brasilien Schroffe Kulisse

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Traumhafte Strände, kleiner als Amrum, elitär wie Sylt: Auf der Vulkaninsel Fernando de Noronha tummelt sich Brasiliens Jeunesse dorée. 

An Feiertagen stauen sich die Privatjets vor dem winzigen Flughafengebäude. Die Jeunesse Dorée aus dem reichen Süden Brasiliens ist auf Fernando de Noronha eingetroffen. Selbst im Linienflugzeug aus São Paulo fallen die vielen schönen und jungen Menschen auf – neben den üblichen Surfern, Tauchern, Seglern und den paar Einheimischen. Die meisten waren schon ein paar Mal hier und haben versucht, einen Fensterplatz zu bekommen. Auf der linken Seite. Denn der Kapitän dreht vor der Landung gewöhnlich eine Linkskurve um die Vulkaninsel, die nach einer Stunde Flug plötzlich vor Brasiliens Küste schäumend im Atlantik auftaucht. Ein schroffes Archipel aus rund 20 Inseln mit einem hoch aufragenden Felsfinger, umgeben von malerischen Sandbuchten in türkisblauem und smaragdgrünem Wasser. Eine Mischung aus Falklandinseln, Rios Zuckerhut und Karibik – mit der gesellschaftlichen Dimension Sylts. 

Erst seit Kurzem ist das Naturschutzgebiet Fernando de Noronha das beliebte Ziel der Reichen und Schönen Brasiliens. Nachdem einige Schauspieler des trendsetzenden Fernsehsenders Globo hier ihre Ferien verbracht hatten, ist es chic geworden für neue Paare unter den Fernsehstars, sich auf dem Eiland den Paparazzi zu stellen. Aber auch die Unternehmerclans aus São Paulo und Rio de Janeiro fliegen am Wochenende gerne mit ihren Gulfstreams ein. 

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Die Traumstrände mit den bewachsenen Klippen bilden eine aufregende Kulisse für den Szenetreff. Brasilien hat 8000 Kilometer Küste mit 2000 Stränden, von denen rund ein Dutzend zu den schönsten weltweit zählen. Doch Fernando de Noronha schlägt sie alle. Nirgendwo sonst in Südamerika finden Besucher diese Kombination von kristallklarem Wasser, menschenleeren Sandbuchten, unberührter Natur, das ganze Jahr Sonne und um die 27 Grad warm – auch das Wasser, schließlich liegt die Insel knapp unterm Äquator. 

Rund 400 Kilometer ist Fernando de Noronha vom brasilianischen Festland entfernt. Die winzige Spitze eines Berges mitten im Ozean: 4000 Meter tief ist das Meerum das Vulkanarchipel herum. Die bewohnte Hauptinsel ist kleiner als Amrum. Flora und Fauna sind hier vom Menschen noch ungestört wie selten im Atlantik: Selbst ungeübte Taucher können hier neben Meeresschildkröten paddeln, über Manta-Rochen schweben und Haie beim Dösen beobachten. Für Taucher gibt es zwischen den Inseln einige der besten Tauchziele Südamerikas in kaum mehr als 30 Meter Tiefe. In den Buchten, wo die hohen Kliffe Windschatten spenden, können Bootsfahrer an guten Tagen 40 Meter tief sehen. 

Selbst erfahrene Taucher sind überrascht über die Vielfalt auf kleinstem Raum. In der Atalaia-Bucht trennt ein Korallenriff bei Ebbe ein Becken vom Meer ab. Im hüfthohen Wasser geht es dann zu wie in einem überfüllten Aquarium. In einer anderen Bucht tauchen jeden Morgen bis zu 700 Delfine auf, Tümmler, die sich hier denTag über mit ihrem Nachwuchs vergnügen. Fernando de Noronha gilt als größter Delfinkindergarten weltweit. Gegen Nachmittag machen sich die Delfinfamilien inGruppen von einem Dutzend bis zu hunderten zur Nahrungssuche auf ins offene Meer. Von Booten aus kann man die geselligen Meeressäuger aus nächster Nähe ein Stück begleiten. Mit ihnen zu tauchen ist seit Kurzem jedoch verboten. 

Die Vielfalt der Meeresfauna ist ein Ergebnis ihrer Abgeschiedenheit. Zwar war hier schon der Amerika-Entdecker Amerigo Vespucci 1503 an Land gegangen – und länger geblieben als geplant, weil das Führungsschiff seiner Expedition havarierte. Doch der Entdecker wie auch die folgenden kolonialen Eroberer nutzten die Insel nur als Zwischenstation auf dem Weg zur neuen Welt. Portugiesen, Briten, Holländer und Franzosen besetzten das Archipel immer nur kurzzeitig. Sir Francis Drake, der Seeräuber im Auftrag der Queen, versorgte sich hier mit Holz und Wasser. Der Evolutionstheoretiker Charles Darwin beschrieb 1832 das seltsame Lavagestein. 

Die brasilianische Republik sorgte dann für eine erste Besiedelung der bis dahin menschenlosen Insel: Anfang des 20. Jahrhunderts verbannte sie Schwerverbrecher, Zigeuner und Capoeirista, von Sklaven abstammende Straßenkämpfer, nach Fernando de Noronha. Von 1930 an wurden auch politische Gefangene hierhin verlegt. 

Der Zeppelin macht hier auf dem Weg nach Südamerika Pause, später die Propellerflugzeuge der Air France und Lufthansa. Im Zweiten Weltkrieg bauten die USA die Insel als Stützpunkt aus, um von hier aus Jagd auf U-Boote Nazi-Deutschlands zu machen. Auf der damals für die Jagdflugzeuge betonierten Piste landen die Jets bis heute. Auch die Kasernen aus Wellblech und das düsenbetriebene Kraftwerk aus jener Zeit sind weiter in Betrieb. Bis Anfang der a Neunzigerjahre lebten auf der Insel außer ein paar Nachkommen der Gefangenen, Fischern und hier stationierten brasilianischen Militärs rund 1500 Menschen. 

Viel mehr sind es auch heute nicht, die ständig hier wohnen: Seit die Insel 1988 zum Naturschutzgebiet erklärt wurde, dürfen weder neue Siedler zuziehen noch Häuser gebaut werden. Auch die Zahl der Touristen wird niedrig gehalten mithilfe einer Kurtaxe, einer Tagesgebühr, die nach zehn Tagen Aufenthalt horrend ansteigt. Die Einnahmen aus der Gebühr werden zur Pflege der Insel eingesetzt. So ist Fernando de Noronha einer der wenigen Orte in Südamerika, wo kein Müll die Landschaft verschandelt. Selbst die Brasilianer, die in Rio de Janeiro oder São Paulo ungerührt ihre Cola-Dosen aus dem Autofenster werfen, entsorgen in Fernando de Noronha artig in die nach Abfallsorten getrennten Mülleimer. Auch sonst ist das Strandleben anders als auf dem Festland: Während Brasilianer sich sonst an Stränden zusammenfinden zum Fußballspielen, Flirten, Klönen oder Sambatrommeln – auf Fernando de Noronha betrachten sie andächtig den Sonnenuntergang und machen lange, einsame Strandspaziergänge. 

Dennoch verströmt die Insel den Charme Brasiliens, sie ist keine jener anonymen Enklaven, von denen es etliche in der Karibik gibt. Die Surfer warten wortkarg an der Praia da Conceisão und Boldró auf die richtige Kombination von Wind, Wellen und Gezeiten. Sie kommen zum Jahresende zu Beginn des brasilianischen Sommers, um sich in den dann haushohen Wellen auf die Weltmeisterschaftsetappe vorzubereiten, die hier jährlich stattfindet. Die Segler finden sich hier im September ein zur Regatta von Recife nach Fernando de Noronha und feiern den festen Boden unter den Füßen mit Haifischbällchen am Hafen. Die Filmstars und Reichen fahren von der Luxusherberge Pousada Maravilha, die ein Talkshowmoderator in die grüne Landschaft gesetzt hat, mit chromglänzenden Pick-ups zu den Stränden, während die weniger Begüterten in ausgeleierten Buggys über die Straßen gurken. Doch auch die beautiful people treten hier bescheidener auf als sonst. Irgendwann kennen sich alle, es entsteht ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, weil sich alle täglich begegnen. 

Das wichtigste Event, das alle eint und den Abend einleitet, ist der tägliche Vortrag bei der staatlichen Umweltbehörde. Die Plätze sind eine halbe Stunde vorher besetzt, an den Fenstern stehen Zuschauer, wenn die Umweltschützer über Haie, Schildkröten und entfernte Atolle referieren. 

Danach geht’s zur Pousada von ZéMaria, dem besten Gastgeber auf der Insel. Der Taucher und Gourmet präsentiert zweimal die Woche ein Buffet mit dem Besten der Insel und des brasilianischen Nordostens: Sushi neben Scampi im ganzen Kürbis gekocht, Seezunge mit Saucen aus Obstsorten, die auch die meisten Brasilianer nicht kennen, in der Sonne getrocknetes Fleisch im Maniokmantel. Spätestens beim Maracuja-Sorbet greift Zé Maria zum Mikrofon und stimmt den ersten Samba an – bei dem die Gäste wie in Brasilien üblich in den Refrain einstimmen. Ein Kellner nach dem anderen greift sich eine Trommel, und der Speiseraum verwandelt sich in eine Sambafete.Wer danach noch weiter feiern will, der geht zur Bar do Cachorro, der Bar zum Hund, in der kleinen Altstadt. Berühmt und Treffpunkt der Society sind die Partys bei Vollmond, auf der Terrasse, hoch über dem Strand. Einsame Strände, um sich am nächsten Tag zu regenerieren – an denen mangelt es nicht. 

Alexander Busch/Sao Paulo 

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