Archiv: Anne-Marie Idrac, 55

CEO, SNCF, Frankreich 

21 Milliarden Euro Umsatz 

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Als Anne-Marie Idrac noch Chefin der Pariser Verkehrsbetriebe RATP war, stieg sie im Hosenanzug und mit flachen Schuhen in die Metroschächte hinab und sprach dort mit den Mitarbeitern. Das kam an bei der Belegschaft. Die Bretonin schaffte es, die Streikquote auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren zu drücken. 

Seit Juli 2006 steht Idrac nun an der Spitze der mächtigen französischen Staatseisenbahn SNCF. Die 55-jährige Verkehrsexpertin übernahm die Nachfolge des als Sanierer zum Luftfahrtkonzern EADS geschickten Louis Gallois. 

Doch bei der SNCF, einem Koloss mit 165 000 Beschäftigten, kommt sie mit volksnahen Führungsmethoden allein nicht weiter. Gleich von Anfang an schlug ihr das Misstrauen der Gewerkschaften entgegen, die der früheren Staatssekretärin im Transportministerium nicht trauen und eine schleichende Privatisierung fürchten. Dabei ist so etwas nicht einmal angedacht. Neben den Auseinandersetzungen mit den traditionell streikfreudigen Eisenbahnern zählt die Sanierung des hoch defizitären Frachtgeschäfts, das zudem unter dem Druck privater Konkurrenten steht, zu den großen Herausforderungen der selbstbewusst wirkenden Frau – die sich selbst aber als „schüchtern“ bezeichnet. 

Zwar ist die SNCF eine Männerdomäne, nur 17 Prozent der Beschäftigten sind weiblich. Doch im SNCF-Vorstand sitzen seit Jahren mehrere Frauen. Im Übrigen sind es französische Frauen gewohnt, sich hochkämpfen zu müssen. 

Idrac ist neben der Chefin des Nuklearkonzerns Areva, Anne Lauvergeon, eine der wenigen, die es nach ganz oben geschafft haben. Wie Lauvergeon begann sie ihre Karriere in der Politik. Als Tochter des früheren Ministers André Colin war ihr das fast in die Wiege gelegt worden. Nach einem Jurastudium absolvierte sie den klassischen französischen Karriereweg in eine Spitzenposition und war eine der jüngsten Absolventinnen der Eliteschule ENA. Die Mutter von vier erwachsenen Töchtern bekleidete später Ämter in verschiedenen Ministerien. Premierminister Alain Juppé berief sie 1995 als Staatssekretärin für Verkehr in seine Mitte-rechts-Regierung. Idrac gehörte zu den sogenannten „Juppettes“ (ein Wortspiel aus Juppé und jupe, zu Deutsch: Rock), eine Gruppe weiblicher Politiker, mit deren Berufung der Premierminister seine Modernität zum Ausdruck bringen wollte. Nach der Abwahl der Regierung 1997 wurde sie Abgeordnete der Zentrumspartei UDF. Mit der Berufung an die Spitze der RATP im Jahr 2002 beendete Anne-Marie Idrac ihre politische Karriere. 

gerhard.blaeske@wiwo.de | Paris 

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