Bessere Chancen? Renate Köcher über Quoten für Frauen

Archiv: Bessere Chancen? Renate Köcher über Quoten für Frauen

Ausgelöst durch die Abschiedsrede von Ernst-Ludwig Winnacker, des scheidenden Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, ist die Debatte um Frauenquoten wieder aufgeflammt. Winnacker moniert, dassnur 13 Prozent der Professoren an deutschen Universitäten Frauen sind, bei den C4-Professoren sogar nur acht Prozent – obwohl Frauen inzwischen die Mehrheit aller Abiturienten stellen und annähernd 40 Prozent der Promotionen einreichen. 

Offenbar gibt es im deutschen Schulsystem und auch an den Universitäten zumindest bis zur Promotion keine nennenswerten Hindernisse für Frauen. Erst danach verringert sich der Anteil der Frauen schlagartig – allen Frauenförderplänen der Universitäten zum Trotz. Ein Beweis für Diskriminierung, der nur durch Quoten beizukommen ist? 

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Hier sind Zweifel erlaubt. Nach wie vor sind Lebensentwürfe und Lebensläufe von Männern und Frauen sehr unterschiedlich. Auch wenn die Berufstätigen-Quote von Frauen in den zurückliegenden Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen hat, scheidet die Mehrzahl von ihnen aus dem Beruf aus oder wechselt in eine Teilzeitbeschäftigung, wenn das erste Kind kommt. Die Mehrheit der Frauen teilt, wie die Mehrheit der gesamten Bevölkerung, die Meinung, dass eine Frau in den ersten Lebensjahren ihrer Kinder beruflich zurückstecken sollte. 

Mehr als in anderen Ländern werden Beruf und Familie in Deutschland als zwei Lebensbereiche gesehen, die zu-mindest in einer bestimmten Lebensphase nur schwer mit-einander vereinbar sind. Die unbefriedigenden Möglichkeiten zur Kinderbetreuung fördern dieses Denken; umgekehrt gehen die Mängel in der Betreuung aber auch darauf zurück, dassüber Jahrzehnte das Drei-Phasen-Modell – erst Ausbildung und erste Berufsjahre, dann Familienphase, dann Rückkehr in den Beruf – propagiert und durchaus auch akzeptiert wurde. Von den Akademikerinnen mit kleinen Kindern ist nur rund jede vierte Vollzeit berufstätig. 

Die Jahre der Familiengründung sind in der Regel auch die Jahre, die für die beruflichen Karrierechancen entscheidend sind. Die Chancen, dass mehr Frauen Führungspositionen einnehmen, sei es in Wirtschaft oder Wissenschaft, hängen daher entscheidend davon ab, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf möglich ist – und dann auch angenommen wird. Staat, Unternehmen und Universitäten können viel tun, um diese Vereinbarkeit möglich zu machen. 

Wie weit diese Angebote dann angenommen werden, ist aber auch eine Frage der gesellschaftlichen Leitvorstellungen und individuellen Lebensentwürfe. Quoten sind dagegen letztlich ein planwirtschaftlicher Ansatz, dem sich die individuellen Entscheidungen anzupassen haben. 

Die ganze Problematik zeigt sich, wenn die Quotendiskussion auf Fächer ausgedehnt wird, die Frauen weit unterdurchschnittlich reizen, wie Natur- und Ingenieurwissenschaften. Frauen stellen nur knapp ein Fünftel der Studenten der Ingenieurwissenschaften. Dies wird als gravierender Missstand beklagt. 

Eigentümlicherweise erregt sich jedoch kaum jemand darüber, dass Männer nur eine Minderheit der Studierenden an den philosophischen Fakultäten und in den pädagogischen Fachrichtungen stellen. Dabei würde sich auch eine Diskussion darüber, ob der geringe Männeranteil unter den Grundschullehrern eine wünschenswerte Entwicklung ist, durchaus lohnen. 

Befragungen von Männern und Frauen zeigen ein sehr unterschiedliches Interessenspektrum, das sich durch die Angleichung schulischer und beruflicher Bildung nur in Grenzen angenähert hat. Auch Befragungen von Kindern belegen, dass der Anteil der Jungen, die sich für Technik begeistern, signifikant größer ist als bei Mädchen, die sich umgekehrt von Kindesbeinen an stärker für alles, was mit Menschen zu tun hat, interessieren – auch für kreative Tätigkeiten – und überdies mehr und anderes lesen: Von den 14- bis 18-jährigen Jungen begeistert sich jeder zweite für Technik, von den gleichaltrigen Mädchen nur fünf Prozent. Bücher faszinieren jedes zweite Mädchen, aber nur 22 Prozent der Jungen. Diese Unterschiede zeigen sich genauso bei den 8- bis 12-Jährigen. 

Natürlich sollte angesichts der Bedeutung der technisch-naturwissenschaftlichen Fächer geprüft werden, wie weit das Interesse von Frauen von Kindesbeinen an gefördert werden kann. Aber die Vorstellung, dass die Welt erst in Ordnung ist, wenn Frauen und Männer in allen Fachrichtungen, Berufen und Positionen jeweils 50 zu 50 vertreten sind, ließe sich nur durch eine Unterdrückung der individuellen Interessen, Wünsche und Lebensentwürfe verwirklichen. 

Chancengleichheit muss sein, entsprechend ist es wichtig, zu prüfen und sicherzustellen, dass die Gleichheit der Chancen als Zugang zu bestimmten Berufswegen und Positionen gewährleistet ist. Wie die Chancen genutzt werden, ist jedoch die Entscheidung jedes einzelnen Menschen. Wenn bei diesen individuellen Entscheidungen asymmetrische Ergebnisse herauskommen, muss dies in einem freien Staat akzeptiert werden. 

Gerade die Wissenschaft darf sich nur einem Auswahlkriterium verpflichtet fühlen – dem der Exzellenz, völlig unabhängig von Geschlecht, Nation und Herkunft. In einem Auslesesystem, das strikt an der Qualifikation ausgerichtet wäre, hätten Frauen auf Grund ihrer überdurchschnittlichen schulischen Leistungen und Studienergebnisse ohnehin die besseren Chancen. 

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