Auf den Kopf gestellt

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Internationale Bilanzregeln sind dem Mittelstand ein Gräuel. Doch er trifft auf eine starke Lobby. 

Die Herrschaften mögen es bei ihren intimen Zusammenkünften gediegen. Gern treffen sie sich in der altehrwürdigen Painters’ Hall in der Londoner Little Trinity Lane unweit der St. Paul’s Kathedrale. Die zwölf Männer und zwei Frauen, die sich dort versammeln, formen eines der einflussreichsten Gremien der globalen Wirtschaft: Denn sie sind die Vertreter des International Accounting Standards Boards (IASB) und legen die Regeln fest, nach denen Unternehmen weltweit ihre Bilanzen erstellen. Änderungen an den Bilanzstandards IFRS, die die elitäre 14er-Runde bei ihren Londoner Treffen diskutiert, reichen in die Zahlenwerke von Millionen Unternehmen in mehr als 90 Ländern hi-nein. Und an Vorschlägen, Erlassen und Diskussionspapieren mangelt es nicht: Über Nacht verwandeln sich Gewinne in Verluste, Eigenkapital taucht plötzlich als Schulden auf. Oft stellen neue Regeln ganze Bilanzen auf den Kopf – ohne dass sich an der wirtschaftlichen Realität des Unternehmens irgendetwas verändert hätte. 

Nun formiert sich Widerstand gegen die Regelungen. Die Bestimmungen der International Financial Reporting Standards, die sich hinter dem Kürzel IFRS verbergen, seien für den Mittelstand „völlig inakzeptabel“, wettert Andreas Möhlenkamp, Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbandes Stahl- und Metallverarbeitung in Düsseldorf. Zwölf führende deutsche Familiengesellschaften mit insgesamt 120 Milliarden Euro Jahresumsatz und 470 000 Mitarbeitern haben sich zu einer Initiative zusammengeschlossen, um dem Londoner Bilanzgremium die Stirn zu bieten. Darunter bekannte Namen wie Bertelsmann oder Würth. „Wir wollen uns stärker in die Entscheidungen des IASB einbringen“, sagt Frank Reuther, Leiter Konzernrechnungswesen der Freudenberg-Gruppe und Vorsitzender der Initiative. Doch Reuther trifft auf mächtige Gegner, eine breite Phalanx aus börsennotierten Unternehmen, Investmentbanken, Ratingagenturen und Wirtschaftsprüfern – darunter die Konzerne RWE und Pfizer, die Deutsche Bank und Goldman Sachs, Standard & Poor’s und KPMG. Sie gehören zu den 135 Sponsoren der Runde des IASB.  

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Das Kuriose: Eine private Organisation diktiert die Regeln, die für die Finanzwelt praktisch Gesetzescharakter haben. „Die Erarbeitung der Bilanz-Standards darf nicht einer Expertenrunde in London überlassen werden, die ohne politische Legitimation tätig ist“, kritisiert Dietrich Hoppenstedt, bis Ende April Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes in Berlin. Doch solche Forderungen verhallen ungehört, schließlich tragen nicht Sparkassen oder Mittelstand die Kosten des IASB, sondern eben private Unternehmen der Finanzwelt. » Grund für das millionenschwere finanzielle Engagement sind wirtschaftliche Interessen. Denn ohne die Neufassung wichtiger Bilanzregeln sähe die Gewinnsituation vieler großer Unternehmen und die Einnahmesituation der wichtigsten Investmentbanken in diesem Jahr völlig anders aus: nämlich schlechter. Geänderte Abschreibungsregeln auf zugekaufte Unternehmen beispielsweise erhöhen seit Jahren auf dem Papier die Gewinne. 

Die Telekom und andere Großunternehmen können die Milliardenabschreibungen als unangenehme Begleiterscheinung der ansonsten für sie so erfreulichen Gewinnvermehrung wegstecken. Mittelständler dagegen sehen sich wegen der häufig fragwürdigen Bilanzierungsmethoden in ihrer nackten Existenz bedroht. „Das Eigenkapital wird in vielen Fällen runtergehen oder gar ins Negative driften“, kritisiert Oliver Roth, Mitglied der Arbeitsgruppe „IFRS für den Mittelstand“. Hunderttausende Unternehmen könnten dann in der Überschuldung landen. Auch ein im September vorgelegter Mitarbeiterentwurf des IASB für einen erleichterten Mittelstand-Standard der IFRS stößt auf Kritik: „Es besteht, die Gefahr, dass es sich dabei um eine Mogelpackung handelt“, so Klaus-Peter Naumann, Vorstandssprecher des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW). Der Standard ist zwar auf 240 Seiten verkürzt, Mittelständler sollen demnach aber zur Interpretation weiter den vollen 2400 Seiten starken Gesamt-IFRS heranziehen. Die bedrohliche Lage nehmen immer mehr Mittelständler ernst. Inzwischen zählt die Initiative 60 Unternehmen. Die Hoffnung: eine Einladung in die Londoner Little Trinity Lane. 

christof.schuermann@wiwo.de 

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