Archiv: Bling!

Die neuen Reichen und ihr Stil 

Nur mal zum Vergleich: Wie kauft sich unsereins ein Auto? Ein neues, vielleicht teures Auto. Nun, man geht in ein Autohaus, lässt sich den Wagen zeigen, macht die Türen auf und zu, „ah, dezenter Klang“, riecht das neue Leder „ah, Leder“, macht vielleicht ganz vorsichtig eine Probefahrt um den Block, „ah, wie der läuft“ und fragt, wie man den Wagen denn finanzieren und ob sich die Lieferzeit vielleicht auf sechs Monate verkürzen könnte. Ja, man werde sehen, sagen die Menschen vom Autohaus und man wird sehen. So. Und wie kauft sich ein Hip-Hop-Star ein Auto ? Er nimmt das Telefon, irgendwann nachts, und ruft in der Zentrale eines Konzerns, in diesem Fall Chrysler, an. Anrufbeantworter. Macht nichts. „Yo! What’s up? Hier Snoop Dogg und ich will meine Beine in diesem neuen 300C langlegen! Ruft meinen Neffen an, macht es klar! Wenn ihr wollt, dass dieses Auto aus euren Läden geblasen wird, dann gebt ihn mir! Hier spricht Snoop Dogg! Betet!“ 

So ist es passiert im Mai dieses Jahres. Die Menschen bei Chrysler werden sich überschlagen haben. Sie werden einen der neuen Chrysler 300C, 25 000 Dollar in der Grundversion mit breitem Kühlergrill und ein bisschen Fifties-Form, dem Hip-Hop-Kaiser vor die Tür gestellt haben. Snoop, von dem erzählt wird, dass er zwar die Uhr nicht lesen kann, aber oft eine Platin-Rolex am einen Handgelenk und eine Gold-Rolex am anderen trage, damit er sich merken könne, wo links und rechts ist, Snoop also, hat zu Hause einen Haufen Autos, darunter auch einen Bentley, stehen; so ein Chrysler 300C wäre also so etwas wie ein Smart für ihn. Aber er hat auf einem Foto im Hip-Hop-Automagazin „DUB“ gesehen, dass der Basketballspieler Carmelo Anthony einen billigeren Dodge Magnum hat. Also wollte Snoop den 300C. Irgendwer auf seinem parkgroßen Anwesen wird die Kiste schon mal herumfahren. Und wenn sie cool ist, wird Snoop in einem seiner nächsten Rap-Songs vielleicht „I put my ass in a 300C and pour som Dom on your ...sy“ oder so singen. Das wird wieder einer jener Tage, an dem sie bei Chrysler und bei Dom Perignon verlegen lächeln werden, denn ein derartiger Song mag die lauteste Werbung sein. Aber ist sie auch die beste? 

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Egal, Kopfschmerzen bekommt da nur das Marketing-hirn, das ungünstige Zielgruppenverschiebung fürchtet, schließlich ist Dom Perignon nicht als Ghettosprudel gedacht, aber das interessiert die Millionen Dollar schwere Hip-Hop- und Rap-Gesellschaft keinen Cent. Sie haben nicht nur Geld, viel viel Geld, das raus muss, bevor es schimmelt, sondern auch Macht. Aus dem ehemaligen Musikstil, im Ghetto auf der Straße Platten zu scratchen und dazu böse Sachen im Rap-Rhythmus zu erzählen, ist heute eine dominante Kultur- und Konsumindustrie geworden. In der Musik, in der Mode, im Design, im Autobau und selbst in Hollywood geht heute nichts mehr ohne Anleihen vom Hip-Hop auf den Markt. Hip-Hop ist weltweit die erfolgreichste Kategorie der Popmusik, oft stehen in den USA-Topten-Charts ausschließlich Hip-Hop-Titel. Hinzu kommt eine clevere und gewaltige Vermarktung von Schuhen, Kleidung und Schmuck. In Amerika ist schon jede vierte Kaufentscheidung von der Ghetto-Kultur beeinflusst. 45 Millionen Kunden haben Marktforscher allein in den USA geortet, davon 80 Prozent Weiße; insgesamt warten 900 Milliarden Dollar ausgebebereit in ihren Taschen. 

Unter den Hip-Hoppern hat sich eine neue, sehr mächtige „Elite“ formiert. Die neue Kaste der phänomenal Reichen, der schwarzen Bourgeoisie, lebt wie die Paul Allens, Sumner Redstones und Warren Buffetts dieser Welt – allein, sie haben mehr Spaß dabei. Der Hip-Hop-Hohepriester P. Diddy beispielsweise, ehemals Puff Daddy, eigentlich alsSean John geboren, herrscht über ein Imperium mit einem Umsatz von über 300 Millionen jährlich und schaufelt mit seiner Bekleidungslinie „Sean John“ und dem sensationellen Prädikat „Menswear Designer of the year 2004“ nochmal Millionen dazu. Acht Millionen Dollar nimmt er überdies aus seinen Restaurants „Justin’s“ ein; weltweit berät er zudem 500 Firmen, darunter Nike und Pepsi im Marketing. Russell Simmons, genannt „Rush“, Gründer des Rap-Labels „Def Jam“, Besitzer der Jeans-Firma „Phat Farm“ – Markenzeichen: Einschusslöcher in den Hosenbeinen – und Freund von Tommy Hilfiger, wird als erster Milliardär der neuen Branche taxiert. In New Jersey stellte er sich den größten Immobilienbesitz des amerikanischen Nordostens in die Landschaft. Andere wie der mehrfache Millionär Jay-Z, der mit dem Bekleidungslabel „Rocawear“ 250 Millionen Dollar im Jahr umsetzt, gehören zum Fußvolk der neuen Wirtschaftsmacht. 

Zu den vollen Tresoren kommt die wahre Macht des Einflusses auf eine Weltkultur. Teenager im fernen Europa wissen vielleicht nicht, wie die Hauptstadt von Australien heißt, sie wissen aber genau, an welcher Straßenecke in der Bronx oder in Harlem Snoop und Ice T. aufgewachsen sind. Lehrer in Berlin oder Paris verzweifeln, weil die Kids fehlerfrei in Rap-Amerikanisch rezitieren können, aber keine Ahnung haben, wer William Shakespeare war. Hip-Hop regiert in den Köpfen. 

Doch die Rap-Größen sind nicht nur reich, sie zeigen und leben den Super-Reichtum auch so ostentativ wie keine andere Upperclass der Welt. Man versteht ihr Fremdeln mit den Regeln des dezenten Kapitalismus, wenn man ihre Ghetto-Herkunft kennt. Wer wie P. Diddy mit zwei Jahren die Ermordung seines Vaters bei einem Drogendeal erleben und später jahrelang mit fünf Dollar in der Woche auskommen musste, der misstraut der kapitalistischen Hausordnung. Konto bei der Bank? Aktienfonds? Altersvorsorge? Yo man, die Bank wird sowieso überfallen, Aktien sind etwas für weiße Schlappschwänze und warum fürs Alter vorsorgen, wenn man morgen auf der Straße erschossen werden kann? Die einzigen ehrenwerten Männer in Harlem oder in der Bronx waren für sie die Pimps, die Zuhälter, die schützten ihre Mädchen und die trugen ihr Geld am Leib, dort, wo es hingehört, man! Das ist nun mit ein paar tausend Dollar überschaubar, das sind ein paar Ringe und Ketten und Rolex mit Brillanten. Aber wie macht man das mit ein paar Millionen Dollar? Da wird es schon Arbeit: Man kauft sich Ketten aus Platin mit Gliedern so dick wie Gardinenringe und unten hängen dann zwei untertassengroße Buchstaben, die Initialien „S“ und „D“ für Snoop Dogg zum Beispiel und die sind verziert mit Diamanten und kleinen Rosetten aus Saphiren. 

Wenn man sich bewegt, also in seinen Bentley steigt, machen die Buchstaben „Bling“ und nochmal „Bling“ wenn sie gegeneinander hauen, ein sehr helles, reines „Bling“, so wie eben nur Platin „blingt“, kennt man doch. 

Nun ist der Hip-Hopper ja Hüter eines überschaubaren Wortschatzes und kein Freund langer Sätze und deshalb kam ihm dies „Bling“ ganz passend – muss nun nicht mehr „wo ist meine Platinkette und wo ist meine Gold-Rolex, die mit den Weltzeituhren, und wo sind meine Ringe und wo verdammt sind die Zahnspangen aus Gold, weißt schon, die mit den Totenköpfen aus Rubinsplittern und wo ist mein puderweißer Chinchilla-Mantel und…“ Muss er nicht mehr sagen, jetzt reicht ein „Wo ist mein Bling-Bling?“ und gemeint sind die Koffer voller Platin- und Diamantschmuck, solche, wie sie neulich dem New Yorker Büro von P. Diddys Plattenfirma gestohlen wurden. „Bling“ sagt alles und einfach: Ich bin bade im Geld. 

„Bling-Bling“ wurde jetzt ins Oxford Dictionary aufgenommen, als Begriff für „Diamanten, Schmuck und alle Formen von Show-Stil“. Natürlich hat sich gleich wieder einer der Hip-Hopper gemeldet, sinnigerweise war es der Sänger B.G. (für „Baby Gangsta“) von der Rap-Gruppe „Cash Money Millionaires“. Er lancierte in den späten Neunzigerjahren einen Song namens „Bling-Bling“ und ärgert sich nun, den Titel nicht urheberrechtlich geschützt zu haben: „Dann hätte ich nie mehr arbeiten müssen“, so der Rapper. Und weil „Bling“ jetzt so ein gefragtes Wort ist, heißt der jüngste Roman der New Yorker Szenenbeobachterin Erica Kennedy über die Dollar-tapezierte Hip-Hop-Welt natürlich „Bling“. Es ist ein fulminant unterhaltsames Buch über dicke Rapper mit dicken Ketten und dicken Dollar-Bündeln, die sich dünne Mädchen mit dicken Busen halten wie andere Menschen Haustiere und manche von ihnen singen lassen, um noch ein paar Millionen Dollar zu verdienen, die dann die dünnen Mädchen bei Gucci, Prada, Versace mit der natürlich schwarzen Amex-Karte an einem Nachmittag wieder ausgeben – ein lustiges Buch über die Psychopathologie der Verschwendung. 

„Bling“ ist der coole Code für die Moguln des Moments, so cool, dass auch einer wie Donald Trump nicht außen vor bleiben möchte. Er ließ sich jüngst für den Titel des amerikanischen „Esquire“ ablichten. Als „King of Bling“, behängt mit einem Dutzend Brilli-glitzernder Halsketten, die „Trump“-Anhänger so fett wie die Ziegelsteine, mit denen sein Papa noch bescheidene Siedlungshäuschen in Brooklyn baute. 

Der „Blinger“, wenn wir ihn so nennen, ist der beinahe wütende Antipode der Zurückhaltung und Wiederverwendung, er ist der Pornograf des Geldes. „Blinger“ bestehen darauf, nagelneue Nike-Sneakers nur einmal zu tragen, dann weg damit; sie hängen an alles, was Schlaufen oder Schnüre hat, einen dicken Klunker – an die Schuhbänder, an die Schlüsselanhänger, an die Schlaufen ihrer Handys. Sie kaufen bei „Jacob the Jeweler“, einem russischen Juden im New Yorker Diamatenviertel, oder bei einem Juwelier mit dem Namen „Ice Man“ in New Orleans, nur die besten Steine, nur Einzelanfertigungen. Sie haben eine Kollektion goldener und platiner Gebissverkleidungen, schön zu sehen auf www.mrbling.com, sie haben wagenradgroße Hüte aus echtem Pelz, Mäntel für die ganze Chinchilla-Zuchten sterben mussten, und Einmal-Taschentücher aus Seide. Wenn sie Autos kaufen, dann nicht irgendwelche. Wyclef Jean, Gründer der „Fugees“, zahlte eine Million Dollar für einen importierten McLaren SLR, der auf amerikanischen Straßen gar nicht zugelassen ist; Missy Elliott musste dem Lamborghini Murcielago für 270 000 Dollar haben, und als Hip-Hop-Standard gilt sowieso der Aston Martin Vanquish für sparsame 230 000 Dollar. In der Grundversion, kaum vor der Tür, werden die Sitze mit Nerz überzogen, die Stoßstangen vergoldet und es wird gewettet, wie viele Sony-TV-Screens sich im Inneren montieren lassen und aus welchen edlen Tropenhölzern wohl der Sockel für die Satellitenantenne bestellt wird. In seinen Häusern hat der Bling-Set armdicke Türgriffe aus Gold, natürlich Pelze als Teppiche und gigantische schwarze Marmortische mit Aquarien im Tischfuß, randvoll mit tausenden von Dollar teuren Zierfischen aus Japan. 

Der „Blinger“ ist ein Markenjunkie allerhöchster Form. Wie ein Pawlow'scher Hund schnappt er nach allem, was ein Label hat. Manch einer mag sich angesichts menschenleerer Versace- oder Prada-Läden in Europa wundern, wie diese Unternehmen noch zu ihrem Umsatz kommen; solche Skeptiker waren eben noch nie dabei, wenn ein Hip-Hopper bei Bloomingdale's in New York einen Prada-Anzug probiert und den verblüfften Verkäufer anbellt „Yo man, ich will die ganze Stange da!“ Wie, die Stange, das sind 20 Anzüge? „Yo man, ich hab Freunde, die sollen nicht schlechter angezogen sein als ich.“ Der ursprüngliche Hip-Hop-Stil, bunt zusammengewürfelt aus zeltgroßen Jeans, Adidas-Jacken und Nike-Schuhen, ist mit seinen Erfindern in die Jahre gekommen. Der millionenschwere Rapper kauft heute bei Armani, Prada oder Brioni. „Die Generation ist älter geworden“, „sagt Wyclef Jean, „wenn du erwachsen wirst, magst du den Trainingsanzug noch im Studio, aber wenn du mit einem Mädchen ausgehst, willst du einen sauberen Anzug.“ Der „Blinger“ ist nie allein, wie im Ghetto zieht er einen Schweif von Freunden oder ein Fischnetz voll Mädchen hinter sich her, Edelgroupies, die in keinem Hip-Hop-Video fehlen. Wenn der „Blinger“ feiert, dann in Krönungsgröße. So wird grundsätzlich Roederer Cristal bestellt, mindestens 300 Dollar die Flasche. „Blinger“ sind streng preisorientiert: Hoch muss er in jedem Fall sein. Die dritte oder vierte Flasche, Ehrensache, wird nicht getrunken, sondern gut geschüttelt „verduscht“, so wie auf P. Diddys Partys an Bord der Luxusyacht Southern Cross, die PD im Sommer mit Vorliebe vor St. Tropez parkt. Oder wenn er zu seinen „White Partys“ in die Hamptons lädt, ein gesellschaftliches Ritual, das die einst legendären Feten des „Playboy“-Gründers Hugh Hefner abgelöst hat. Wenn P. Diddy, mit einer 70 000-Dollar-Rolex am Arm, Hof hält, fliegt selbst der Geldadel der Westküste ein und Hollywood und Donald Trump sowieso. 

Nüchtern betrachtet verkörpern die neuen Reichen aus den Ghettos zweierlei: Oberflächlich mögen sie wie Paradiesvögel der Konsumgesellschaft erscheinen, in Wirklichkeit sind sie aber eher deren subversiv tätige Totengräber. Das Label-Stakkato der Hip-Hop-Songs, das täglich Millionen weiße und schwarze Teenager beschallt, die vulgären Reime auf „Gucci, Prada, Maybach, Cartier, Cristal, Seagram, Burberry“ mögen wie Gratiswerbung aussehen. Sie sind aber vor allem eines: Labelentwertung. Auf der Web-Site www.agendainc.com/brand.html kann man nachlesen, welche Marke wie oft in Hip-Hop-Texten vorkommt – zurzeit führt Hennessy, dicht gefolgt von Cadillac. So etwas kann die Marketingstrategen nur bedingt freuen, sehen sie Hennessy-Cognac doch lieber auf den feinen Rauchglastischen der weißen Upperclass in der Fifth Avenue als in den Pappbechern goldbehangener Rapper. Auch der Cadillac gehört nach ihrem Verständnis besser in die gediegenen Vororte Washingtons als (mit vergoldeten Stoßstangen) auf die Straßen der Bronx. „Bling“-Style ist systematische Piraterie am Exklusiven. Hat ein handpolierter Rolls-Royce in der Garage eines englischen Edelmannes noch Majestätisches, wenn ein vorbestrafter Rapper gleich drei davon hat? Wie spottet doch der amerikanische schwarze Komiker Chris Rock: „Wenn einer von uns einen neuen Rolls kauft, kann er es kaum erwarten, hupend an der Bushaltestelle vorbeizufahren.“ 

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