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Im März 2000 brachte Michael Saylor die Internetblase zum Platzen – jetzt streicht sein Unternehmen reale Gewinne ein. 

Mit 35 Jahren schien alles vorbei. Gerade noch galt Michael Saylor als der prominenteste Unternehmer der Ostküste, als Genie, der neue Bill Gates und der begehrteste Junggeselle Washingtons. Der aus einfachen Verhältnissen stammende Unternehmer war Anfang März 2000 13,5 Milliarden Dollar schwer – dank des Höhenflugs seines Softwareunternehmens Microstrategy. „Ich will die Welt verändern“, versprach der jungenhaft aussehende Multimilliardär. Am 20. März 2000 veränderte er zumindest die Welt der Börse: An dem Tag musste Microstrategy die Bilanz revidieren. Gewinne verwandelten sich in Verluste. Die Börsenaufsicht SEC durchleuchtete die Bücher. Die Microstrategy-Aktie stürzte ab. Kurz darauf ging die Nasdaq in die Knie. Es folgten die Skandale der US-Riesen Enron, Tyco und Worldcom. Saylor verlor über zehn Milliarden Dollar und beinahe sein Unternehmen. Der Wunderjunge landete im Abseits. 1600 seiner Mitarbeiter waren ihren Job los. 

Fünf Jahre später. Februar 2005. Der Mann, der laut US-Finanzkolumnist James Cramer „die Internetblase zum Platzen brachte“, sitzt im Venetian Hotel in Las Vegas. Es ist wenige Tage vor Saylors 40. Geburtstag. Er hat immer noch etwas Jungenhaftes, sieht aber etwas krank aus. Das liegt daran, dass er sich am Vorabend den Magen verdorben hat. Fast der gesamten Führungsriege von Microstrategy ist heute unwohl. Dabei hätte sie Grund zum Feiern. 

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Vor wenigen Stunden hat Saylor in einem Ballsaal des Venetian die neueste Version seiner Software vorgestellt. Seine Kunden spendeten Beifall, fast schon so frenetisch wie bei Präsentationen von Apple-Chef Steve Jobs. Das neue Programm Microstrategy 8 ist eine Mischung aus Buchhalter und Orakel – es teilt beispielsweise Marktleitern der Drogeriekette DM mit, wie viele Flaschen Shampoo am Vormittag verkauft wurden, wann nachbestellt werden muss, aber auch, wie viel Haarwaschmittel in den kommenden Wochen wahrscheinlich über die Ladentheke gehen und wann das Zentrallager beim Hersteller ordern sollte. Solche Analysen liefert Microstrategy auch für Obi, C&A sowie die Metro. Bei der Lufthansa wertet die so genannte Business-Intelligence-Software Passagierdaten aus, bei der Deutschen Börse den Aktienhandel. 

Vom brutalen Verdrängungswettbewerb der Einzelhändler getrieben, vom Kampf der Fluggesellschaften um Kunden, vom Fahnden der Krankenkassen nach Abrechnungsbetrug, der Behörden nach Geldwäsche, Sozialbetrügern oder Terroristen zieht das Geschäft an. Die Marktforscher von Gartner schätzen den Markt für Business-Intelligence-Software auf derzeit rund 2,2 Milliarden Dollar, bis zum Jahr 2008 soll er auf knapp 2,7 Milliarden Dollar wachsen. 

„Wir sind eines der profitabelsten Unternehmen unserer Branche“, sagt Saylor. Er erzählt es nüchtern, beinahe beiläufig. Tatsächlich geht es mit Microstrategy bergauf. Im Geschäftsjahr 2004 hat das Unternehmen den Rekordumsatz von 231 Millionen Dollar und einen Gewinn von 168,3 Millionen Dollar erwirtschaftet, auch wenn 99 Millionen Dollar aus Steuerrückzahlungen stammen. Etwa ein Drittel des Umsatzes kommt aus dem Ausland, Deutschland ist mit Abstand der wichtigste Markt. 

Die Aktie von Microstrategy stieg seit Jahresanfang um rund 20 Prozent, steht auf rund 70 Dollar. Im März 2000 waren es noch fast 3200 Dollar. Heute ist Microstrategy rund 1,1 Milliarden Dollar wert. 

Auch Wettbewerber wie Business Objects, Cognos, Hyperion, Informatica und SAS Institute vermelden gute Geschäfte. Marktführer Business Objects peilt 2005 die Umsatzmarke von einer Milliarde Dollar an. SAS, das größte nicht börsennotierte Softwareunternehmen der Welt, erhöhte den Umsatz 2004 um 15 Prozent auf 1,5 Milliarden Dollar. Inzwischen machen bereits Übernahmegerüchte die Runde. Schließlich gibt es nicht mehr viele Spezialanbieter. Sie sind so klein, dass die großen Softwarekonzerne Oracle, SAP oder Microsoft sie verdauen könnten. Oracles Vorstandschef Larry Ellison und angeblich auch SAP-Chef Henning Kagermann sind derzeit mit dem Einkaufskorb unterwegs, Microsofts CEO Steve Ballmer sowieso. SAP kaufte erst vor wenigen Tagen den Spezialsoftwareanbieter Retek für knapp eine halbe Milliarde Dollar. Mit Retek schließt SAP eine Produktlücke bei Software für Handelsunternehmen. Eine ähnliche Lücke haben die Walldorfer auch bei Business Intelligence. 

Verkaufen? Davon hält Saylor nichts, sagt er. Microstrategy ist gegen Übernahmen immun – feindliche zumindest. Der Chef hält die Aktienmehrheit und verkauft nur selten. Das hat ihn Milliarden Dollar gekostet, aber auch seine Würde und vor allem seinen CEO-Posten im Skandaljahr 2000 gesichert. Saylor hat sein Unternehmen allen Skeptikern zum Trotz wieder auf Wachstumskurs gebracht. Er spricht von Geduld und Disziplin, die er jetzt habe. 

Mitte der Neunzigerjahre hatte der Jungunternehmer seine Software als unverzichtbaren Alltagshelfer gepriesen. Sie sollte via Handy Fußgängern ins Ohr wispern, wo das nächste Restaurant ist, sollte Staus prognostizieren und das Wetter. „Ich habe gelernt, dass viele Sachen länger brauchen, als man es gern hätte“, sagt Saylor. 

Und er nimmt auf seine Weise späte Rache an den Analysten und der Presse, die ihn – wie etwa die Washington Post – erst in die Höhe jubelte und dann wieder demontierte. Denn Prognosen über Umsatzerwartungen oder Marktwachstum gibt Saylor nicht mehr – ausgerechnet bei einem Unternehmen, das mit seiner Software für mehr Transparenz sorgen will. „Ich will an dem gemessen werden, was ich erreicht habe, nicht was noch geschehen könnte“, bekräftigt der Unternehmer. Das Gegenteil kennt er schon zur Genüge. 

MATTHIAS HOHENSEE/SILICON VALLEY 

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