Archiv: Bloß kein Stress

Großmeister Soshitsu über Chado, den Weg des Tees, und Thomas Mann. 

Zabosai Sen Soshitsu , 49, Spross einer der angesehensten japanischen Familien und Großmeister der Teezeremonie, ist Oberhaupt der Urasenke-Teeschule mit mehr als zwei Millionen Mitgliedern und damit einer kulturellen Institution, die zu einem „wichtigen Kulturgut Japans“ erklärt wurde. Nach Universitäts- und Zen-Studien trat er die Nachfolge von Hounsai Soshitsu an. Er ist mit einer kaiserlichen Prinzessin verheiratet. Zu seinen Gästen zählen neben der kaiserlichen Familie Japans Premierminister sowie die Erben der großen japanischen Finanzdynastien. 

Worin sehen Sie Ihre Berufung als Tee-Großmeister? 

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Ich vermittle das Erbe von Sen no Rikyu. Das betrifft nicht nur die spirituellen Aspekte, sondern auch die technischen. Diese Tradition existiert über 400 Jahre ohne große Veränderungen, weil alle Lehren und Erfahrungen seit Generation detailgetreu weitergegeben wurden. 

Verstehen Sie sich als ein Hohepriester des Tees? 

Nein, eher als ein Lexikon, das alles weiß über Chado, den Weg des Tee. Es ist Aufgabe und Pflicht eines Teemeisters, stets alles vollständig zu lernen. Ich bin wie Gras, das Sonnenlicht tankt. Ich absorbiere alles. 

Wie findet man Chado, den Teeweg? 

Tee ist etwas Besonderes. Dafür gibt es keine einfache Antwort. Es ist kein geschäftliches Unternehmen, kein Produkt, sondern das Ergebnis einer Wechselwirkung zwischen Gastgeber und Gast in dem Sinne: Wenn du etwas gibst, wirst du auch etwas bekommen. 

Haben Sie auch ein Leben ohne Tee? 

Natürlich. Ich trage oft ganz normale westliche Kleidung, spiele Gitarre und Golf, trinke auch mal Alkohol. Ich reise gern, ich liebe Deutschland und Thomas Mann. 

Müssen Sie alles genauso machen wie Ihre Vorgänger? 

Der grundlegende Geist einer Tee-Zusammenkunft hat sich nicht geändert und auch die Handgriffe sind dieselben. Die Großmeister jeder Generation bereiten Tee in dieser Weise zu und treffen damit die Erwartungshaltung der Menschen. 

Kein Raum für die Moderne? 

Bei aller Tradition gibt es immer Innovationen. Unsere elfte Generation hat Mitte des 19. Jahrhunderts generell den Tisch eingeführt. Das war zu der Zeit, als sich Japan dem Westen öffnete. Die zwölfte Generation schrieb erstmals alle Lehren in Bücher nieder. Mein Vater, also die 15. Generation, ging ins Ausland und lehrte dort erstmals den Weg des Tees. 

Was werden Sie einführen? 

Ich habe keinen Stress, unbedingt etwas anders machen zu müssen. Ich lasse das auf mich zukommen. Derzeit denke ich an eine neue Prozedur an einem kleineren Tisch, der auch in schmale Apartments passt. Immer mehr Japaner haben aus Platzgründen kein Teehaus oder einen speziellen Raum dafür, wollen aber trotzdem Tee zubereiten und zelebrieren. 

Als Teemeister gestalten Sie Räume und Gärten, unterhalten die Gäste. Fühlen Sie sich auch als Philosoph und Designer? 

Das sind keine separaten Dimensionen. Tee kann man nicht in verschiedene Disziplinen unterteilen. Ich bin kein Künstler, kein Philosoph und auch kein Designer. Ich studiere Tee, ich bin ein Mann des Tee, eine Tee-person gewissermaßen. 

Was ist wichtiger – der Tee oder die Philosophie? 

Beides. Die spirituellen und die technischen Seiten müssen erlernt werden. Tee und Zen haben eine enge Beziehung. Tee ist Zen. 

Also doch eine religiöse Sache? 

Es ist eine separate Welt, ein spezieller Ort, wo wir Harmonie und Frieden suchen und uns dabei selbst finden. 

Sind Sie bei allem Harmoniestreben auch mal richtig sauer? 

Natürlich. Alle Emotionen gehören zum Teeweg. Wichtig ist es, sowohl im Überschwang des Glücks wie auch im tiefen Ärger einen Mittelweg zu finden, Kontrolle über die Gefühle zu erlangen. Durch den Tee verringern sich die Ausschläge des Gefühlspendels. 

Wen laden Sie ein? 

Neben professionellen Teelehrern sind Politiker und Geschäftsleute meine Gäste, die diese Atmosphäre genießen. Menschen, denen die japanische Kultur wichtig ist. Niemanden, der auf andere herabblickt. 

Worüber sprechen Sie, wenn Premierminister Koizumi Sie besucht? 

Über die Utensilien der Teezusammenkunft, über die Schriftrolle, die ich ausgewählt habe, über die Natur und die Jahreszeiten. 

Schätzen auch knallharte Geschäfts-leute den Teeweg? 

Unbedingt. Ich kenne viele berühmte Persönlichkeiten, die im IT-Business sind. Sie bauen sich eigene Teehäuser und bitten mich, denen einen Namen zu geben und Zusammenkünfte abzuhalten. Erst unlängst habe ich für einen Firmenchef eine Tee-Etage eingeweiht, die er in seinem Tokioter Hauptquartier einrichten ließ. 

Trinken Sie auch mal Kaffee? 

Selten, aber Bier trinke ich sehr gern. 

Angela Köhler 

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