Archiv: Bild schön

Wenn in New Yorks High Society geheiratet wird, fotografiert Julie Skarratt. 

An ihrem großen Tag sah die Braut so geschafft aus, dass die Visagistin alle Mühe hatte, ihr Frische ins Gesicht zu zaubern. Der Grund für die dunklen Augenränder: Die junge Frau war erst am Vorabend aus Paris zurückgekehrt, wo ihr das perlweiße Seidenkleid im Modehaus Lanvin auf den Körper geschneidert worden war. Sicherheitsbeamte umringten die Braut, als sie im Rolls-Royce zur Kirche fuhr. Sie bewachten nicht nur die millionenschwere Erbin, sondern auch das diamantenbesetz-te Diadem, das ihr blondes Haar schmückte. 

Zwei Millionen Dollar kostete die Hochzeitsfeier im traditionsreichen Hotel The Pierre am New Yorker Central Park. In ein Märchenschloss voller Tüll und Rosen hatten die Dekorateure den Ballsaal verwandelt – der Traum nicht nur jeder Braut, sondern auch jedes Hochzeitsfotografen. Die Kristallleuchter, das Porzellan, das edle Tischtuch, alles war speziell für diesen Anlass gefertigt worden. Die vierstöckige Hochzeitstorte mit der ausgefallenen Blütenverzierung hatte etwas von einer Jeff-Koons-Skulptur. Als kleine Aufmerksamkeit stand für jeden der 300 Gäste ein Silbertablett von Tiffany bereit, das Datum des denkwürdigen Tages und der Name des Paars eingraviert. 

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Fast noch wichtiger als Dekorateure und Visagisten ist bei derartigen Inszenierungen eine Person – Julie Skarratt. Die New Yorker Starfotografin fängt die entscheidenden Augenblicke ein – mit Leica-, Hasselblad- und Nikon-Kameras. „Vor allem lasse ich die Braut gut aussehen“, sagt die Fotografin. Für dieses Unterfangen braucht es in der Regel 100 Rollen Film. So viel schießt sie pro Hochzeit. Kontaktabzüge mit 3600 Bildern, die Ausbeute des letzten Auftrages, liegen ausgebreitet auf dem Tisch ihres Studios auf der Upper Westside. Wenn alles gut gelaufen ist, findet sie darunter jene „100 einmaligen Schüsse“, die ihre anspruchsvollen Kunden von ihr erwarten. Ab 20 000 Dollar kostet es, die gebürtige Australierin für einen Tag zu buchen. Hochzeiten, die in Südfrankreich, in den Hamptons oder in der Karibik steigen, dauern meist mehrere Tage. Die Familie der blonden Diamanten-Braut investierte überdies noch 30 000 Dollar, um ihre diversen Wohnhäuser mit aufwendigen, von Skarratt bestückten Hochzeitsalben auszustatten. 

Julie Skarratt ist der Star unter den Hochzeitsfotografen. „Im meinem Herzen bin ich eigentlich Tänzerin“, sagt sie, „denn die Fotografie hat mit viel mit Tanz gemein.“ Geht es doch in beiden Fällen darum, ein Gespür für das richtige Timing zu entwickeln. Seit 1996 wird die grazile Australierin, die früher als Model für Chanel und den Otto-Katalog vor der Kamera stand, von der High Society gebucht. Eigentlich hatte sie neben ihrem Model-Job in New York die Fächer Musik und Afrikanischer Tanz studiert und war außerdem als Clown in Krankenhäusern aufgetreten. Doch dann wurde sie eines Tages von einer Fotografin darum gebeten, ihr bei Hochzeiten zu assistieren. Als die Chefin selbst vor den Traualtar schritt, bat sie ihre Freundin Julie, die Fotos zu machen. 

„Ich wusste sofort, dass die Bilder in ein Magazin gehören“, sagt Skarratt. Selbstbewusst legte sie ihre Arbeiten dem US-Glamour-Magazin „Town & Country“ vor. Der Fotoredakteur buchte sie auf Anhieb. Den Großteil ihrer Aufträge machen jedoch Privatkunden aus. Doch mehr als zwölf Trauungen im Jahr nimmt Julie Skarratt nicht an. Dann schlüpft die 45-Jährige, die sonst Jeans und Wildlederboots bevorzugt, in ihren schwarzen Anzug. Wenn sie von Kunden wie dem Schauspieler und Autor Jerry Seinfeld oder dem Rennfahrer Jimmy Johnson gebucht wird, muss sie zuweilen seitenlange Verträge unterzeichnen, die sicherstellen sollen, dass die Fotografin ihre Bilder nicht weiterverkauft oder Internes vom Fest ausplaudert. 

Die gesellschaftliche Welt, in der sich Skarratt leichtfüßig bewegt, kennen Normalsterbliche nur aus Klatschmagazinen. „Meine Bräute erfüllen sich mit ihrer Hochzeit nicht den Traum, einmal im Leben Prinzessin zu spielen – ihr komplettes Leben sieht so aus wie dieser eine Tag“, sagt die Fotografin. Die Hochzeit ist für sie einfach nur ein weiterer Event in einer nicht enden wollenden Sequenz von Bällen, Empfängen und Partys. Doch da es sich um die eigene Vermählung handelt, so die Fotografin, müsse alles „noch größer und noch besser“ als bei den anderen sein. 

Eine Braut habe ihrem Hochzeitsplaner einen Blankoscheck ausgehändigt und ihm freie Hand gelassen, erzählt Hochzeitsprofi Skarratt. „Sie wollte sich von ihrem eigenen Fest überraschen lassen.“ Der Coup gelang: Erst als die Braut mit ihrer 50-köpfigen Gesellschaft ins Flugzeug stieg, erfuhr sie, dass die Reise nach Mexiko ging. 

Die Braut sei bei der Hochzeit der Star eines aufwendig produzierten Spektakels, sagt Skarratt: „Es handelt sich um eine perfekte Inszenierung, bei der kein Fehler unterlaufen darf.“ Solche Hochzeiten seien „alles andere als intime Feiern“. Vielmehr gehe es darum, sich den Freunden der Familie und Geschäftspartnern vorteilhaft zu präsentieren. 

Ihre Arbeit führte Skarratt an die schönsten Orte der Welt – und durch die emotionalen Höhen und Tiefen der Brautleute. Sie wurde im Privatjet zu einer Trauung geflogen. Sie erlebte Brautmütter, die skrupellos versuchten, ihre Töchter zu übertrumpfen. Sie sah einen zukünftigen Ehemann am Altar in Ohnmacht fallen. Sie fotografierte eine arme russische Immigrantentochter, die einen Multimillionär heiratete – oder auch Trauzeugen, die sich die Ärmel vom Hemd rissen, um ihr Muskelspiel vorzuführen. Verblüfft lauschte sie einmal einem Rabbi, der den Bräutigam am Altar wortgewaltig und streng aufforderte, seine ehelichen Pflichten im Bett mit Hingabe zu erfüllen. 

Von den vielen Trauungen, die sie fotografierte, endeten immerhin die wenigsten bislang mit einer Scheidung. Die Hochzeitsfotografin selbst lebte jahrelang mit ihrem Lebensgefährten zusammen. Unverheiratet. „Mir geht es nicht um den sozialen Stand, den die Ehe mit sich bringt“, so Skarratt romantisch, „sondern allein um die Liebe zwischen zwei Menschen.“ 

Claudia Bodin 

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