Berlinetta per siempre

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Dem heißblütigen Ferrari 599 GTB Fiorano lassen sogar strenge Carabinieri die Temposünden durchgehen. 

Auf einer Landstraße in den Hügeln der Emilia Romagna, als der ins Lenkrad eingearbeitete Drehzahlmesser blinkt wie ein Flipperautomat, und die innere Stimme, die einen zur Ordnung rufen wollte, längst verstummt ist, fliegt in einer lang gestreckten Rechtskurve ein bläulicher Schatten vorbei. Carabinieri? Himmel, nein! Zu spät. Ein paar Sekunden später: Blaulicht im Rückspiegel. Die unmissverständliche Aufforderung zum Anhalten. 

Ein Jeep bremst mit quietschenden Bremsen hinter dem Ferrari, zwei Polizisten steigen aus. Der eine trägt eine modische Sonnenbrille unter seiner Mütze, beide sind ziemlich jung. Genauere Beschreibung darf es in dieser Geschichte lieber nicht geben, damit sie kein pflichtversessener Vorgesetzter bis ans Lebensende zum Ampelputzen abkommandieren kann. Denn was nun geschieht, taugt als Beweis, wie tief die Liebe der Italiener zu Ferrari sitzt, und vermutlich ist es auch nur möglich, wo Maranello nicht weit ist. 

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„Signori“, sage ich, es soll nach einer Entschuldigung klingen: „das hier ist der neue 599 GTB Fiorano.“ 

Die Uniformierten antworten nicht. Sie betrachten stumm den Wagen, der so wertvoll ist wie ein Haus, so rot und sinnlich wie ein Kussmund und so stark wie 620 Rennpferde. Sekunden vergehen, dann erkundigt sich der größere Polizist: 

„Zwölf Zylinder, oder?“ 

„Zwölf Zylinder. 608 Newtonmeter Beschleunigung, sechs Liter Hubraum.“ Die strengen Herren in der gut geschnittenen Carabinieri-Uniform bekommen selbstverständlich jede gewünschte Zahl; wenn es sein muss, auch das genaue Format des Zigarettenanzünders, solang es denn nur dazu beiträgt, sie versöhnlicher zu stimmen. 

„Madonna“, murmelt einer der Polizisten. Sie lehnen bereits an der Fahrertür und sehen hinein ins Cockpit. Betrachten das Volant mit dem ins Auge stechenden roten Knopf: „Engine Start“, die Schaltpaddel dahinter, die Mittelkonsole, in die man „F1“ hineingefräst hat, was nichts mit Angeberei zu tun hat. In kaum einem anderen Automobil steckt so viel Motorsport, so viel Klasse, so viel Extravaganz. 

Es fühlt sich an, als fahre man einen Star spazieren. Am Straßenrand verdrehen Passanten die Köpfe, Kinder kommen an roten Ampeln herbeigelaufen, und man bildet sich ein, dass viele Menschen lächeln. Merkwürdigerweise scheint gerade dieses Fahrzeug so manchen Fiat-Punto-Piloten zu animieren, sehr dicht aufzufahren und mit der Lichthupe zu blinken, wenn man nicht kurz vor der Kurve noch in einem halsbrecherischen Manöver vier Wagen überholt. Man fährt eben nicht Auto. Man bewegt einen Mythos. 

„Darf ich mal den Motor anlassen?“, erkundige ich mich. Nicken der Carabinieri, nun kann die Show beginnen: Wenn nämlich der Schlüssel eingeschoben wird, ist ein Summen, ein Sirren zu hören, es klingt aus wie ein leises Fauchen. Der Schirm des Bordcomputers leuchtet auf, und das Lenkrad fährt in die eingespeicherte Position. Das Monstrum ist nun bereit, seinem Herrn zu dienen. „Madonna“, entfährt es dem Carabinieri noch einmal. 

Er ist nicht allein. Zur Mittagspause hatte mir der Pizzabäcker schon einen Deal vorgeschlagen: Die Rechnung von Margherita samt Espresso wollte er übernehmen, sofern er nur für eine ganz kurze Proberunde auf dem Beifahrersitz mitfahren durfte. Vor seinem Lokal hatte sich innerhalb weniger Minuten eine kleine Gruppe Ferraristi aus dem Ort versammelt, um den Wagen fachmännisch zu diskutieren. Die Älteren fühlen sich an den „250 GT Passo Corto“ von 1959 erinnert, einen Ferrari-Klassiker, gewissermaßen Hollywood auf Reifen, der in einer Sphäre mit dem Aston Martin DB5 ewig gültige Maßstäbe für automobile Eleganz vorgibt. 

Seit mehr als einem halben Jahrhundert existiert der Traum namens Berlinetta, des Wagens mit überlangem Bug, zurückversetztem Cockpit, niedriger Dachlinie und rundem Hinterteil. Es ist Bestandteil einer Tradition, zu der Klassiker wie der 275 GTB oder„Daytona“ gehören. 1993 hatte Luca di Montezemolo – heute Präsident des Fiat-Konzerns, und seit 1991 Chef von Ferrari – seine Ingenieure damit beauftragt, die Berlinetta grundlegend zu modernisieren. Der 599 GTB ist ein Kind dieser Renaissance. 

Der 599 GTB, das ist ein Auto in Form einer gelungenen Skulptur, das seine Tester bereits im Stand auf 100 Prozent Begeisterung beschleunigte. „Ein technisch begeisterndes Kunstwerk“, findet die „FAZ“. „Glut im Bauch“ attestiert „Auto, Motor und Sport“ dem Heißblüter. Man muss schon notorischer Autohasser sein, um angesichts der kraftvollen Eleganz der Berlinetta, ihrer Synthese aus Anmut und Dynamik nicht ins Schwärmen zu geraten. Alles an diesem Auto wirkt sinnlich, selbst noch das Geräusch des Kofferraumdeckels. 

Im Begleitbuch heißt es, dass die Entwickler an den Zwischentönen des Motors feilten wie ein Dirigent am Klang seines Ensembles. „Der dritte Zylinder gibt dem Sound eine robustere Note, während der zwölfte ein angenehmes Timbre garantiert.“ Wer eine Führung durch das Werk in Maranello erlebt hat, in lichtdurchfluteten Hallen flanierte, die wenig mit einer Fabrik, aber viel mit einer Manufaktur zu tun haben, wo manche Arbeiter sogar weiße Handschuhe tragen, der kann sich vorstellen, wie die Tontechniker neben dem Auto liegen und mit geschlossenen Augen versonnen seinem Klang lauschen. 

Als der Wagen nun am Rande der Landstraße anspringt, klingt das nicht nach angenehmem Timbre, sondern derart bedrohlich, dass dem Uniformierten noch mal ein „Madonna“ entfährt, nur noch geflüstert. Wer nun das Gaspedal im Lehrlauf tritt – was zugegeben ein wenig an Manta-Fahren in Bottrop erinnert –, der bekommt wütendes Gebrüll zur Antwort. Eine Geräuschkulisse, die man nur aus dem Fernsehen kennt, wenn sich Kai Ebel aus der Boxengasse meldet. Die Carabinieri sind nun wirklich beeindruckt. War da etwas mit einem Strafzettel wegen überhöhter Geschwindigkeit? 

Signora Vercesi, die freundliche Dame aus der PR-Abteilung von Ferrari, die heute Morgen den Schlüssel am rot gestrichenen Werksportal der Via Abetone überreichte, hatte erklärt, dass die Maschine auf 620 PS heruntergedrosseltsei. Ja, wirklich: heruntergedrosselt. Eigentlich sei noch mehr Leistung möglich. Ihr dringender Rat: Nie, wirklich nie, sollte ich den Fahrprogrammschalter am Lenkrad, auch „Manettino“ genannt, ganz nach rechts drehen. 

Auf links liegt das „Schnee“-Programm, um durch den Winter zu kommen, daneben ein Modus für die Reise im Regen sowie „Sport“ für den Alltagsgebrauch. „Race“ erlaubt dem geübten Fahrer leichte Slides und ist eigentlich für die Rennstrecke gedacht. Über die ominöse Rechtsaußen-Einstellung, vor der die PR-Dame warnte, sagt das Handbuch: „Die Stabilität des Wagens liegt nun ausschließlich in den Händen des Fahrers.“ Wer nicht aufpasst, lässt mit einem unachtsamen Tritt die Hinterreifen in Rauch aufgehen. 

Was der Wagen kostet, will einer der Carabinieri wissen. Rund 210 000 Euro, in der Basisversion. Mit einigen Extras lässt sich der Preis auf eine Viertelmillion steigern: Selbst das Design der Naht, mit dem die Ledersitze verarbeitet sind, kann der Kunde bestimmen. Der 599 GTB, der finale Beweis, dass Geld alleine auch nicht unglücklich macht, ist bis Ende 2007 nahezu ausgebucht. 

„Signori, wollen wir eine Runde drehen?“ Die Polizisten blicken sich an. Einer grinst und steigt sofort ein; was für Männer mit der Statur von Basketballspielern eine gewisse Gelenkigkeit erfordert. Wer sich auf dem Sitz dann wieder auseinanderfaltet, findet aber reichlich Platz. Mit dem rechten Schaltpaddel hinter dem Lenkrad legt man den ersten Gang ein, von nun an übernimmt die Automatik: eine sequenzielle Schaltung nach Vorbild des Rennsports, die den nächsten Gang in 100 Millisekunden zur Verfügung stellt. Formel-1-Rennwagen schalten nur doppelt so schnell. 

Vorsichtig gleiten wir durchs Dorf. Der Polizist hat vorsichtshalber die Mütze abgenommen und auf seine Beine gelegt, damit ihn niemand im Dienst erkennt. Am Dorfausgang bietet die Straße eine kurze Gerade. Vollgas, der Motor jubelt. Vom Beifahrersitz ist tiefes Einatmen, dann ein leicht panisches Kichern zu hören. Man versteht, warum Ferrari einen robusten Haltegriff neben Sitz und Mittelkonsole montiert hat. Von null auf Tempo 100 sprintet der Fiorano in 3,7 Sekunden. Bis Tempo 200 in elf Sekunden. Die Spitzengeschwindigkeit liegt jenseits von 330 Kilometer pro Stunde. Es ist (abgesehen von dem in limitierter Stückzahl hergestellten Ferrari-Modell „Enzo“) der schnellste Serien-Ferrari, den es jemals gab. 

Rechtskurve, Linkskurve, der Wagen lässt sich mit einer Präzision steuern, die man selten erlebt hat. Jede Unebenheit der Landstraße wird auf nahezu magische Weise von der Dämpfung geschluckt; dabei verhärten Magnetfelder das mit Metallpartikeln durchsetzte Öl in Sekundenbruchteilen. Sensoren messen Untergrund und Bewegung des Wagens und geben die optimale Kraftübertragung an die Reifen weiter, oder, um es kurz zu machen: Der Fiorano scheint im Rasen auf dem Asphalt zu kleben. 

Jede Fahrt wird zu einem Test der eigenen Disziplin, denn das subjektive Empfinden, dass der Wagen mit steigender Geschwindigkeit immer noch besser am Boden klebt, wird durch Messwerte aus dem Windkanal tatsächlich belegt. Bei Tempo 300 drücken sagenhafte 160 Kilo Abtrieb auf die Hinterachse, auch das natürlich ein Superlativ, sogar für die Maßstäbe von Ferrari. 

Der Gesetzeshüter auf dem Beifahrersitz freut sich, als habe man ihn gerade in den nächsten Dienstrang befördert. Als wir wieder vor dem blauen Polizei-Jeep zum Stehen kommen, wartet bereits der Kollege auf seinen Einsatz. „Von nun an aber bitte piano“, mahnen sie noch, mit gespielt tadelnden Blicken, als die Testfahrt unter polizeilicher Obhut schließlich beendet ist. Piano. Natürlich. Nach einem Tritt aufs Gas ist der Jeep aus dem Rückspiegel verschwunden. 

Stefan Kruecken 

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