Aufstand der Stromkonzerne

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BDI » Warum die Energie-unternehmen den Chef des Energieausschusses stürzen wollen. 

Deutschlands Energiekonzerne fürchten um ihren Einfluss. Führende Vertreter von E.On, RWE, Vattenfall Europe und EnBW drängen den Bundesverband der deutschen Industrie (BDI), Werner Marnette als Vorsitzenden des BDI-Energieausschusses abzusetzen. 

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„Marnette ist als Gesprächspartner untragbar geworden“, heißt es im Umfeld von EnBW. Hinter vorgehaltener Hand kündigt der Manager eines anderen Energieunternehmens an: „In der nächsten Ausschusssitzung werden wir Marnette zur Abstimmung stellen.“ Mit dieser Meinung steht der Strommanager nicht allein. Seit mehr als einem Jahr attackiert Marnette öffentlich die Energieerzeuger. In den vergangenen Tagen hat sich der Streit zugespitzt. So warf Marnette den Konzernen vor, die Preise an der deutschen Strombörse in Leipzig zu manipulieren. „Er stellt uns in eine Ecke mit Kriminellen“, empören sich Energiemanager und fordern BDI-Präsidenten Jürgen Thumann zum Eingreifen auf. Schließlich gehören auch die Energieunternehmen dem BDI an und wollen sich von ihm vertreten wissen. „Ein Vorsitzender ist kein Vorkämpfer für Teilinteressen“, klagen die Energiechefs. Außerdem leitet Marnette nicht nur den Energieausschuss des BDI, sondern ist auch Vorsitzender des Industrieverbandes Hamburg, dem BDI-Landesverband in der Hansestadt. 

Hier entzündete sich der jüngste Streit zwischen Marnette und den Energieerzeugern. Denn hauptberuflich ist Marnette Vorstandsvorsitzender der Norddeutschen Affinerie, einem der bedeutendsten Kupferverarbeiter Europas. Da die Kupferproduktion sehr viel Energie verbraucht, fallen die Strompreise hier besonders ins Gewicht. Jeder Cent mehr, bedeute für ihn zehn Millionen Euro weniger Gewinn, sagte er. Deshalb ärgerte er sich besonders über die Preispolitik des Stromerzeugers Vattenfall, der die einst mehrheitlich im Besitz der Hansestadt stehenden Hamburgischen Electricitäts-Werke (HEW) übernommen und strikt auf privatwirtschaft-lichen Kurs getrimmt hat. 

Im Streit mit Vattenfall-Chef Lars Josefsson fühlte sich Marnette bestätigt, als der norwegische Konzern Norsk Hydro beschlossen hatte, seine Hamburger Aluminium-Werke (HAW) zu schließen – wegen der hohen Strompreise. 450 Arbeitsplätze sind dadurch gefährdet. Die Strompolitik, wütete Marnette, führe zur „Deindustrialisierung der Bundesrepublik“. Inzwischen bat er sogar EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes darum einzugreifen. Ihr mag er damit in die Hand spielen, denn die EU-Kommission will ohnehin bis Ende des Jahres eine Analyse zur Wettbewerbssituation auf den Energiemärkten vorlegen. Dazu hat sie Anfang Juli einen umfangreichen Fragebogen an Erzeuger, Händler und Lieferanten verschickt – unter anderem auch mit Fragen zur Strombörse. Die Energieunternehmen wollen nicht warten, bis das Ergebnis vorliegt. Sie drängen BDI-Präsident Thumann zum Handeln. Derzeit suchen die Unterhändler beim BDI hektisch nach einem Termin für Thumann und Marnette, möglichst in der kommenden Woche, wenn Thumann offiziell aus dem Urlaub zurückkehrt. Dabei ist nicht ausgemacht, dass er Marnette stützt: Vattenfall-Europe-Chef Klaus Rauscher , RWE-Chef Harry Roels und E.On-Chef Wulf Bernotat sitzen im BDI-Präsidium, ihre Unternehmen und Verbände gelten als mächtige Finanziers des BDI. 

daniel.delhaes@wiwo.de | Berlin 

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