer Phalanx einflussreicher Politiker – allen voran der Gouverneur von New York, Nelson Rockefeller, einer der Söhne von John D. Rockefeller junior. Schließlich wurde der Raider abgeschmettert. 

Umso mehr kostete Steinberg den Triumph aus, als er etwa zwei Jahre später die Rockefeller-Wohnung in 740 Park Avenue kaufte. Er wusste wohl, dass diese Transaktion Symbolcharakter hatte: Er hatte es sozial geschafft, auch ohne väterlichen Reichtum. „Ich bin kein Rockefeller, das war mir nicht gegeben“, sagte er einem Journalisten. Sprach's und legte die Füße auf den Schreibtisch in der neuen Wohnung, über ihm ein eben erworbener Matisse. 

In den Siebzigerjahren, während Barbara die Kinder erzog, haute Saul dann richtig auf den Putz. Er hatte, wie ein guter Freund sagt, „seine Midlife-Crisis in den Dreißigern“. Er brauchte Ablenkung, denn es waren harte zehn Jahre für Saul Steinberg. Reliance geriet tief in die roten Zahlen: 1975 betrugen die Schulden 500 Millionen Dollar, der Aktienkurs war von 100 auf 10 Dollar abgestürzt. Steinbergs Vermögen schrumpfte auf neun Millionen Dollar. Er gab den Versuchungen nach, die die Welt für einen millionenschweren jungen Mann bereithält. Von der Schule war er direkt ins Geschäftsleben eingestiegen und hatte ein Jahrzehnt damit verbracht, reich zu werden. Nun war er entschlossen, das Leben zugenießen. 

Es kam, wie es kommen musste: Saul Steinberg begann eine Affäre. Seine Geliebte war eine leidenschaftliche, schöne Italienerin namens Laura Bordini Sconocchia Fisher. Es war die Disco-Ära und den beiden wurde eine Vorliebe für den neuesten Party-Schrei nachgesagt: Kokain. Steinberg ließ sich von der Mutter seiner Kinder scheiden, bekam mit Laura ein viertes Kind und heiratete sie 1978, nachdem sie zum Judentum konvertiert war. 

Im März 1980 war Saul Steinberg gerade mal 40, als er und Laura samt ihrem prestigeträchtigen Gebäude auf der Titelseite der nicht so prestigeträchtigen „New York Post“ landeten. Es war der Ausgangspunkt eines ausgewachsenen Gazettenskandal. Das Paar hatte zuletzt erhebliche Eheprobleme gehabt, und Laura war aus den gemeinsamen Prunkgemächern in 740 Park Avenue vorübergehend ausgezogen. Doch eines nachts verschaffte sich die nach einhelligem Urteil ihres Bekanntenkreises zu großer Leidenschaft fähige Dame Zutritt zu der Wohnung. 

Sie verbarrikadierte sich im größten Badezimmer, während Anwälte, Polizisten und von beiden Streitparteien angeheuerte Schlägertypen vor der Tür über die Rechtssituation debattierten. Das Palaver fand ein Ende, als einer von Steinbergs Anwälten die randalierende Dame festnehmen ließ, und Laura im bodenlangen Nerz von einem grinsenden New Yorker Polizisten aus dem Gebäude abgeführt wurde. Blitz! Mit diesem denkwürdigen Titelseiten-Foto war Steinbergs nicht gerade schmeichelhafter Ruf als Tycoon besiegelt. 

In den darauf folgenden Wochen und Monaten schnüffelte die Öffentlichkeit begierig jedem Detail des Steinberg’schen Ehedramas hinterher. Und in fast jedem Bericht wurde die berühmte Rockefeller-Wohnung erwähnt. Mal wurde sie als Doppelwohnung, dann wieder als als Dreifachwohnung, zuweilen als Penthouse und einmal sogar als Vieretagen-Wohnung bezeichnet; die Zahl der Zimmer schwankte in den Berichten zwischen 25 und 90. Doch letztlich kam es gar nicht so sehr auf die Einzelheiten an. Entscheidend war vielmehr, dass dieser Skandal schlagartig den Marmorvorhang wegriss, hinter dem die Bewohner von 740 Park Avenue lange Zeit ein ungestörtes Dasein geführt hatten. Was einmal eine diskrete Festung für Reiche gewesen war, wurde nun zur Werbung dafür, was man mit Reichtum alles kaufen kann. 

So wie manche Sterne eine Zahl als Namen haben, so sind auch die Superstars unter New Yorks Appartementhäusern unter ihrer Hausnummer bekannt. Die Nummer eins unter ihnen ist nun mal 740. Es war die Kinderstube von Jacqueline Bouvier Kennedy Onassis, das Stadtschloss, in dem die Prinzessin Heinrich XXXIII. Reuß zu Köstritz residierte. Heute wohnt dort die Gräfin Marie Douglas, zweite Ehefrau desUnited-Technologies-Chefs George A. David. 740 war vonjeher eine Art Tresor für die Erben großer Firmennamen mit großen Vermögen: Standard Oil, Gulf Oil, Anaconda Copper, New York Central, Hevemeyer Sugar, International Harvester, Seagram, Campbell’s Soup, Chrysler, Marshall Field’s, Gimbel, Bonita Banana, Pullman, Friendly Ice Cream, Avon Products, Milliken und gegenwärtig Mosler Safe, Time Warner, Loews, Estée Lauder und TV-Guide. Das Haus ist die Trophäe, die alle Tycoons von heute – ob Steinberg, David, Ronald Owen Perelman, Henry Kravis – irgendwann ihr Zuhause nannten. 

Das Gebäude wurde 1929 als das teuerste, exklusivste, kurz, das beste Appartementhaus der Welt entworfen. Mehr noch, es sollte auch in jeder Hinsicht das reichste sein: Erbaut aus den erlesensten und teuersten Materialien sollte es nur Bewohner aus den reichsten Kreisen beherbergen – die Hälfte aus dem alten New Yorker Adel, die übrigen aus der neureichen Elite, also Bankiers und Industrielle, die bei der Markthausse der Zwanzigerjahre reich geworden waren. Baubeginn war im September 1929, einen Monat vor dem großen Börsenzusammenbruch. Der Architekt war Rosario Candela, Designer der schönsten Gebäude der so genannten New Yorker Gold Coast, also entlang von Park Avenue und Central Park. Die schönsten Candela-Appartements befinden sich in 740, das als Epizentrum der Gold Coast außerdem mit den drei wichtigsten Attributen einer kostbaren Immobilie gesegnet ist, wie sie der New Yorker William Zeckendorf einmal definierte: Lage, Lage und nochmals Lage. 

Ein ausgesprochen unglückliches Timing wollte es, dass 740 Park Avenue just zu einer Zeitenwende im Oktober 1930 eröffnet wurde. Die Weltwirtschaftskrise war noch nicht verdaut, und der Zweite Weltkrieg sollte wenige Jahre später beginnen. Das Prunkgebäude wurde zu einem finanziellen Desaster und blieb es fast 50 Jahre lang. Durch die Demokratisierung der amerikanischen Kultur im Krieg wurden die Enklaven der Upperclass wie 740 Park obsolet. Familiennamen, dynastische Vermögen und die quasireligiösen Institutionen des alten Geldes verloren ihr Selbstbewusstsein, ihre Stellung und ihre Macht. Früher hatte die alte Schule neben den Neureichen bestanden; ab den Fünfzigerjahren wurde sie zu einer gefährdeten Spezies. 

Zu Beginn der Achtzigerjahre verliehen lebhafte und manchmal raubeinige Neureiche den alten Formen des Reichtums neues Leben und definierten den Begriff der gesellschaftlichen Elite neu. Damit trat eine Wende im Schicksal von 740 Park ein. Die letzten ramponierten Überreste des alten amerikanischen Geldes führten nach Kräften Rückzugsgefechte gegen Newcomer wie Steinberg. Vergeblich. Seither versuchten die Neureichen, im 740 Wurzeln zu schlagen, und die Preise der Appartements stiegen so weit, dass sie zu den höchsten der Welt gehören, von 20 bis 30 Millionen Dollar für eine Wohnung. 

In den 75 Jahren seines Bestehens war 740 Park immer ein Spiegel für das sich wandelnde Antlitz der Gold Coast. Da diese Population aus den vermögendsten Familien allerorts in Amerika stammt und diese nach New York kommen, um ihren Platz auf der gesellschaftlichen Bühne einzunehmen, spiegelt 740 auch die Entwicklung des amerikanischen Reichtums wider. Die Tradition gibt auf oder wird verschleudert, Technologie tritt an die Stelle von Industrie, Schuldenmachen wird löblich, und die Fähigkeit, Geld erfolgreich zu manipulieren, rangiert im gesellschaftlichen Ansehen noch höher als die Fähigkeit, die man braucht, um es überhaupt zu verdienen. 

In diesem aufreibenden Prozess von gesellschaftlichem Fortkommen und Rückzug ist ein Gebäude wie das 740 Park ein notwendiges Schleifmittel. Denn schließlich ist das 740 auch so etwas wie ein exklusiver Club, in den man aufgenommen werden muss. Manche Clubs nehmen einfach diejenigen auf, die einen Antrag stellen. An der Ecke 71. Straße und Park Avenue kommt man damit nicht weiter. Also trägt das bohrende Verlangen, dort zu wohnen, dazu bei, dass ungeschliffene Steine zu Diamanten werden. Natürlich schleichen sich auch einige Zirkone ein. Mehr als nur ein paar: Blut, Verstand, Reichtum und Macht bestimmen zwar die Geschichte von 740; doch Exzesse, Gier, Skandale und extravagante Torheit ebenso. 

Weil 740 Park Avenue das bietet, was der Schriftsteller Scott Fitzgeralds einmal „die tröstliche Nähe von Millionären“ nannte, ist das Gebäude auch eine Gemeinschaft – und eine ganz besondere dazu. Es ist eines der genossenschaftlich organisierten Appartementhäuser New Yorks, deren Rechtsform für Außenstehende nicht einfach nachzuempfinden ist. Formell gesagt sind Genossenschaften Unternehmen, die ein Gebäude besitzen und Anteilscheine ausgeben. Jeder Eigentümer hat das exklusive Recht, sein Appartement zu bewohnen, doch es gehört ihm nicht wirklich. Stattdessen besitzt er einen Teil des Gesamtgebäudes, bescheinigt durch Anteile an der Genossenschaft. Diese Anteile werden in Paketen entsprechend der Größe und des Marktwerts eines jeden Appartements verkauft: So hat zum Beispiel ein Appartement mit Blick auf die Skyline logischerweise mehr Anteile als ein dunkles gleicher Größe auf einer tiefer liegenden Etage. 

Bei 740 besitzen die Wohnungseigentümer gemeinsam das Gebäude und seine 30 Wohnungen sowie vier Arztpraxen. Als Saul Steinberg seine Wohnung „kaufte“, erwarb er eigentlich 3355 Anteile von insgesamt 48 350 im Umlauf befindlichen Anteilen der 740 Park Avenue Corporation. Sie repräsentierten den anteiligen Wert seiner Wohnung im Vergleich zu denen der übrigen Bewohner. Der zweitschönsten Residenz im 740, es ist die Wohnung von George David, sind nur 2300 Anteile zugeteilt. Die meisten Appartements im 740 haben einen Wert von weit unter 2000 Anteilen. Mit diesen Anteilspaketen ist ein als Dauernutzungsrecht bezeichnetes Dokument untrennbar verbunden, es gibt jedem Anteilsinhaber das Recht, in einer bestimmten Wohneinheit zu leben. Die zur Genossenschaft gehörenden Eigentümer sind also sowohl Mieter als auch gemeinsam so etwas wie ein Vermieterkollektiv. 

Genossenschaften wurden in New York ursprünglich erfunden, um kleinen Gruppen von Gleichgesinnten den Kauf und die Kontrolle über städtische Wohnungen zu ermöglichen. Genau genommen sind solche Genossenschaften Kommunismus für Kapitalisten. Sie haben sogar das Gegenstück zum Politbüro sowjetischer Prägung. Es nennt sichBoard of Directors und ist laut Gesetz bevollmächtigt, die Geschäfte der Genossenschaft zu führen, die Regeln festzusetzen, die Höhe der monatlichen Instandhaltungszahlungen festzulegen (das ist die genossenschaftliche Bezeichnung für Miete) und – als wichtigstes Recht – festzulegen, wer Anteile kaufen darf und damit in den Besitz von Dauernutzungsrechten und eines Appartements gelangt. Der Board kann einen Antragsteller fast aus jedem Grund mit Ausnahme offener Diskriminierung ablehnen. Da die genossenschaftlichen Boards gewöhnlich im Verborgenen und mit umfassender Autonomie tätig sind, wird das Verfahren häufig als willkürlich kritisiert – und manchmal stimmt das auch. Doch normalerweise ist es jedoch alles andere als willkürlich. 

Die Grundvoraussetzung für die Aufnahme ist unantastbar. Bewerber müssen finanziell in der Lage sein, Ihren Beitrag zu leisten. Die Instandhaltungszahlungen für eine typische Wohnung im 740 betragen heute rund 10 000 Dollar monatlich. Darüber hinaus muss jeder Anwärter über die nötigen Ressourcen verfügen, um alles zu bewältigen, was an Kosten auf ihn zukommen könnte. Im Jahr 1990 zahlten die Anteilsinhaber von 740 neben den Monatskosten noch eine einmalige Abgabe von durchschnittlich über 250 000 Dollar, um die altersschwache Fassade des Gebäudes in Stand zu setzen. Steinbergs Anteil betrug seinerzeit das Doppelte. Daher ließ der Board von 740 verlauten, dass Bewerber über ein flüssiges Reinvermögen von 100 Millionen Dollar verfügen müssen, um überhaupt für die Aufnahme in die Genossenschaft in Betracht gezogen zu werden. Diese Zahl ist eigentlich flexibel, dient jedoch zur Abschreckung unerwünschter Bewerber. 

In der Öffentlichkeit wird immer wieder darüber spekuliert, ob Ablehnungen in Genossenschaften auf religiösen oder rassischen Ressentiments beruhen. Der verschwindend kleine Anteil schwarzer Anteilsinhaber in den Genossenschaften an der Gold Coast ist eine klare Tatsache. In 740 Park Avenue gibt es keinen einzigen schwarzen Anteilsinhaber. Auf subtile Weise ist das Haus auch ein Monument des so genannten gesellschaftlichen Antisemitismus. Formell lebt die Hälfte der Bewohner an der East 71st Street. Sie betreten das Haus durch einen Seiteneingang. Diese Adresse ist zwar weniger prestigeträchtig. Aber für manche Ohren klingt 740 Park Avenue „zu jüdisch“. 

Dennoch ist 740 kein „restricted building“ oder „good building“; beides sind Euphemismen für Wohnhäuser, in denen Juden als Mitbesitzer nicht erwünscht sind. Tatsächlich sind die Hälfte der derzeitigen Bewohner von 740 Juden. Von rassischer Diskriminierung kann also nicht die Rede sein. Entscheidend sind nicht Rasse oder Hautfarbe, sondern Bankkonten. Sechs der reichsten New Yorker aus der Forbes-Liste wohnen oder wohnten dort. Das Gebäude ist und bleibt – ungeachtet tumultuöser Mitbewohner wie Saul und Laura Steinberg – eine Bastion des dezenten Reichtums. 

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