Archiv: Angst vor Wanzen

George W. Bush » Erstmals hat der US-Präsident russische Gastfreundschaft bei einem G8-Gipfel genossen – doch so ganz traute er den Gastgebern nicht über den Weg. 

Der weiße Ballon, der über dem Konferenzgelände in St. Petersburg schwebte, erregte das Misstrauen des US-Präsidenten. Ob denn Russlands Staatschef Wladimir Putin hinter verschlossenen Türen wenigstens die unterkühlte Miene des ehemaligen KGB-Agenten auch mal ablege, wollte ein Journalist am Rande des G8-Gipfels Mitte Juli wissen. George W. Bush warf einen Blick nach oben zu dem mutmaßlich mit Spionagetechnik voll gestopften Ballon und antwortete auf die Putin-Charakterisierung nur: „Das ist Ihr Ausdruck, nicht meiner.“ 

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Trotz aller Gastfreundschaft, die Bush und seine Kollegen aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan und Kanada sowie die anderen Mächtigen in der prachtvollen ehemaligen Zarenhauptstadt genossen – die Amerikaner waren sorgfältig darauf bedacht, sich von den russischen Gastgebern nicht allzu tief in die Karten schauen zu lassen. Fast wie in alten Zeiten also. Das Klima blieb ziemlich kühl, was sich beispielsweise in den Gesprächen zwischen Bush und Putin zeigte, die Gipfelbeobachter zum Teil als „missglückt“ bezeichneten. 

Bushs Berater waren überzeugt davon, dass der weiße Ballon dazu diente, alles aufzuzeichnen, was die Gipfelteilnehmer während des Treffens unter freiem Himmel sprachen. Schon die Weigerung der russischen Seite, den Amerikanern zu erlauben, dass sie ihr Quartier nach Wanzen absuchten, hatte die Vorsicht verstärkt. Sicherheitshalber nahmen die Secret-Service-Leute den US-Delegationsmitgliedern sogar Blackberrys und Mobiltelefone ab, damit die Russen diese nicht abhören konnten. 

Als vollkommen spionagefreier Ort galt allein die gepanzerte, abhörsichere Präsidentenlimousine, die eigens aus Washington eingeflogen worden war. Wann immer Bushs engste Mitarbeiter sich zusammensetzen mussten, um die Strategie gegenüber Putin abzustimmen, nahmen sie Zuflucht zu dem Wagen. Auch im Umgang mit geheimen Dokumenten achteten die Amerikaner genau darauf, dass kein Spion mitlesen konnte. In einem Zimmer des US-Gipfelquartiers hatte der Secret Service eigens ein schwarzes Zelt errichtet. Dort konnte der Präsidentenstab unbeobachtet von versteckten Kameras heikle Papiere studieren. 

stephan.schmidt@wiwo.de 

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