Archiv: Adel der Adler

Im wilden Westen der Mongolei zelebrieren kasachische Nomaden wie zu Dschingis Khans Zeiten ein urwüchsiges Männer-Ritual: Sie gehen mit dem Adler auf die Jagd. 

Mühelos lässt er sich treiben, ein Reiter auf dem Wind. Der Steinadler zieht seine Kreise, hoch über einer Ebene von grandioser Öde. Weit und breit kein Baum, kein Strauch. Nichts als Schotter, Sand und Staub, schütter bewachsen von vertrocknenden Gräsern. Sandbraune Hügel und Berge ringsum, vollkommen kahl auch sie. Und über allem spannt sich ein Himmel, weit, klar und blau. 

Von der Spitze des Hügels, aus der Adlerperspektive, sind sie deutlich zu erkennen: etwa 40 Reiter mit Fuchsfellmützen und bunt bestickten Jacken; auf dem rechten Arm trägt jeder einen Adler. Im scharfen Trab kommen sie näher, werden überholt von russischen UAZ-Jeeps, die eine lange Staubfahne hinter sich herziehen. Auch der Adler hat etwas entdeckt. Er stößt einen dünnen Schrei aus, schwingt sich kurz auf – und schießt im Sturzflug Richtung Erde. 

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Dies könnte die Eingangssequenz für großes Kino sein. Dabei ist es die Realität. Deshalb ertönt kein Soundtrack-Crescendo, als Reiter, Adler und Jeeps unterhalb des Hügels zusammentreffen. Aus den Lautsprecherboxen, die auf der Ladefläche eines alten Lastwagens stehen, wummert stattdessen Kasachen-Techno. 

„Willkommen zum Golden Eagle Festival 2006!“ Ein Mann in der bunten Tracht der Kasachen hält eine Ansprache, Teile werden ins Englische übersetzt. Willkommen ihr Berkutschi, ihr Adlerjäger, willkommen liebe Landsleute, vor allem jedoch: willkommen liebe Touristen. Etwa 80 und zusätzlich einige Journalisten und Kameraleute haben den weiten Weg auf sich genommen, aus den USA oder Kanada, aus Deutschland, Skandinavien, Frankreich oder Japan bis in die Provinz Bajan-Ölgii. Sie liegt im äußersten Westen der Mongolei, 1650 Kilometer von der Hauptstadt Ulan-Bator entfernt, unweit der Grenze zu Kasachstan. 

Hierher zu gelangen, ist keine Spazierfahrt und kein Picknickausflug. Manche der Urlauber sind mit dem Geländewagen von Ulan-Bator gekommen, eine viertägige Tortur über Pisten, die oft nur die geübten Augen der Jeepfahrer erkennen, eine einzige Aneinanderreihung von Schlaglöchern und Bodenwellen, die zur Demut zwingen: Fluchen zwecklos, dem ständigen Rütteln und Schütteln, dem allgegenwärtigen Staub kann man sich nur ergeben. 

Mit dem dröhnenden Tupolew-Turboprop von Trans Ulgiy geht es schneller und bequemer, ein Tankstopp in Tosontsengel, einem Flugacker mit drei blau gestrichenen Latrinenhäuschen, und in vier Stunden ist man in Ölgii. Doch die Provinzhauptstadt ist auch nicht gerade ein Ort zum Wohlfühlen: Plattenbauten im Sowjetstil und schmucklose Einfamilienschuppen aus Zement, verbunden durch Straßen und Wege aus grauem und schwarzem Staub. Der legendäre Sisyphus, heute wäre er Schuhputzer in Ölgii. 

Was die Touristen nach Bajan-Ölgii gelockt hat, sind romantische Sehnsüchte und ihre Neugier. Das Erkunden immer entlegenerer Ecken der Welt, das zeitweilige Eintauchen in immer fremdere Kulturen – für die nach Hunderttausenden zählende Internationale der Traveller ist es zu einem Lebensstil geworden und für die Reisebranche längst zu einem Multi-Millionen-Geschäft. „There are things in life that you only hear about... And there are things you can do! Golden Eagle Festival. We will take you there“ steht auf einem Plakat, es klebt an dem modernen Geländewagen des Reiseveranstalters Nomads Tour. Ein Trip zum Fest der Adlerjäger, in der Walachei der Mongolei – mehr Exotik, mehr Abenteuer lässt sich kaum noch bieten. Sollte man meinen. 

Seit Ewigkeiten und schon vor der heroischen Zeit des Dschingis Khan jagen die Berkutschi mit ihren Adlern in den schnee- und eisbedeckten Altai-Bergen. „So lange es Kasachen gibt, gibt es auch die Adlerjagd“, sagt Ris Bosaga, mit 71 Jahren ein Berkutschi-Veteran. Unter den 2,6 Millionen Mongolen sind die Kasachen eine kleine Minderheit. Nicht aber in Bajan-Ölgii. Hier dominieren der moslemische Glaube, die kasachische Sprache und die kasachischen Traditionen. Das zweitägige Golden Eagle Festival, das seit ein paar Jahren in der ersten Oktoberwoche abgehalten wird, sei kein Touristenspektakel, sondern diene der Traditionspflege, sagen die Veranstalter von der Adlerjäger-Vereinigung und ihre Unterstützer, der amerikanisch-mongolische Reiseveranstalter Nomadic Expeditions sowie sein örtlicher Partner Altai Tour. 

Das Festival beginnt mit dem ersten Wettbewerb. Von der Hälfte des Hügels aus etwa 50 Meter Höhe, soll der Adler vom Arm eines Gehilfen auf den Arm seines Herrn fliegen, der in etwa 100 Meter Entfernung gemächlich hin und her reitet, dabei mit einem Stück Fleisch wedelt und „Kaaaa“, „Kaaaa“ lockruft. Eine einfache Aufgabe, das kleine Einmaleins der Adlerjagd, tausendmal geübt. Tatsächlich gelingt einigen Adlern die Punktlandung, mal schneller, mal weniger schnell. Adler Nummer 12 landet, unter allgemeinem Gelächter, auf dem Arm eines fremden Herrn. Erstaunlich viele Vögel versagen jedoch völlig. Sie gestalten ihre individuelle Flugroute oder weigern sich, abzuheben – diese Wohlstandsadler sind gefeit gegen die Versuchungen des Fleisches und taub für die Rufe ihrer Herren. „Die Adler sind sensibel wie Rennpferde, die vielen Leute machen sie nervös“, erklärt entschuldigend der alte Ris. Dass die Raubvögel keine Kuscheltiere sind, beweist Adler Nummer 14: Er greift einen der Kameramänner an, zum Glück, ohne Wunden zu schlagen. 

In der Mittagspause dürfen sich Tiere und Menschen vom Wettkampfstress erholen. Vor der Front der Geländewagen verkaufen Frauen kasachische Teppiche, Hüte, Taschen und Nippes, wer mag, kann sich sogar zum Berkutschi ausstaffieren. In zwei Jurten, den Ger, gibt es Essen. Der Renner sind Buuz, fettige Maultaschen mit gehacktem Hammelfleisch. Wahrlich, dies ist kein Touristenspektakel. Später machen auch diverse Reiterspiele und die Wahl des bestgekleideten Berkutschi (die Richter heben Kärtchen hoch wie beim Eiskunstlauf) deutlich: Das Golden Eagle Festival ist eine brave, laienhaft organisierte Provinzveranstaltung. 

In einer Gegend, wo der durchschnittliche Monatsverdienst bei umgerechnet 80 US-Dollar liegt, ist ein Eintrittspreis von 30 Dollar überaus happig, doch weil er eine allgemeine Fotogenehmigung miteinschließt, sind die Traveller glücklich und zufrieden. Denn die Berkutschi stehen bereitwillig Modell: Immer wieder senken sie den Arm und den über fünf Kilogramm schweren Adler auf und nieder, damit der Vogel seine braun gefiederten Schwingen spreizt – bis zu zwei Meter misst die Spannweite. Die spähenden Augen, die fingerlangen Krallen und der scharfe Hakenschnabel lassen keinen Zweifel aufkommen: Diese Weibchen sind Killer. Es sind grundsätzlich Weibchen, die zur Jagd abgerichtet werden, sie sind aggressiver als ihre männlichen Artgenossen. 

Die Berkutschi auf ihren kleinen, stämmigen Pferden: Wie sie die Hügel hinauf- und hinunterreiten und über die Steppe galoppieren, im Gegenlicht, im Abendlicht – das sind Foto- und Filmmotive, wie sie Amateure und Profis gleichermaßen lieben. Später, daheim, werden die Bilder Geschichten erzählen und, mit dem entsprechenden Text versehen, der überzivilisierten Welt ein Sehnsuchtsbild von urwüchsiger Natürlichkeit und Kraft entgegenstellen: Gesichter, gegerbt von der Sonne, dem Wind und der Kälte im Winter, kernige Kerle, die eine harte Sprache sprechen, mit rollenden „Rrr“. 

Im Wettbewerb geben sich die Berkutschi sportlich und gelassen, selbst als es am Ende des zweiten Tages um den Wolf geht. Der Höhepunkt des Festivals: Die fünf besten Adler sollen einen Wolf jagen. Der Wolf ist eher ein Wölfchen und obendrein halb zahm. Den ganzen Tag über war er an den Lkw gekettet, eine Maske über der Schnauze. Jetzt wird er freigelassen. Eine sichere Beute für die gefiederten Töter? Von wegen: Obwohl verwirrt und verängstigt, schafft es Wölfchen, den Adlern Richtung Lkw zu entkommen. Von der Bestie Mensch wird er mit Schmährufen und Steinwürfen in den Kampf zurückgetrieben. Als sich im dritten Anlauf gleich drei Adler auf ihn stürzen, scheint Wölfchen erledigt. Berkutschi und kamerabewaffnete Traveller eilen zum Schauplatz des vermeintlichen Gemetzels. Doch, oh Wunder: Der kleine Wolf hat die Attacke offenbar unbeschadet überstanden. Er wird wieder an den Lkw gekettet. 

„Ein Adler wird darauf abgerichtet, das wertvolle Fell seiner Beute nicht zu zerfetzen“, erklärt tags darauf der alte Ris. Seine Jurte steht irgendwo im Nirgendwo der Steppe, etwa 45 Kilometer südlich von Ölgii. Hier leben Ris und seine Frau, ein Sohn, die Schwiegertochter und ihre zwei Kinder. Ris hat fünf Söhne und vier Töchter, der Großfamilie gehören 600 Ziegen, 300 Schafe, je 70 Kühe und Pferde und drei Kamele. Die Herde der Ris ist vergleichsweise groß, doch bleibt genug Zeit, mit dem Adler nach Hasen, Murmeltieren, Füchsen oder sogar Wölfen zu jagen, zumal im Winter, wenn Saison ist. 

„Mein Adler ist schon alt, vor über 13 Jahren habe ich ihn mit einer Falle gefangen, da war er ein Jahr alt“, sagt Ris und streicht dem Vogel das Gefieder. Die Augen des Adlers sind mit einer Lederkappe bedeckt – der Sicht beraubt, mutiert der Greif zum braven Stubenvogel. „Es erfordert viel Zeit, einen Adler abzurichten“, sagt Ris. Zunächst wird der Wille des Adlers gebrochen, mit tagelangem Schlafentzug und einer Hungerdiät. Eine Kette um die Krallen verhindert, dass der Adler flieht. Nach einigen Tagen ist er so geschwächt, dass er seinen Widerstand aufgibt; zur Belohung gibt es jetzt und in Zukunft Fleisch, gerade so viel, dass der König der Lüfte tut, was sein Herr am Boden ihm befiehlt. 

Mit 71 Jahren und Schmerzen in den Beinen fühlt sich Ris zu alt für die Strapazen einer Jagd in Schnee und Eis, über Stock und Stein. Längst hat er seine Erfahrungen weitergegeben, etwa an seinen 36-jährigen Sohn Nurkhairat, und der gibt sie weiter an seinen Sohn, den zwölfjährigen Zamarkan. Die Familie der beiden lebt einige Kilometer entfernt. Vor ihrer Jurte stehen bereits zwei Geländewagen – jeweils vierköpfige Reisegruppen aus Italien und aus Kanada. Vater und Sohn Ris posieren in der Steppe für Fotos, danach fotografieren sich die Traveller, versehen mit Adler und Outfit, als Berkutschi. „Macht 20 Dollar“, flüstert der alte Ris und grinst. 

Die Reisegruppen werden zwei Tage zu Gast sein, gegen Bezahlung. Sie werden den Alltag der kasachischen Nomaden erleben – ohne Dusche und ohne Klo, wohl jedoch mit einem Sonnenkollektor für elektrischen Strom und einer riesigen Satellitenschüssel, die Dutzende von Fernsehprogrammen aus aller Welt in die Steppe bringt. Für die Berkutschi, die zumeist von der Herdenzucht leben, ist der Tourismus als neuer Erwerbszweig hochwillkommen... sofern sie denn wirklich auch von ihm profitieren. 

Tatsächlich sind viele Berkutschi nicht gut zu sprechen auf die Veranstalter des Golden Eagle Festivals. Er fühle sich ausgenutzt, schimpft etwa der Jäger Janathan. Gerade hat er sein Leid einem Bekannten geklagt, der mit zwei schwer beladenen Kamelen in der Steppe unterwegs ist. Nun wiederholt er noch einmal seine Vorwürfe gegen die Organisatoren: Für seine Teilnahme bekommt jeder Berkutschi lediglich eine Antrittsprämie von 5000 Tugrik, etwa vier Dollar. Manche Berkutschi reiten aber 140 Kilometer durch die Steppe, ehe sie am Veranstaltungsort sind. „Ohne uns Berkutschi ist das Festival gar nichts“, poltert der Jäger Janathan. 

Nur der Gewinner des Gesamtwettbewerbs bekommt eine Siegprämie von 90 Dollar. Er sei der Einzige, der neben den Veranstaltern wenigstens ein bisschen vom Golden Eagle Festival profitiert, schimpfen die Zornigen unter den Berkutschi. Wenn sie im kommenden Jahr nicht wenigstens 20 000 Tugrik Startprämie bekämen, wollen sie nicht wiederkommen oder zur Konkurrenz gehen. Schon jetzt gibt es außer dem „Golden Eagle Festival“ bereits ein „Altai Eagle Festival“. Und, wer weiß, vielleicht gibt es in absehbarer Zeit auch noch ein „Diamond Eagle Festival“? 

Der alte Ris hat sich zu der Angelegenheit gegenüber keiner Menschenseele geäußert. „Wenn ich mich ärgere, einsam oder schlecht fühle, erzähle ich es meinem Adler“, sagt er mit der Weisheit des betagten Steppenbewohners. „Er versteht meinen Kummer – und trägt ihn über die Berge.“ 

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