Archiv: Blühendes Leben

Gardening liegt im Trend – Von der Lust der späten Jahre zum Must der Avantgarde 

Wie geht es Ihrem Garten? Wenn Sie diese Frage in Schwierigkeiten bringt, sind Sie leider nicht gesellschaftsfähig. Mit dem Wetter mag schon lange niemand mehr langweilen, und Golf ist, seit fast alle spielen, zum Four-letter-word verkommen. Garten dagegen ist elitär. Wer hat schon einen Garten, noch dazu in der Großstadt? 

Sie auch nicht? Macht nichts. Legen Sie sich ein paar Prachtbände über die Kunst der Gartengestaltung, über Mogul- und Kaisergärten, über die besten Landschaftsarchitekten und die neuesten grünen Trends auf den Coffee-table. Und blättern Sie gelegentlich etwas darin. 

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Mehr Garten muss gesellschaftlich nicht sein. Als Aufklärer Voltaire in „Candide“ forderte „Il faut cultiver son jardin“ meinte er auch nicht ein konkretes Stück Erde, sondern das weite Land unserer Imagination. Deswegen kann auch der Nichtgartenbesitzer mitreden beim Thema Garten. Nicht botanische Kenntnisse sind gefragt, geschweige denn gärtnerisches Wissen über fachgerechtes Kompostieren, Okkulieren und Vertikulieren. Selbst wer das Glück hat, über Balkon oder Dachterrasse, Vor- oder Hintergarten zu verfügen, muss sich nicht notgedrungen die Hände schmutzig machen. 

„Die Rosenkugel hat den Gartenzwerg abgelöst“, kommentiert Jürgen Wolff, seit zehn Jahren Chefredakteur von „Mein schöner Garten“, mit einer Auflage von 463 000 Exemplaren (1. Quartal 2004) und weiterhin steigender Tendenz Deutschlands größte Gartenzeitschrift. Radikal verjüngt hat sich seine Leserschaft zwar nicht – „Schließlich gehört zu jedem Garten ein Haus, wer schafft das schon vor Mitte 30?“ –, aber die Erwartungen haben sich deutlich verändert: „Früher galt nur die Praxis, heute sind zunehmend Ideen gefragt.“ Und zwar nicht allein zur Anlage des Gartens, sondern vor allem zu seiner dekorativen Ausstattung: „Das grüne Wohnzimmer wird richtig eingerichtet.“ 

Steffen Haselbach, Programmleiter Haus und Garten beim Verlag Gräfe und Unzer (GU), kann das bestätigen: „Das hängt mit dem Re-Cocooning zusammen. Vor allem bei jungen Familien gilt der Garten als zusätzliches Zimmer. Dort wollen sie Spaß haben und Partys feiern.“ Haselbachs erfolgreichste Hardcover-Buchreihe heißt denn auch: „Gartenspaß für Einsteiger“. Mit dem GU-Titel „Basic Gardening“ hatte er schon vor über drei Jahren als Erster auf den neuen Trend reagiert. Die größere Ernte hat allerdings kurz danach der BLV-Verlag mit dem Bestseller „Lazy – So leicht kann Gärtnern sein“ eingefahren, der mehr als 100 000 Abnehmer fand und sich bereits zur Reihe ausgeweitet hat. 

Wer zu früh sät, den bestraft der Leser. Richtig aufgeblüht ist das Interesse am privaten Paradies erst, seit nicht mehr vom Gärtnern oder gar Garteln die Rede ist, sondern vom Gardening. Der Ausdruck kommt, wie der ganze Trend, aus England. Dort galt Gardening seit jeher als ehrenwerte Beschäftigung. Eine einleuchtende Erklärung dafür hat Jenny Uglow, Autorin der gerade erschienenen „Little History of British Gardening“: „Sozialer Status“, so schreibt sie, „hing stets mit dem Landbesitz zusammen.“ 

Ein Garten beansprucht knappes Land und Zeit, auch das eine begrenzte Ressource. Das macht ihn zum Luxusgut. „Der Garten ist das Gegengewicht zur digitalen Welt – langsam, duftend und archaisch“, sagt Peter Wippermann vom Trendbüro Hamburg. Seit die angesehene englische „Times“ titelte: „Gardening is the new sex“ will jeder mitgraben – Sting, Elton John und Mick Jagger ebenso wie Prinz Charles, der ökologische Vorgärtner seines Landes. 

Es dauerte nicht lange, bis die Gardening-Welle auf den Kontinent überschwappte. Seither tragen die einschlägigen Bücher englische Titel, was dem Thema zusätzlich Sex-Appeal verleiht. Der neue Gartenfreund ist Kosmopolit. Möglichst in ganz Europa, mindestens aber im Mutterland der grünen Obsession hat er sich in den berühmtesten Anlagen umgeschaut; er kennt Sissinghurst Gardens von Vita Sackville-West, die Rothschild-Gärten, Highgrove von Prinz Charles und natürlich das einst von der Garteneminenz Edwin Lutyens entworfene Great Dixter, das seit 50 Jahren von Christopher Lloyd, dem Doyen der britischen Gartenliteratur, auf Trend getrimmt wird. 

Christo, wie seine Freunde ihn nennen, hat die klassischen Rosen respektlos durch Exoten in leuchtenden Farben ersetzt. Ein Sakrileg, denn bis dato galt es als selbstverständlich, dass Pflanzen sich Umgebung und Klima unauffällig anpassen müssen. Lloyd initiierte die Bewegung der „New Exoticists“, die mit Yucca und Canna, Bananen, Baumfarnen und Palmen noch in jedem Hinterhof einen Dschungel entstehen lassen. Er machte aber auch so gering geschätzte Blumen wie Dahlien, Fackellilien oder Begonien wieder populär, ganz einfach, indem er die Farben so kombinierte, wie es sich nicht gehört – nämlich die knalligsten Rot- und Orangetöne nebeneinander. 

Dass die Dahlie, bis vor kurzem noch als Königin der Kleingärtner belächelt, das Potenzial zum Couture-Star hat, wusste Loulou de la Falaise schon immer. Die Muse des Modegenies Yves Saint Laurent, die sich als Designerin selbstständig gemacht hat, liebt besonders Kaktus-Dahlien in Sonnengelb, Blutrot oder Fast-Schwarz, die sie unbekümmert mit Kosmeen und Rittersporn mixt. „Wild soll mein Garten wirken“, sagt sie, „als hätten die Blumen zufällig zusammengefunden.“ 

Da ist sie ihrem Meister Yves Saint Laurent ebenbürtig, der sich ebenfalls als großer Gartengestalter profiliert hat. Vor allem im Mai und Juni, wenn er neue Kollektionen entwerfen musste, zog sich Yves Saint Laurent ins Château Gabrielle in der Normandie zurück, wo violette Schwertlilien und blaue Hortensien blühten und ihm die Angst davor nahmen, „die Erwartungen nicht erfüllen oder, schlimmer noch, überhaupt nicht mehr kreativ sein zu können“. 

Saint Laurents langjähriger Lebens- und lebenslanger Geschäftspartner Pierre Bergé weiß, dass nur Gärten seinen Schützling vor dem Nervenzusammenbruch bewahren können. So erwarb er mit YSL einen der berühmtesten Gärten der Welt: La Majorelle in Marokko. In den Zwanzigerjahren von dem französischen Maler Jacques Majorelle in Marrakesch mit tausenden von Pflanzen, viele davon rare Exoten, angelegt, wurde der Garten zu einem wahren Meisterwerk, das Majorelles Malkunst bald überschattete. Das Kobaltblau, mit dem er die Außenwände seines Ateliers und Wasserbecken, Pergolen und Stufen im Garten anmalte, wurde berühmter als die Farben seiner Palette. Der Maler geriet in Vergessenheit, aber sein Majorelleblau hat einen festen Platz in der Kunstgeschichte, so wie sein Garten dank der Restaurierungsarbeit von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé als ein Meisterwerk der Gartenkunst weiter besteht. 

Fast alle Modeschöpfer, von Hubert de Givenchy über Oscar de la Renta und Valentino bis zu Karl Lagerfeld und Jil Sander, suchen Zuflucht bei Rosen und Rabatten, sobald der Kreativdruck zunimmt – Mutter Natur als nährende Ideengeberin. Davon weiß auch Professor Coordt von Mannstein ein Loblied zu singen. Wenn der Polit-Werbepabst auf der Suche nach Visionen ist, geht er in seinen 50 000 Quadratmeter großen Park. Dort sprechen die über 100 Jahre alten Bäume zu ihm: „Ihre Äste sind wie Antennen, die senden und empfangen.“ Das öffnet ihn für neue Ideen. 

Als die Künstlerin Yannick Vu ihre 18-jährige Tochter Maima bei einem Unfall verlor, vergrub sie sich in ihrem Garten auf Mallorca: Eigenhändig beackerte sie Tag für Tag ein großes steiniges Feld, bis es nach einem Jahr als Rosengarten in voller Blüte stand – erst dann konnte sie loslassen von ihrem Schmerz. 

Wie erquickend inspirierend oder heilend die Beschäftigung mit einem Garten ist, hat auch die britische Ärztin Sarah Raven erfahren. Ihr tat die Beschäftigung mit Blumen so gut, dass sie dafür ihren Beruf an den Nagel hängte und Floristin wurde. Ihr „Cutting Garden“ ist zu einem florierenden Unternehmen geworden, wo sie zahlende Interessierte in der „Kunst des Lebens“ unterrichtet, die laut Raven darin besteht „nichts im Leben zuzulassen, das nicht nützlich oder schön ist“. 

Seit Gardening in Mode gekommen ist, unterliegt es natürlich den Moden. Nicht zu wissen, dass Kies schicker (wenn auch nicht billiger) als Gras ist, große Gräser andererseits als hip gelten – das kann das Gelingen eines Gartens ebenso gefährden wie Dickmaulrüssler und Blattlaus. Wichtiger als das Wie ist das Was. 

Unter den Cognoscenti haben die Praktiker das führende englische Journal „Gardens Illustrated“ abonniert, die Träumer das in Paris verlegte englischsprachige „bloom“ der Trendforscherin Li Edelkoort, die die Zeichen der Zeit voraussah, als sie 1998 ihr elitäres, 46 Euro teures Blütenmagazin startete. So ein Magazin kann den Blumenstrauß ersetzen, wenn nicht gar den ganzen Garten. 

Schließlich kommt es bei der Gartenkunst ja nicht unbedingt darauf an, ein Stück Land sein Eigen zu nennen. Vielmehr sollten wir unser Auge für die Schönheit der Natur trainieren und den inneren Garten unserer ursprünglichen Gefühle kultivieren. Dann werden wir früher oder später auch erfahren, was die alten Chinesen schon immer wussten: „Das Leben beginnt erst wirklich an dem Tag, an dem du einen Garten anlegst.“ 

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