Archiv: Buch-Zeichen

„Meine Idealvorstellung vom Paradies ist eine reich ausgestattete Bibliothek.“ Diese Antwort auf den berühmten Proust’schen Fragebogen stammt nicht von einem Literaten, sondern von einer glamourösen Modedesignerin. Vivienne Westwood, die jüngst zur Dame of the British Empire erhobene Mutter des Punk, findet, dass ohne Bücher im Leben nichts geht: „Lesen ist die stärkste Form der Erfahrung.“ Die perfektionistische Ex-Lehrerin, die zwei Tage lang an einer idealen Schulterpartie arbeiten kann und sich mit derselben Akribie und Leidenschaft aufs Lesen stürzt, bedauert in unserem Interview (Seite 21), dass Mann und Söhne dem Lesen so gar nichts abgewinnen können. 

Bücher bilden nicht nur, tragen nicht nur zur Kultiviertheit ihrer Leser bei. Bücher verführen, Lesen ist sexy. Die Welt der Literatur ist ein Paradies, in dem man sich verlieren kann. Und finden. Nicht umsonst sind viele Autoren heute Medienlieblinge, Literatursendungen immer gefragter und Literaturkritiker die Agents Provocateurs mit Starkult. Wie sonst wäre es möglich, dass Literaturveranstaltungen wie die lit.Cologne festivalgleich tausende anlocken? 

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Bücher sind auch für uns bei fivetonine Inspiration. Aus ihr entstand die Titel-Modestory „Lit Chic – Wenn Proust auf Prada trifft“ (Seite 112). Wir haben unsterbliche literarische Figuren wie Oscar Wildes Dorian Gray, Mark Twains Tom Sawyer und Huckleberry Finn oder Shakespeares Hamlet ins Jahr 2006 transponiert und sie mit Designerkleidung von heute ausgestattet. Denn: Kleidung verleiht den Helden und Antihelden der literarischen Welt Persönlichkeit. Behauptet Autor Christopher Schwarz. In seiner die Modestrecke begleitenden feuilletonistischen Betrachtung zeigt er auf, dass Schriftsteller schon immer Komplizen der Mode waren. Man denke nur an den Dichter Charles Baudelaire, der sich zu Lebzeiten in morbid- schwarze Anzüge kleidete und sich dazu – ganz Punk – das Haar grün färbte. Offensichtlich ein Seelenverwandter Westwoods, die ihre große Retrospektive im Düsseldorfer NRW-Forum (siehe auch Seite 158) unter den Leitsatz stellte: „Man lebt besser, wenn man imposante Kleidung trägt.“ 

Der Titel „Lit Chic“ entstand übrigens aus einem Wortspiel mit „Chick Lit“ (= chicken literature). Dieser Insider-Jargon bezeichnet eine Gattung Buch, die grob mit Zickenprosa übersetzt werden kann und die in den letzten Jahren die Bestsellerlisten eroberte. Autorinnen wie Candace Bushnell wurden zwar nicht durch ihre überragenden literarischen Leistungen berühmt, aber dafür, dass ihre Buchvorlage den Mega-Erfolg der TV-Serie „Sex and the City“ hervorbrachte. In Plum Sykes’ Erfolgsroman „Bergdorf Blondes“ geht es um die Welt des New Yorker Luxus, zumindest so, wie ihn sich eine Prinzessin von der Park Avenue vorstellt. 

Dass Luxus mindestens so viel mit Libido zu tun hat wie Lesen, sagt uns ein Experte, der jüngst zum Kulturjournalisten des Jahres gekürt wurde. Der Literaturkenner Gert Scobel, Frontmann bei 3sat-„Kulturzeit“, überrascht in seinem Essay „Erlösung im Luxus“ (Seite 132) mit der Entdeckung, dass Luxus nicht nur Arbeitsplätze schafft, sondern auch nachhaltig ist. Selbst die kritischen Wissenschaftler des Club of Rome empfehlen ausdrücklich den Konsum von Luxusartikeln. Wachstum werde in Zukunft nicht mehr über Menge, sondern vor allem über Schönheit, Geschmack und Qualität generiert. 

Schöne und anspruchsvoll gestaltete Buchcover können durchaus auch Luxus sein, wie Starautor John Updike in seiner kleinen Kulturgeschichte der Buchumschläge (Seite 84) darlegt. 

Eine Empfehlung für alle, denen die Liaison von Literatur und Mode nicht so recht einleuchten mag: Honoré de Balzacs charmante Abhandlung über „Die Kunst, eine Krawatte zu binden“. 

Herzlich 

Uschka Pittroff 

Chefredakteurin 

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