Archiv: Auf dem Radar

Gesellschaftlich verantwortliches Handeln findet Anerkennung in der Welt des Kapitals. Deutsche Unternehmen spielen eine führende Rolle. 

Mit leiser eindringlicher Stimme sprach Al Gore. „Was ist Investment?“, fragte der einstige amerikanische Vizepräsident die rund Tausend Zuhörer im Amsterdamer Konferenzcenter. Geld, das man in etwas stecke und nach 30 Tagen wieder abziehe? „Nein, das ist Spekulation!“, gab der Autor des Bestsellers „Eine unbequeme Wahrheit“ die Antwort. Richtiges Wirtschaften sei langfristig, umfassend und ressourcenschonend. Dafür gab es Standing Ovations. 

Verhaltener fiel der Applaus für Philips-Vorstandschef Gerard Kleisterlee aus, als dieser über die Rolle der Unternehmen im 21. Jahrhundert sprach. Eingeladen hatte die Global Reporting Initiative (GRI), ein globales Netzwerk von Unternehmen und gesellschaftlichen Organisationen, das sich nachhaltigem Wirtschaften verpflichtet sieht. Kleisterlee berichtete von einem Treffen mit dem chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao, der starkes Interesse an neuen Technologien bekundet hatte, um seinem 1,3-Milliarden-Volk Wohlstand zu bescheren, die ökologischen Probleme in den Griff zu bekommen und das Gesundheitssystem zu verbessern. Dass Philips auf allen drei Feldern den Chinesen mit Produkten und Dienstleistungen helfen könne, ist für CEO Kleisterlee Beleg, dass „die Wirtschaft inzwischen als Teil der Lösung angesehen wird, nicht als das Problem“. 

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Die Amsterdamer Nachhaltigkeitskonferenz von Anfang Oktober ist mit ihrem Schwanken zwischen nüchterner Betrachtung und idealistischer Begeisterung typisch. Die Beziehung von Ökonomen und Ökologen, von Unternehmern und Weltverbesserern, ist noch immer ambivalent. Doch die starren Fronten wanken, vermeintliche Gegensätze zerbröseln. Unternehmen wie Philips erkennen die Chancen, die ihnen aus den ökologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen erwachsen. Umgekehrt wissen Ökologen, dass ohne Einbeziehung der Unternehmen ihre Ziele illusorisch bleiben. 

An die Stelle des konfrontativen Kapitalismus tritt ein kooperativer Kapitalismus – nachhaltiger, aufgeklärter, problembewusster. Unternehmen bekennen sich zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung, was ihnen neue Wertschätzung einbringt. 

„Corporate Social Responsibility“ (CSR), so der aus dem Angelsächsischen kommende Fachbegriff, verbindet selbst vermeintliche Erzkapitalisten und einstige Kapitalismuskritiker. „Wir müssen die Realitäten des Kapitalismus anerkennen und im System verbessern“, sagt beispielsweise Monika Wulf-Mathies. Die frühere Gewerkschafterin und EU-Kommissarin kümmert sich seit 2001 bei der Deutschen Post AG um den Bereich Politik und Nachhaltigkeit. „Unternehmen müssen gesellschaftliche Verantwortung übernehmen“, predigt die einstige Vorzeigelinke im Bonner Posttower. Die Heuschrecken-Debatte um kurzfristig agierende Finanzinvestoren bestärkt Wulf-Mathies eher noch in ihrer Ansicht, Unternehmen müssten verantwortlich handeln, um am Markt vor den immer sensibleren Stakeholdern zu bestehen. 

Auch für Banken „macht Nachhaltigkeit wirtschaftlich Sinn“, betont Hugh Scott-Barrett, Finanzvorstand bei der europäischen Großbank ABN Amro. Dafür führt er fünf Argumente an: » 

Der gesellschaftliche Bewusstseinswandel eröffnet neue Geschäftsfelder, zum Beispiel für energiesparende Produkte. 

Verantwortliches Handeln schafft Vertrauen bei Kunden. 

Bürgerschaftliches Engagement bindet und motiviert Mitarbeiter. 

Ressourcenschonendes Wirtschaften spart Kosten. 

Umweltverträgliches und gesellschaftlich akzeptiertes Handeln minimiert unternehmerische Risiken, von Umweltkatastrophen bis zu Boykotten wegen Kinderarbeit. 

Hinzu kommt, dass die Finanzwelt nicht nur nach finanziellen Gesichtspunkten tickt. So wählen viele der mächtigen Pensionsfonds, die in den USA von Gewerkschaften und in Großbritannien oder Norwegen staatlich gesteuert werden, ihre Investments bewusst nach sozial- und umweltpolitischen Kriterien aus. Moralische Rückendeckung erhalten sie von höchster Stelle: UN-Generalsekretär Kofi Annan hat sich selbst der CSR-Bewegung verschrieben, um Unternehmen in seinen Kampf gegen soziale und politische Missstände in aller Welt einzubeziehen. Eigens dazu rief er den Global Compact ins Leben, der teilnehmende Unternehmen verpflichtet, sich gesellschafts-, sozial- und umweltkonform zu verhalten. Bei einem Treffen neulich überzeugte Annan Fondsmanager, die von ihnen betreuten Gelder in Höhe von drei Billionen Euro – mehr als das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands – nur in CSR-koscheren Aktien und Anleihen anzulegen. Ein gewichtiges Argument für kapitalhungrige Unternehmen und auch Regierungen, sich verantwortungsbewusst zu verhalten. 

Nur – was CSR im Einzelnen bedeutet, darüber gehen die Meinungen auseinander, konstatiert der Ökonom und Ethiker Josef Wieland vom Konstanzer Institut für Wertemanagement. In den USA sei vor allem philanthropisches Engagement von Unternehmen für die Community gemeint, weniger die Einhaltung von Sozialstandards. In Großbritannien hingegen gehe es vor allem um Sozialstandards. Auch UN-Generalsekretär Annan meint zuallererst das Einhalten von Arbeitsnormen, Toleranz gegenüber gewerkschaftlichem Engagement und das Verbot von Kinderarbeit. 

In Deutschland dagegen vermengt sich in Jahrzehnten gewachsenes gesellschaftliches Engagement mit dem aus der angelsächsischen Welt herüberschwappenden Denken. Die resultierende Verwirrung machen sich umtriebige CSR-Berater zunutze und bedrängen Unternehmen über zweifelhafte Rankings oder unter Androhung negativer Publicity, ihre Dienste in Anspruch zu nehmen. Nicht wenige Unternehmen lassen sich auf das Spiel ein und erkaufen sich wie bei einem mittelalterlichen Ablasshandel Ruhe (WirtschaftsWoche 26/2005). 

Dabei hätten hiesige Unternehmen gar keinen Grund zur Verunsicherung, meint Wieland. Insbesondere vor den Briten, die mit ihrer Organisation „Business in the Community“ unter der Schirmherrschaft von Prince Charles international als leuchtendes Vorbild gelten, bräuchten sich die Deutschen nicht zu verstecken. Vieles von dem, was die Briten als CSR feierten, sei in Deutschland längst Standard im Arbeits- und Sozialrecht. Und mit ihrer Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung für Bildung, Jugend, Migranten oder ihrem globalen Engagement für Umweltschutz und Menschenrechte seien deutsche Unternehmen „weltweit vorbildlich“, urteilt Wieland. 

Der Konstanzer muss es wissen. Als Vertreter Deutschlands arbeitet Wieland bei der Internationalen Organisation für Normung (ISO) an einem globalen CSR-Standard. 300 Delegierte aus 80 Ländern versuchen seit zwei Jahren, einen gemeinsamen Nenner für die angestrebte Norm ISO26 000 zu finden. Referenzpunkte sind dabei die entsprechenden Sozialstandards der Internationalen Arbeitsorganisation ILO und die darüber hinaus gehenden Prinzipien des Global Compact der UNO, die Unternehmen auch zu umweltverträglichem und korruptionsfreiem Handeln verpflichten. 

Eine der treibenden Kräfte bei der ISO sind zur Überraschung vieler Beobachter ausgerechnet die Chinesen, die in Verruf stehen, mittels Lohn-, Sozial- und Ökodumping die Welt mit Billigprodukten zu überfluten. Aufmerksam verfolgen die Chinesen die wachsende Bedeutung von CSR und versuchen, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen. Der Grund: So wollen sie verhindern, dass die ISO die vergleichsweise hohen Sozial- und Umweltstandards der Europäer und Amerikaner einfach übernimmt und der ganzen Welt überstülpt. Zwar wären auch weniger strenge CSR-Normen für chinesische Unternehmen mit zusätzlichen Kosten verbunden. Diese dürften sich dennoch rentieren, da Produkte mit dem imageträchtigen ISO-Label den Absatz in Europa und den USA fördern würden. Wie strategisch die Chinesen vorgehen, zeigt » auch deren Drängen in der ISO-Arbeitsgruppe, bis Mitte 2008 fertig zu werden – rechtzeitig, um zu den Olympischen Spielen in Peking gesellschaftliche Verantwortung vor aller Welt zu demonstrieren. 

Westliche Unternehmen warten indes nicht auf die Weltnorm. So haben in Deutschland fast alle 30 Dax-Konzerne CSR in ihr strategisches Handeln integriert. Die Deutsche Post AG zum Beispiel hat eigens eine zentrale Abteilung geschaffen, die sich zwei Schwerpunkten widmet: Zum einen versucht die Post die Umweltbelastungen ihrer Fahrzeugflotte zu minimieren, indem sie Leerfahrten durch logistische Optimierung vermeidet und auf Erdgas- und Hybridantrieb umstellt. Zusätzlich unterstützt die Post die Aufforstung und den Bau von Solaranlagen in Entwicklungsländern, um ihre CO2-Bilanz zu verbessern. 

Daneben nutzt die Post ihre logistische Kompetenz für humanitäre Hilfen. Zwei Katastrophenteams der Post-Tochter DHL stehen in Singapur und im südlichen Florida bereit, um sofort in Krisengebiete zu fliegen und dort die ersten Hilfslieferungen zu koordinieren. So war die Post-Truppe nach dem Tsunami Ende 2004 auf dem Flughafen Columbo in Sri Lanka eingesetzt, in New Orleans nach dem Hurrikan Katrina und in Pakistan nach dem Erdbeben vor gut einem Jahr. 

Die eigene Kompetenz nutzen lautet auch die Devise bei Microsoft. Mitarbeiter der Deutschland-Filiale entwickelten die Lernsoftware „Schlaumäuse – Kinder entdecken Sprache“ und installierten diese in mittlerweile 1000 Kindergärten, um die Sprachentwicklung von Vier- bis Sechsjährigen zu verbessern. Dafür erhielt Microsoft von der Initiative Freiheit und Verantwortung, die gemeinsam von den Spitzenverbänden der Wirtschaft und der WirtschaftsWoche getragen wird und das gesellschaftliche Engagement der Unternehmen fördert, eine Auszeichnung. 

Klassiker in Sachen CSR sind dagegen Unternehmen wie Transfair und Body Shop, die ihr Engagement für die Dritte Welt oder den Tierschutz zum Geschäftsmodell erhoben haben. Mittlerweile dienen sie anderen Unternehmen als Vorbild. Body Shop wurde vom Kosmetikkonzern L’Oréal aufgekauft, um dessen Marken-Portefeuille „mit starken Werten zu verstärken“, wie es in der Pariser Unternehmenszentrale heißt. L’Oréal achtet darauf, dass seine Produkte ökologisch und sozial unbedenklich hergestellt werden. Das Geschäft mit der Schönheit verträgt schließlich keine hässlichen Kratzer. Niemand cremt seinen Körper gern mit einer Lotion ein, für die vorher Versuchstiere ihr Leben lassen oder Kinder schuften mussten. Wer sich als Zulieferer, ob in Baierbrunn oder in Bombay, nicht an die Regeln hält, den wirft L’Oréal ohne Pardon aus der Lieferkette heraus. 

Die Rigorosität hat ihren Grund. Im Zeitalter der Globalisierung ziehen selbst regionale Fehler weltweiten Ärger nach sich. Das bekommt derzeit der Siemens-Konzern zu spüren, der unter dem Verdacht steht, in einigen Ländern mit Schmiergeldern bei Aufträgen nachgeholfen zu haben. Ein übler Verstoß gegen das CSR-Gebot, keine Korruption zu betreiben. Entsprechend groß ist die Empörung und der Imageschaden, zumal Siemens sich auf der eigenen Homepage rühmt, „nach den Regeln guter Corporate Governance zu handeln“, und sich überdies als Mitglied im Global Compact von UN-Generalsekretär Annan zu verantwortlichem Handeln ohne Bestechung verpflichtet hat. Offenbar hat Siemens es sich zu einfach gemacht. Dafür spricht, dass CSR beim Münchner Konzern bisher hauptsächlich in der Kommunikationsabteilung angedockt war. 

Transparency International (TI) beendet deshalb die Mitgliedschaft von Siemens in der Antikorruptionsorganisation. Darüber hinaus droht den Münchnern auch der Rauswurf aus dem Dow Jones Sustainability Index, der mit seinen CSR-konformen Aktienwerten für viele Pensions- und Ethikfonds der Leitindex schlechthin ist. 

Der Druck auf die Unternehmen steigt. Derzeit prüft die Ratingagentur Standard & Poor’s, wie sie CSR in ihr Bewertungsmuster für die Bonität von Unternehmen integrieren kann. Auch die Analysten nehmen das Thema von Jahr zu Jahr ernster. Bei seinen Gesprächen mit rund 2000 Unternehmen im Jahr thematisiert der führende deutsche Fondsanbieter DWS auch „CSR-Punkte wie Umweltschutz, Kinderarbeit oder Kontrolle der Supply Chain“. 

„Uns geht es nicht um Esoterik irgendwelcher Weltverbesserer“, so Claus Gruber von DWS, „aber wir möchten wissen, ob die Unternehmen die gesellschaftlichen Themen auf dem Radar haben.“ 

Noch Fragen? christian.ramthun@wiwo.de | Berlin 

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