Archiv: Bei null anfangen

Kai Peter Rath über Martin Walser und Wirtschaft in der Literatur 

Martin Walser hat ein neues Buch geschrieben. Ein kraftvolles Buch. „Angstblüte“ erzählt vom Leben des 70-jährigen Vermögensverwalters Karl von Kahn, der mit Umsicht und Geschick die Depots seiner Kunden in Gewächshäuser des Geldes verwandelt, der von einem Freund um Geld betrogen wird und der aus Liebe zu einer 37 Jahre jüngeren Schauspielerin zum Filmfinancier wird und in eine Krise stürzt. 

Ein neuer Walser ist für das deutsche Kulturestablishment stets ein Großereignis; dieses Mal ist er auch eines für alle Wirtschaftsinteressierten. Der Autor gestattet seinem Protagonisten Kahn Sätze wie „Auf nichts ist so wenig Verlass wie auf das Staatliche. Der Staat schafft nichts. Er reguliert. Seien wir froh, dass wir diesem Zirkus der Verantwortungslosigkeit entronnen sind.“ 

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Zwar ziert sich Walser etwas, die ohne Abstrich marktliberalen Gedanken seines Romans ausdrücklich zu seinen persönlichen Ansichten zu machen; immerhin räumt er aber im Gespräch mit der WirtschaftsWoche ein: „Wenn auch meine Wirtschaftswelt im Kulturbetrieb auf Unverständnis stößt, kann ich doch ganz und gar zu meiner Hauptfigur stehen“ (siehe Interview auf Seite 90). Und weiter: „Ich glaube inzwischen, dass Unabhängigkeit der höchste Wert ist“, ausdrücklich auch die finanzielle Unabhängigkeit. „Es braucht Zivilcourage für einen deutschen Intellektuellen, das einzusehen.“ 

Da hat Walser Recht, das zu sagen erfordert eine Portion Mut – sehr wahrscheinlich werden ihm die Feuilletonisten diesen Standpunkt herzhaft übel nehmen. 

Das Buch könnte einem alten Wunsch neues Leben einhauchen: dass Kulturschaffende weniger verkrampft und feindbildstarr auf Markt und Wirtschaft schauen. Wie der Nationalökonom Wilhelm Röpke so schön sagte: „Die Menschen unserer Zeit werden mit Wissen aller Art voll gestopft, aber etwas Wesentliches lernen sie nicht: die Wirkungsweise und den Sinn des eigenen Gesellschafts- und Wirtschaftssystems zu verstehen, dessen Glieder sie sind und von dessen Funktion ihr Lebensschicksal abhängt.“ 

Wer sich bemüht, dieses System zu verstehen, gelangt womöglich zu einer Erkenntnis, wie sie auch in Walsers Roman nachzulesen ist: „Die Politik kann sich gegen den Markt so wenig durchsetzen wie gegen das Wetter.“ Das mag für passionierte Staatsdirigisten nach einer Aufforderung zum Aufgeben klingen, für Liberale klingt es wie ein tröstendes Versprechen. 

Die Macht, die Walser dem Markt in seinem Roman zuschreibt, ist keine zerstörende Macht, hier wird nicht das Klagelied auf Globalisierung, Jobverlagerung und Entfremdung gesungen. „Am Ende setzt sich das Bessere durch. Der Markt ist die einzige Verbesserungskraft.“ 

Die Hinwendung des Literaten zur Wirtschaft, nachdem er zuvor in 50 Schaffensjahren nie einen Chef oder Mächtigen ins Zentrum eines Romans gestellt hatte, wird überraschend konkret bis ins Detail. Sparen zu kümmerlichen Zinsen war gestern, Anlegen mit gesundem Appetit auf Rendite ist heute, schon die Altersvorsorge erfordert das, so die Botschaft. Da schlägt die Begeisterung durch für einen wie Warren Buffett, der das ganze Weltgeschehen als eine Ansammlung von Investitionsmöglichkeiten betrachtet. 

Schön, dass es so ein Buch gibt. Literatur auf so hohem Niveau rund ums Geldvermehren – es stimmt schon: Nichts ist spannender als Wirtschaft. So ein Buch macht begreiflich: Gute Geldanlage ist nicht Sport und Spiel für Verschrobene und Kleingeistige, sie ist in unserer Zeit eine Notwendigkeit von nahezu sinnstiftender Bedeutung. 

Und wenn es jemand anders sieht? Bei denen, seufzt Walser im Gespräch, müsse er halt mit demErklären der Zusammenhänge nochmal bei nullanfangen. 

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