Bandbreite von Optionen

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Unternehmen+Management I Spezial Mittelstand Für viele Mittelständler war es lang tabu, Investoren an ihrem Unternehmen zu beteiligen. Jetzt wagen sie moderne Finanzierungsformen. 

Als Bäckermeister Hans Thoben vor wenigen Wochen seinem Kompagnon Sven Konrad den Rückzug ins Privatleben ankündigte, rief der Geschäftsführer der Dahlewitzer Landbäckerei umgehend die Experten von DB Consult zu Hilfe. „Die Berater haben einen Verkaufsprozess organisiert“, erzählt Konrad, „dabei sind wir ganz schnell auf Steadfast Capital gestoßen.“ 

Die Chemie zwischen der Beteiligungsgesellschaft und dem Filialbäcker stimmte sofort. „Als Investoren waren wir von der Art, wie das Unternehmen geführt wird, gleich überzeugt“, sagt Thomas Rubahn, Partner bei Steadfast Capital. „Und wir waren uns rasch einig, wie das Unternehmen weiter entwickelt werden soll“, ergänzt Bäcker Konrad. 

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Innerhalb von nur sechs Wochen standen die Verträge. Seit Anfang November hält die Beteiligungsgesellschaft Steadfast fast drei Viertel der Landbäckerei-Anteile. Das Unternehmen, das 1990 aus dem Backwarenkombinat Potsdam entstand, betreibt heute knapp 100 Filialen in Berlin und Brandenburg und macht im Jahr mehr als 25 Millionen Euro Umsatz. Die Filialbäckerei wird weiter von der Familie Konrad geführt. Neben dem 39-jährigen Sven arbeiten auch Vater und Mutter Konrad an Schlüsselstellen im Unternehmen. 

Sich Geld von einem angelsächsischen Finanzinvestor zu besorgen, also einem jener Unternehmen, die der ehemalige SPD-Chef und designierte Vizekanzler Franz Müntefering als „Heuschrecken“ bezeichnete, war für viele Mittelständler lange undenkbar. Konrad, der wegen seines neuen Partners „keine schlaflosen Nächte“ hatte, ist die Ausnahme. 

Noch. Denn: „Das Verständnis für Beteiligungskapital im Mittelstand wächst stetig“, sagt Steadfast-Manager Rubahn. Seine Gesellschaft ist seit September 2001 in Deutschland aktiv und investiert vor allem in mittelständische Unternehmen. „Familienunternehmer suchen verstärkt nach Partnern“, beobachtet auch Robert Stein, Partner bei der Beteiligungsgesellschaft 3i. Schon 1986 kam die britische Gesellschaft nach Deutschland, mit Vorliebe kauft sie Minderheitsanteile an Mittelständlern. Natascha Grosser, Rechtsanwältin für Kapitalanlage in Düsseldorf, erkennt ebenfalls bei Mittelständlern – „auch mangels echter Alternativen“ – eine steigende Bereitschaft, sich auf moderne Finanzierungsformen wie Eigenkapitalbeteiligungen einzulassen. Zwar hätten gerade gestandene Unternehmer immer noch Angst, ihnen könnte jemand zu sehr ins Geschäft reinreden, „aber die Vorbehalte nehmen ab“. 

Das bestätigen aktuelle Studien. Nach einer Umfrage der Beratungsgesellschaft Ernst & Young unter 1000 Mittelständlern wird in den nächsten Jahren die Finanzierung durch die Hereinnahme von Finanzinvestoren und strategischen Partnern sowie durch den Verkauf von Unternehmensteilen am stärksten wachsen (siehe Grafik Seite 150). „Zwar spielen Kredite von Banken immer noch eine wichtige Rolle, aber die Finanzierungsformen der Unternehmen werden immer differenzierter“, sagt Wolfgang Richter, Studienautor und Partner bei der Rechtsanwaltsgesellschaft Luther, die mit Ernst & Young kooperiert. 

Die Offenheit insbesondere bei größeren Mittelständlern wächst. Von den 5000 Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 50 Millionen Euro und mehr, die in die Studie „Unternehmertum Deutschland“ (WirtschaftsWoche 10/2004) eingingen, haben 30 Prozent in den vergangenen fünf Jahren neue Eigenkapitalgeber gewonnen. » Immerhin 70 Prozent von ihnen griffen auf Beteiligungskapital von privaten oder professionellen Investoren zurück. „Wir waren anfangs sehr skeptisch gegenüber dem Instrument Genussschein“, erinnert sich Karl Gerhold, Vorstand der Getec AG. 

Das Magdeburger Familienunternehmen mit rund 100 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von mehr als 55 Millionen Euro entwickelt, plant, realisiert und finanziert Energieanlagen. Inzwischen ist Unternehmer Gerhold fast begeistert von der neuen Finanzierungsform: „Es hat alles reibungslos funktioniert. Unsere Bilanzstruktur hat sich deutlich verbessert“. Genussrechte gelten – im Gegensatz etwa zu Anleihen – als wirtschaftliches Eigenkapital und sind gleichzeitig nicht viel teurer als traditionelle Bankkredite. Bereits zum zweiten Mal beteiligt sich Getec nun am Preferred Pooled Shares der HypoVereinsbank. Das kurz Preps genannte Programm vergibt Genussrechte an Mittelständler, bündelt diese Instrumente und refinanziert sie über Anleihen bei institutionellen Investoren. Fast 1,2 Milliarden Euro sind über diesen Weg bereits an Mittelständler geflossen. 

„Die Banken liefern sich mittlerweile einen Konditionenwettbewerb bei den innovativen Instrumenten“, freut sich Gerhold. Das war vor Kurzem noch ganz anders. Seit zwei Jahren sucht Joachim Graf „drei bis vier Millionen Euro Kapital“. Graf führt gemeinsam mit seinem Neffen Michael sowie Dierk Cordes die Geschäfte der Essener Leasinggesellschaft Leasconcept. Seit mehr als 30 Jahren vermietet der Mittelständler Kaffeemaschinen, Motorräder, Autos und Sportwagen. Um weiter zu wachsen, braucht Graf frisches Kapital. 

Doch seine Suche blieb lange erfolglos. Deshalb begnügte er sich zunächst damit, bei Verwandten und Freunden des Unternehmens rund 400 000 Euro an stillen Beteiligungen einzuwerben. In diesem Jahr unternahm Graf einen erneuten Anlauf und stieß plötzlich bei den Banken mit seinem Kapitalbedarf auf offene Ohren. Derzeit ist er mit der Stadtsparkasse Düsseldorf und der Commerzbank kurz davor, einen Vertrag über eine Mezzanine-Tranche, eine Zwischenform aus Eigen- und Fremdkapital, über genau drei bis vier Millionen Euro abzuschließen. Exakt die Summe, die er zwei Jahre vergeblich gesucht hat. Graf sieht heute bei den Banken „eine deutlich höhere Bereitschaft, sich im Mittelstand zu engagieren, als noch vor zwei Jahren. Damals waren wir einfach zu früh“, sagt er. 

Genussrechte, Mezzanine-Darlehen oder stille Beteiligungen sind oft der erste Schritt der Abkehr von der traditionellen Finanzierungsstruktur durch Bankkredite. „Nach unserer Genussscheinemission haben wir plötzlich eine Bandbreite von Optionen“, sagt Stephan Wachtel, Geschäftsführer des Ingenieurunternehmens Neue Energiekonzepte (NEK). Das 1995 gegründete Unternehmen, das 2004 knapp neun Millionen Euro Umsatz machte, hat in diesem Jahr erstmals Genussscheine ausgegeben. „Wir haben unser Reporting verbessert, unsere Transparenz erhöht, verstehen und sprechen die Sprache der Investoren“, sagt Wachtel. Vor allem die größere Mitteilsamkeit hat Beteiligungsgesellschaften auf NEK aufmerksam gemacht. Derzeit ist Wachtel mit einer Gesellschaft über eine Minderheitsbeteiligung im Gespräch. 

„Mittelständlern fällt die Partnerschaft mit einer Beteiligungsgesellschaft durch eine Minderheitsbeteiligung oft leichter“, sagt 3i-Partner Stein. In diesem Jahr hat sich 3i bereits an fünf Mittelständlern in Deutschland beteiligt, nur bei einem Unternehmen haben Stein und seine Kollegen die Mehrheit übernommen. „Wir wollen bei unseren Minderheitsbeteiligungen die Wertentwicklung zwar mitgestalten, aber nicht vorschreiben“, sagt Stein. Der Alteigentümer bleibt also Herr im Haus. Der Druck wird auch dadurch vermindert, dass 3i nicht eingesammeltes Vermögen fremder Investoren, sondern eigenes Geld investiert. „Wir können uns mehr Zeit lassen“, sagt Stein. 

Bedingung für die Gelassenheit ist allerdings, dass die auserwählten Unternehmen hohe Wachstumsraten versprechen – und schaffen. Seit knapp einem Jahr hält 3i an der Handelskette „Das Depot“ 40 Prozent der Anteile. In nur zehn Jahren hat das Familienunternehmen, das Lifestyle-Produkte, Wohnaccessoires und Geschenkartikel verkauft, seinen Umsatz von sechs auf mehr als 40 Millionen Euro gesteigert. So soll es weitergehen. Innerhalb von drei Jahren soll sich die Zahl der Geschäfte in Deutschland verdreifachen, neben der Schweiz und Mallorca sollen mit Österreich, Frankreich und dem spanischen Festland weitere Märkte erschlossen werden. „Wir mögen solche Engagements mit überdurchschnittlichem Wachstum und Ertragspotenzial“, schwärmt Stein. 

Und Geschäftsführer Christian Gries kann sein Expansionstempo nur dank 3i durchziehen. Seinem Vater, der 1995 den ersten „Depot“-Laden eröffnete, war die Geschwindigkeit seines Juniors zu hoch. Er betreut heute die Auslandsaktiviäten und » überließ die Gesamtverantwortung seinem Sohn. 

Ein Generationswechsel ist oft der Einstiegspunkt für neue Eigenkapitalgeber. „Die junge Generation ist gegenüber neuen Beteiligungsformen meist offener“, beobachtet Steadfast-Manager Rubahn. Auch Dirk Schmitt dachte erstmals über die Beteiligung von Finanzinvestoren nach, als sein Vater aus der Offenbacher Zeitarbeitsfirma Team BS Betriebsservice ausscheiden wollte. Schmitt Senior gründete 1979 das Unternehmen. Heute macht es mit rund 1000 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von rund 30 Millionen Euro. 

Der Junior setzte sich mit der Hamburger Niederlassung der britischen Beteiligungsgesellschaft Granville Baird Capital Partners zusammen und entwickelte ein Übernahmekonzept. Heute ist Granville Mehrheitseigentümer der Zeitarbeitsfirma, Schmitt Minderheitsgesellschafter und weiterhin Geschäftsführer des väterlichen Unternehmens. Der finanzstarke Partner sichert das Kapital für künftiges Wachstum. Seinem Vater, sagt Schmitt, ging es beim Ausscheiden auch darum, „das Lebenswerk zu sichern und eine Entwicklungsperspektive zu schaffen“. Seiner Meinung nach brauchen Familienunternehmen auf der Finanzseite Spezialisten, die es schaffen, die Interessen unterschiedlicher Familienzweige zu wahren und einen steueroptimalen Verkauf zu garantieren, ohne den Charakter des Unternehmens zu zerstören. „Wir werden immer öfter gerufen, wenn unterschiedliche Sichtweisen von drei oder vier Familienzweigen die Nachfolge erschweren und wenn Privat- und Firmenvermögen besser ausbalanciert werden sollen“, bekräftigt Beteiligungsmanager Stein. Die komplizierten Strukturen kann oft nur ein Außenstehender ohne Schaden aufbrechen. 

Auf diese Weise wird Private Equity immer geläufiger, hingegen ist Private Debt noch weit gehend unbekannt in Deutschland. Während sich größere Unternehmen am Kapitalmarkt bedienen, „fehlt den meisten deutschen Mittelständlern der Zugang“, sagt Benedikt von Schröder, Partner bei der Londoner Merchant Bank Augusta & Cie. In der Studie von Ernst & Young werden Anleihen als Finanzierungsquelle überhaupt nicht separat ausgewiesen. 

Dabei kämen gerade Privatanleihen traditionellen Familienunternehmern entgegen. Statt die Macht mit einem Beteiligungsmanager zu teilen, wird bei Private Debt nur der Bankbetreuer durch einen anderen Fremdkapitalgeber ersetzt. Sonst ändert sich wenig für den Mittelständler. 

Deshalb sieht Schröder, ehemals Vorstand der Frankfurter Niederlassung der US-Investmentbank Morgan Stanley, in der Privatanleihe viel Potenzial: Während amerikanische Mittelständler bereits heute rund 80 Prozent ihres Kapitalbedarfs mit Darlehen außerhalb des Bankensektors decken, sind es in Europa erst 20 Pro-zent und in Deutschland sogar nur fünf Prozent. 

Schröder vermittelt deutschen Mittelständlern individuell geschnürte Pakete, in denen zum Beispiel erst- oder nachrangige Darlehen, hochverzinsliche Anleihen und Mezzanine-Kapital kombiniert werden. Damit will der einstige Investmentbanker Mittelständler für ausländische Großanleger öffnen. „Für internationale Investoren außerhalb des Bankensektors ist die rechtliche Ausgestaltung der traditionellen deutschen Finanzierungsinstrumente wie stille Beteiligung, Genuss- oder Schuldscheine nicht transparent und daher unattraktiv“, sagt Schröder. Mittelständlern mit einem Kapitalbedarf von mindestens zehn Millionen Euro vermittelt der Augusta-Manager vor allem institutionelle Investoren aus London, beispielsweise Versicherungen, Hedge- oder Pensionsfonds. 

Für Rainer Schneider, geschäftsführenden Gesellschafter des Siegener Walzenherstellers Irle, wären Privatanleihen durchaus eine Alternative. Familie Irle, die sich seit dem 17. Jahrhundert mit Eisenverarbeitung beschäftigt, duldet bis heute Fremde „weder als Investoren noch als Beiräte“ im Unternehmen. Maxime allen Handelns ist: „Was heute gesät wird“, sagt Schneider, „wird erst in der nächsten Generation geerntet.“ Und das möglichst nicht von familienfremden Investoren. 

stefanie.burgmaier@wiwo.de | Frankfurt, 

brigitte v. haacke 

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