Back to the rules! Renate Köcher über Vorteilsnahme, Korruption und Wertmaßstäbe

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In jüngster Zeit häufen sich Berichte über spektakuläre Fälle von unkorrektem Verhalten, von persönlicher Vorteilsnahme gegen jede Regel. Schiedsrichterskandale, Zahlungen an Politiker, Korruptionsfälle in Unternehmen, Schleichwerbung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – die Bandbreite der Fälle zeigt: Nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche sind betroffen. Die Bevölkerung ist keineswegs überrascht. 

Seit Jahren sind rund zwei Drittel der Deutschen überzeugt: Vorteilsnahme und Korruption sind in Deutschland ein weit verbreitetes Phänomen, wobei bisher die Politik als besonders anfällig galt. Auch die Wirtschaft gerät zunehmend in Misskredit. Spektakuläre Korruptionsfälle beeinträchtigen nicht nur das Ansehen der betroffenen Unternehmen. Negative Pauschalurteile über Manager sind mittlerweile weit verbreitet. 55 Prozent der Bevölkerung assoziieren Manager mit Gier, 65 Prozent halten es für berechtigt, sie generell der Selbstbedienungsmentalität zu bezichtigen. Diese Verallgemeinerungen gehen aber zu weit und greifen gleichzeitig zu kurz. Eine Gesellschaft, die in den unterschiedlichsten Bereichen Regelverletzungen beobachtet, muss sich fragen, ob sie Regeln und charakterliche Integrität nicht bereits seit längerem unterbewertet hat. Bei Untersuchungen zu den Erwartungen, die die Bevölkerung an Führungskräfte aus der Wirtschaft formuliert, fällt auf, dass charakterliche Integrität deutlich niedriger rangiert als Kompetenz und visionäre Kraft. 

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Während die überwältigende Mehrheit von Führungskräften vor allem Zukunftsorientierung, die Fähigkeit zur Entwicklung langfristiger strategische Konzepte, Kompetenz und Innovationsoffenheit erwartet, zählt nur gut die Hälfte auch charakterliche Integrität zu den unabdingbaren Voraussetzungen einer guten Führungskraft. Natürlich sind die von der Bevölkerung besonders hervorgehobenen Anforderungen unabdingbar, ein integrer Charakter sowie gute Absichten für sich allein kein Garant für unternehmerischen Erfolg. Aber auch Kompetenz ohne Charakter mindert häufig die Erfolgschancen – nicht nur von Personen, sondern genauso von Unternehmen und Organisationen. 

Wir neigen dazu, die Charakterfrage nur dann zu einem Thema zu machen, wenn spektakuläres Fehlverhalten zur Diskussion steht. Eine positive Thematisierung in dem Sinne, dass wir vorbildliches Verhalten nicht nur bewusst registrieren, sondern auch mit gesellschaftlicher Anerkennung honorieren, ist eher die Ausnahme als die Regel. Beispielsweise plädieren konstant 60 Prozent der Bevölkerung dafür, bei der Bewertung schulischer Leistungen von Jugendlichen ausschließlich die fachlichen Leistungen heranzuziehen, nicht persönliches Verhalten und Charakter. Ob eine Gesellschaft sich an klarenMaßstäben orientiert, hängt jedoch in hohem Maße davon ab, dass sie von Kindesbeinen an vermittelt werden – durch Vorbilder, gesellschaftlichen Konsens über die akzeptierten Regeln, gesellschaftliche Anerkennung und umgekehrt die Verurteilung von Regelverstößen. 

Doch schon in der Frage, ob es allgemein gültige Regeln für richtig und falsch, für gut und verurteilenswert gibt, bestehen weit verbreitete Zweifel. Durchgängig zeigt sich bei Untersuchungen in den letzten Jahrzehnten immer nur eine Minderheit überzeugt, dass es klare Maßstäbe geben kann, an denen sich individuelles Verhalten messen und beurteilen lässt. Über längere Zeit war zu beobachten, dass sich die Akzeptanz von Normen und Regeln abschwächte zu Gunsten einer eher situationsbezogenen Optimierung von Interessen. Die Bereitschaft, die rigorose Einhaltung bestimmter Regeln zu unterstützen, nahm seit den späten Sechzigerjahren ab. In den Neunzigerjahren waren nur noch gut 60 Prozent der Bevölkerung überzeugt, dass die Annahme von Schmiergeldern nicht akzeptabel ist; knapp zwei Drittel verurteilten rigoros die unberechtigte Inanspruchnahme von Sozialleistungen, rund 40 Prozent die Hinterziehung von Steuern. 

Dass Steuerhinterziehung auf ein derart breites Verständnis stößt, hat zweifelsohne auch mit den von weiten Teilen der Bevölkerung als überzogen empfundenen staatlichen Steuern und Abgaben zu tun. Wenn Verhaltensregeln nicht mehr von der überwältigenden Mehrheit akzeptiert werden, aus welchen Gründen auch immer, werden Barrieren gegenüber Regelverstößen abgebaut, die Versuchungen größer, den eigenen Vorteil zu suchen. Dass die kurze Blüte der New Economy derartige Kollateralschäden verursachte, hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass in dieser Phase die Überzeugung wucherte, bewährte Regeln hätten sich überlebt, auch gerade die Regeln des umsichtigen und integren Kaufmanns. In der Goldgräberstimmung und Gier dieser Phase entwickelten sich Verhaltensweisen, die kaum in der Kritik standen, teilweise jedoch nicht nur als sachlich verfehlt, sondern als eindeutige Regelverstöße und unethisches Verhalten klassifiziert werden müssen. 

In der Gesellschaft hat mittlerweile eine breite Diskussion über Maßstäbe und Regeln begonnen. Jeder neue Fall spektakulären Fehlverhaltens treibt diesen Prozess an. Dass in allen gesellschaftlichen Bereichen die Möglichkeiten geprüft werden, Kontrollmechanismen auszuweiten, ist richtig und wichtig. Die größte Bedeutung jedoch hat die erkennbare Trendwende in der Gesellschaft. Ihr wird zunehmend bewusst: Die nicht durch Regeln begrenzte, individuelle Optimierung von Interessen birgt hohe Risiken. 

Der kategorische Imperativ Kants – so zu handeln, dass das eigene Verhalten im guten Sinne allgemeiner Maßstab sein könnte – ist ungebrochen aktuell. Nach einer eindimensional an kurzfristigen materiellen Erfolgen ausgerichteten Zeit stehen wir am Beginn einer neuen Diskussion über Wertmaßstäbe und ihren Beitrag zu gesunden Unternehmen wie einer Gesellschaft, die sich selber trauen kann. 

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