Beginn der Globalisierung

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Wie Li & Fung vom Händler für Porzellan und Seide zur virtuellen Fabrik für die ganze Welt aufstieg. 

Fung Pak Liu, der Großvater der Brüder William und Victor Fung, hat die Firma Li & Fung vor genau 100 Jahren gegründet. 1906 tat er sich mit dem Seidenhändler Li To Ming zusammen. „Großvater hat seine Arbeitskraft eingebracht und Herr Li das Geld“, sagt William Fung. Li & Fung handelten mit Porzellan aus der Manufaktur Jingdezhen, mit chinesischer Seide und Feuerwerkskörpern. Hauptsitz des Unternehmens war Kanton, die damalige britische Kronkolonie Hongkong diente als Hafen, von dem aus die Güter verschifft wurden. 

Als 1949 Mao Tse-tung in China die Macht übernahm, siedelte Li & Fung nach Hongkong über und begann unter der Leitung von Fung Hon Chu, dem Vater von William und Victor Fung, Waren für die westliche Welt zu produzieren: Plastikblumen und Perücken, Spielzeug und Kämme. „Das war der Beginn der Globalisierung“, sagt William Fung: „Man produziert ein Produkt dort, wo man es am billigsten herstellen kann, und nicht dort, wo es gebraucht wird.“ Bald war Li & Fung eines der erfolgreichsten Handelshäuser der Region. Von der Familie Li blieb allerdings nur noch der Name: „Ein chinesisches Sprichwort sagt: Wenn du aus dem Strohhalm trinkst, sollst du nie die Quelle vergessen“, so William Fung. 

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Das Familienunternehmen entwickelte sich unter den beiden Brüdern zu einem weltweit agierenden Konzern. Victor Fung ist studierter Elektroingenieur mit einem Abschluss des MIT und hat als Wirtschaftsprofessor an der Harvard Business School gelehrt. Sein Bruder hat einen Abschluss in Ingenieurwissenschaften von Princeton und einen MBA aus Harvard. Eigentlich hatten sie sich nach dem Studium für eine akademische Laufbahn in den USA entschieden. Doch dann häuften sich die klagenden Anrufe der Mutter, der Vater arbeite sich zu Tode, sie sollten doch zurückkommen. „Unsere Mutter wusste, wie wir ticken“, sagt William Fung. „Das Einzige, was uns zurückbringen konnte, waren Schuldgefühle.“ 

1972 traten sie schließlich ins väterliche Unternehmen ein. Schon ein Jahr später ging Li & Fung an die Börse. „Wir brauchten kein Geld, davon hatten wir immer genug“, erklärt William Fung, „aber wir brauchten ein neues Image.“ Um international interessant zu werden, wollten sie den Geruch der chinesischen Familienklitsche loswerden. 

Die beiden hatten das Glück des Tüchtigen. 1978 begann die Volksrepublik China ihre Öffnungspolitik – das zuletzt immer teurer gewordene Hongkong hatte wieder ein billiges Hinterland. Li & Fung wuchs rapide: Victor Fung beschreibt das so: „Wir sind ein Mann mit einem Tropenhelm, der mit einem Fallschirm im Dschungel abspringt. In der einen Hand hält er eine Machete, um einen Weg zur nächsten Billigfabrik zu schlagen, und in der anderen Hand ein Multimediatelefon, damit der Kunde in Echtzeit seine neuesten Anforderungen an das Produkt mitteilen kann und über den Produktionsstand informiert wird.“ Li & Fung sucht die günstigste Fabrik für ein bestimmtes Produkt, stellt sicher, dass die Qualität stimmt und dass die Waren rechtzeitig beim Kunden sind. Das Unternehmen ist so etwas wie eine virtuelle Fabrik. 

frank.sieren@wiwo.de | Peking 

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