Bremsen lösen Heinrich v. Pierer über eine neue deutsche Innovationsoffensive

Archiv: Bremsen lösen Heinrich v. Pierer über eine neue deutsche Innovationsoffensive

Mehr als wir Deutsche selbst es uns zutrauen, rechnen viele Beobachter im Ausland mit einer Rückkehr unseres Landes zu Wachstum und Innovationsstärke: Manche sehen uns bereits auf gutem Weg, andere haben zumindest die Erwartung und Überzeugung. Und in der Tat hat Deutschland viele Spitzenergebnisse aus öffentlicher und privater Forschung sowie zahlreiche Unternehmen mit einer guten internationalen Technologieposition vorzuweisen. Hinzu kommt weltweit eine hohe Anerkennung für die Aufbauleistung der vergangenen 15 Jahre in den neuen Bundesländern. 

Ebenso klar ist aber auch, dass eine Rückkehr unseres Landes in die internationale Spitze nur mit mehr Wachstum gelingen kann und dass dazu neben weiterer Kostensenkung und Flexibilisierung im öffentlichen und im privaten Sektor vor allem eine Modernisierung des Bildungssektors und ein breiterer Innovationsstrom erforderlich sind. Um das zu erreichen, müssen alle Innovationsbremsen gelöst und restriktive Rahmenbedingungen überwunden werden – zum Beispiel für die Biotechnologie oder die grüne und rote Gentechnologie. 

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Vorbehalte und Hindernisse auf Seiten der Politik haben in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass ausländische Unternehmen Deutschland für Forschung und Produktion auf diesen Feldern so gut wie nicht mehr in Betracht zogen und sich sogar deutsche Unternehmen gezwungen sahen, ihre Forschung bevorzugt außerhalb ihres Heimatlandes zu betreiben. Der Schaden ist offenkundig: Deutsche Wissenschaftler wandern ins Ausland ab, der universitären Forschung auf diesem Sektor hier zu Lande fehlt der industrielle Hintergrund im nationalen Umfeld. Die Aufgabe lautet daher: den Anschluss an führende Standorte in der Welt wiederzugewinnen. 

Innovationsbremsen gilt es auch im Gesundheitssektor zu lösen. Hier bieten sich beachtliche Chancen. Diskutiert werden bisher fast immer nur die Kostenexplosion und der Reformbedarf der gesetzlichen Krankenversicherung. Dies greift jedoch viel zu kurz: In der Modernisierung von Prozessen im Krankenhaus und einer zeitgemäßen Gestaltung des Informationsflusses zwischen Krankenhäusern, Arztpraxen, Krankenversicherungen, Apotheken und Patienten stecken in Deutschland und der ganzen Welt enorme Produktivitäts- und Wachstumschancen. Informationstechnik ist dabei häufig der wichtigste Hebel. Die Lösungen heißen: elektronische Patientenakte, Gesundheitskarte, digitales Krankenhaus. Aber auch der Fortschritt medizinischer Technik, verbesserte Vorsorge und Frühdiagnose mit fortschrittlicher Gerätemedizin und verstärkter Einsatz minimalinvasiver Diagnose- und Behandlungsverfahren bringen Entlastung für die Patienten, reduzieren Behandlungskosten und Liegezeiten. Deutschland hätte hier beste Voraussetzungen für eine Trendsetter-Rolle und könnte gerade auf diesem Gebiet den Beweis dafür antreten, wie mit Innovationen Kosten zurückgeführt, Wachstum erzeugt und qualitativer Fortschritt erreicht und Arbeitsplätze geschaffen werden können. 

Ein drittes Feld, wo wir Innovationsbremsen in unserem Land lösen müssen, ist der Energiesektor, besonders die Elektrizitätswirtschaft. Wie im Gesundheitssektor geht es darum, einerseits Versorgungseffizienz zu gewährleisten, andererseits einem Industriesektor mit hoher internationaler Wettbewerbsfähigkeit und guten globalen Wachstumspotenzialen ein dynamisches nationales Umfeld zu bieten. Ein Umfeld mit innovativen Leitkunden und -projekten, einer leistungsfähigen öffentlichen Forschung komplementär zu den F&E-Aktivitäten der Industrie und mit einer hochwertigen Ausbildung an den technischen Universitäten. 

In den vergangenen Jahren hat die Energiepolitik in Deutschland es versäumt, ein tragfähiges, langfristiges Energiekonzept zu erstellen. Dies ist eine Gefahr nicht nur für den Energiesektor und die vorgelagerte Industrie selbst, sondern für die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes insgesamt. Wie hoch muss eigentlich der Ölpreis noch steigen, bis wir daraus energiepolitische Konsequenzen ziehen? Eine sichere und kostengünstige Elektrizitätsversorgung ist eine Grundvoraussetzung für Prosperität. Auch Umwelt- und Klimaschutz erfordern ein langfristiges Konzept. Hier liegt eine umfassende Aufgabe, bei der es keinen Aufschub mehr geben darf. 

Die Liste viel versprechender Innovationsfelder, auf denen mehr getan werden muss, ließe sich leicht weiter fortsetzenVerkehrsinfrastruktur, Telekommunikation, Informationstechnik usw. usw. 

Um Innovationsdynamik hier zu Lande zu verstärken bzw. zurückzugewinnen, müssen öffentliche Hand und private Unternehmen zusammenwirken. Dies erfordert zum einen eine spürbare Steigerung der öffentlichen Investitionen in Forschung, vor allem die Ausweitung des Forschungshaushalts auf Bundesebene, aber auch eine verbesserte Zusammenarbeit in Verbundprojekten und eine zielgerichtete staatliche Beschaffungspolitik für innovative Technologien. Darüber hinaus bieten länderübergreifende Projektzusammenarbeit – wie mit Frankreich begonnen – und europaweite Innovationsinitiativen die Chance, Ressourcen und Kompetenzen zu bündeln. 

Innovationsstärke ist nicht die einzige, aber in jedem Fall eine notwendige Voraussetzung dafür, dass Deutschland in die Weltspitze zurückkehrt. Und Innovationserfolg ist ein Schlüssel für Beschäftigungssicherung und neue Arbeitsplätze in unserem Land. Die Chancen sind da. Was wir daraus machen, liegt nicht zuletzt an dem Zusammenspiel zwischen der künftigen Bundesregierung und ihren Partnern in Wirtschaft und Forschung. 

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