Beschleunigte Flucht Hans-Werner Sinn über Investitionen und Vertrauen

Archiv: Beschleunigte Flucht Hans-Werner Sinn über Investitionen und Vertrauen

Deutschland hatte in den vergangenen zehn Jahren die am langsamsten wachsende Wirtschaft der EU, und selbst Westdeutschland war für sich genommen Schlusslicht beim Wirtschaftswachstum. Zugleich hat die Massenarbeitslosigkeit Dimensionen angenommen, die kaum noch beherrschbar sind, wie die fortwährende Verletzung der Maastricht-Kriterien zeigt. Die meisten Stellen gehen beim Bau und in der Industrie verloren. Die Verluste in der Industrie sind besonders schlimm, denn sie ist die Basis der deutschen Wirtschaft, der „glühende Kern“, wie Gabor Steingart es treffend formuliert hat. Dieser Kern kühlt sich in vielen westlichen Industrieländern etwas ab, aber er erkaltet hier am schnellsten. Nirgendwo nahm die Beschäftigung des verarbeitenden Gewerbes seit dem Fall des Kommunismus prozentual so stark ab wie in Deutschland. 

Diese Schlusslichtposition hat wenig mit der deutschen Vereinigung zu tun, denn selbst Westdeutschland für sich genommen liegt beim Rückgang der Industriebeschäftigung an zweitletzter Stelle aller entwickelten Länder. Trotz der Integration von rund zwei Millionen im ostdeutschen verarbeitenden Gewerbe beschäftigten Arbeitnehmern lag die gesamtdeutsche Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe im Jahr 2004 um knapp eine Million Personen unter dem Niveau, das allein Westdeutschland vor der Vereinigung hatte. Die Industriebeschäftigung Deutschlands ist im freien Fall begriffen. 

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Der Abbau von Arbeitsplätzen war Anfang der Neunzigerjahre besonders stark, beruhigte sich dann bis 2000 etwas und hat danach wieder an Fahrt gewonnen. Von 1995 bis 2004 sank die Industriebeschäftigung in Vollzeitäquivalenten gerechnet um 1,09 Millionen Stellen, ohne dass im Rest der Wirtschaft Ersatz gefunden worden wäre. Insgesamt fiel die deutsche Beschäftigung in dieser Zeit um 1,26 Millionen vollzeitäquivalente Stellen. 

Arbeitsmarkt und Wachstum lahmen, weil die Investitionen ausbleiben. Die deutsche Nettoinvestitionsquote, also der Anteil der Nettoinvestitionen am Nettoinlandsprodukt, liegt nur noch bei knapp drei Prozent. Das ist der mit Abstand niedrigste Wert aller OECD-Länder. Von keinem anderen Land haben sich die Investoren mit ähnlicher Entschiedenheit abgewandt. 

Gleichzeitig sparen die um ihren Arbeitsplatz fürchtenden Bürger. Die Banken schwimmen im Geld, das keiner haben will. Der Überschuss der Ersparnisse über die Investitionen, der durch den Leistungsbilanzüberschuss des Landes gemessen wird, fließt ins Ausland. Er liegt mit etwa vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf Rekordniveau. Die Wachstumskräfte verlagern sich anderswohin. 

Das meiste Geld fließt als Finanzkapital ins Ausland. Wohin, das verraten die Banken nicht. Klarer sieht man bei den Direktinvestitionen, über die eine neue Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) unter 7500 Unternehmen Aufschluss gibt. Die Direktinvestitionen konzentrieren sich heute vor allem auf die neuen EU-Beitrittsländer. Noch vor China, das auf 37 Prozent der Nennungen kommt, liegen diese Länder mit 43 Prozent an der Spitze der Zielländer der Unternehmen, die im Jahr 2005 im Ausland investieren. Nach China kommen die anderen EU-Länder, dann der Rest Osteuropas, dann Nordamerika. 

Die Absetzbewegung beschleunigt sich. 42 Prozent der jenseits der Grenzen aktiven Unternehmen nehmen in diesem Jahr mehr Auslandsinvestitionen in Angriff als im Vorjahr, nur zwölf Prozent verringern ihre Auslandsinvestitionen. Mit 30 Prozentpunkten ist der Planungssaldo größer als je zuvor seit Beginn der DIHK-Erhebung im Jahr 1999. Je größer die Unternehmen sind, desto leichter fällt ihnen der Entschluss, im Ausland zu investieren. So wollen 69 Prozent der Unternehmen ab 1000 Mitarbeitern für 2005 neue Auslandsinvestitionen realisieren. Dennoch machen auch die kleineren Unternehmen mit. Aus der Klasse der Unternehmen zwischen 200 und 1000 Beschäftigten investiert immerhin jedes zweite im Jahr 2005 im Ausland. Unter den Motiven für die Auslandsinvestitionen stehen mit 40 Prozent der Nennungen Vertrieb und Kundendienst im Vordergrund. Doch bei den Produktionsverlagerungen rangiert das Motiv der Kostenersparnis mit 34 Prozent der Nennungen vor dem Motiv der Markterschließung, das von 26 Prozent der Unternehmen genannt wird. 

Die Kosteneinsparung hilft den Unternehmen, international wettbewerbsfähig zu bleiben. Nur weil sie immer größere Teile ihrer Vorproduktketten in ihr osteuropäisches Hinterland verlagern, um den hohen deutschen Löhnen auszuweichen, kann die deutsche Wirtschaft den Koreanern, den Chinesen und den anderen Wettbewerbern die Stirn bieten. Deutsche Arbeitsplätze entstehen so aber meistens nicht. Nur 13 Prozent der Unternehmen, die im Ausland Arbeitsplätze schaffen, wollen ihren Personalbestand in Deutschland aufstocken. Die überwiegende Mehrheit von 60 Prozent hält die inländische Beschäftigung trotz der Expansion im Ausland konstant, 27 Prozent wollen die Beschäftigung im Inland sogar verringern, während sie sie im Ausland ausbauen. Von den Unternehmen, die im Ausland aus Kostengründen investieren, wollen gar nur zehn Prozent im Inland neue Stellen schaffen. 37 Prozent wollen stattdessen in Deutschland Arbeitnehmer entlassen. Die populäre These, dass Auslandsinvestitionen im Inland Stellen schaffen, weist der DIHK bei der Analyse seiner Ergebnisse weit von sich, und er hat wohl Recht damit. 

Wer auch immer die Wahl gewinnt: Dies ist das Thema, mit dem er sich wird beschäftigen müssen. Er wird Wege suchen müssen, die Investoren wieder an Deutschland zu interessieren und ihnen das Vertrauen zurückzugeben, das sie brauchen, um sich mit ihrem Vermögen an dieses Land zu binden. Wer diese Wege nicht findet, dem wird auch sonst nichts gelingen. 

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