China-Messen Katzentisch de luxe

Archiv: China-Messen Katzentisch de luxe

Kleine Boxen, große Geschäfte – auf Asien-Messen treffen sich Topeinkäufer mit Massenherstellern aus Schwellenländern. 

Köln macht es, Nürnberg macht es, Frankfurt auch. Und Düsseldorf macht es gleich fünfmal. Die Rede ist von Asien-Messen, oft auch China-Messen genannt, weil bis zu 80 Prozent der Anbieter aus China kommen. Die Grundidee ist simpel: Man stelle asiatischen Massenherstellern von Konsumgütern einen garagengroßen Stand hin und locke möglichst viele Einkäufer aus dem Fach-, Einzel- und Großhandel, so genannte Bulkbuyer, sowie einige Einkäufer von Markenunternehmen in die Hallen. 

Für die Einkäufer lohnt sich der Besuch, weil sie eine große Auswahl an Produzenten auf einem Fleck finden, ohne sich um den halben Erdball zu bewegen. Und die Aussteller aus den Schwellenländern finden den Kontakt zu ihren Abnehmern, ohne sich von den Markenherstellern mit ihren schicken Ständen an die Wand gedrängt zu fühlen. Denn viele Messen haben sich von der ursprünglichen Konzeption als Orderplattform weg entwickelt und dienen heute vornehmlich als Schaufenster für die Markenpräsentation. Bei den Global-Sourcing-Messen, wie die Asien-Messen auch genannt werden, geht es dagegen vor allem um das schnelle Geschäft. 

Anzeige

Gute Geschäfte erhoffen sich auch die Messeveranstalter. Die Messen sind mit einer Flächenbelegung zwischen 2000 und 20 000 Quadratmeter zwar klein – zum Vergleich: Die größte Messe der Welt, die Cebit, kommt auf 316 000 Quadratmeter –, doch einfacher zu organisieren als Ausstellungen mit aufwendigen Ständen. Allein in diesem Jahr kommen deshalb in Deutschland drei neue Anbieter mit China-Messen neu auf den Markt. Köln will im Februar mit einer Ausstellung rund um das Thema Haus, Garten und Freizeit loslegen. Im August folgt dann Nürnberg mit einer Messe für Geschenke und Haushaltswaren. Im September startet der weltgrößte Messeveranstalter Reed Exhibitions auf dem Düsseldorfer Messegelände mit einer Schau für Elektroartikel, Haushaltswaren und Badezimmerinstallationen. Und Frankfurt startet nach einem Jahr Pause wieder mit einem neuen Asien-Konzept auf dem Offenbacher Messegelände. 

Auch im Ausland schießen die Asien-Ausstellungen aus dem Boden. Den Anfang machte die Asia Expo in London vor drei Jahren mit dem Thema Haushalts- und Geschenkwaren. Paris lanciert im Februar die Orient Expo Paris mit ähnlichem Schwerpunkt. In Moskau fand im vergangenen September erstmalig die Passage Asia statt als Nebenmesse der Ambiente Rossija, die von der Frankfurter Messe organisiert wird. Auch in Warschau soll in diesem Jahr eine Asia Expo stattfinden. Veranstalter ist wie in London der Hongkonger Ausstellungsmacher Kenfair, der auch in China und den Vereinigten Staaten Beschaffungsmessen organisiert. 

Pionier bei den Asia-Messen spielte jedoch der Messeplatz Düsseldorf. Die ersten Gehversuche startete Düsseldorf schon Anfang der Neunzigerjahre. Damals nahm die Zahl der asiatischen Aussteller, die als reine Lohnfertiger für Markenunternehmen oder Handelsmarken auf die Schuhmodemesse GDS (März und September ) drängten, derart zu, dass eine Auslagerung in eigene Hallen sinnvoll erschien. Die Markenunternehmen befürchteten, dass die Ministände der Asiaten sich nicht mit dem Flair der großen Labels vertrüge. Global Sources, International Basic nennt sich die Einkäufermesse in der Messe. 

Zwölf Jahre später folgte die größte Modemesse der Welt, die Düsseldorfer CPD (Januar und Juli), dem Beispiel und bot den Kleinausstellern eigene Hallen auf dem gleichen Messegelände unter der Firmierung Global Fashion. Bis dahin waren die Kleinaussteller nur in eigenen Blöcken zusammengefasst worden. 

Für die Düsseldorfer hat sich der Versuch gelohnt. Sowohl die Global Sources der Schuhmesse wie auch die Global Fashion der Modemesse entwickelten sich deutlich besser als die jeweilige Muttermesse. So vergrößerte sich die Global Fashion innerhalb von drei Messeterminen von 2000 Quadratmetern auf 5700 Quadratmeter, während die vermietete Fläche der a Muttermesse CPD im gleichen Zeitraum um rund 20 Prozent zurückging. Die Global Sources in der Schuhmesse legte in den vergangenen zehn Jahren sogar um 300 Prozent zu. „Das ist ein Geschäftsmodell, das funktioniert“, sagt Frank Hartmann von der Messe Düsseldorf. 

Stimmt. Doch dienen alle Asia-Messen auch als Verdrängungsbecken für die teilweise ungeliebten Asiaten. Vielen großen Marken ist die sprunghafte Zunahme von asiatischen, vor allem chinesischen Ausstellern ein Dorn im Auge. Dabei ging es nicht nur um den möglichen Imageverlust durch die Nachbarschaft der bescheidenen Stände aus dem Fernen und Mittleren Osten mit ihren Massenprodukten. „Die Markenhersteller stört es, wenn in unmittelbarer Nachbarschaft ein Hersteller aus China ein ähnliches Produkt oder gar eine gering-fügig veränderte Kopie für die Hälfte des Preises anbietet“, sagt der Chef einer großen deutschen Messegesellschaft. Die Bosse der großen Labels machten in den Ausstellungsbeiräten Druck; die Messezaren mussten handeln und hoben die neuen Asien-Messen aus der Taufe. 

Andererseits wollten die deutschen Messemanager nicht in den gleichen Fehler verfallen wie viele Messegesellschaften in anderen europäischen Ländern, wo über Jahre auf etlichen Messen der Anteil der Ausländer limitiert wurde, um die internationale Konkurrenz vor der Tür zu halten – mit der Folge, dass diese Ausstellungen wegen mangelnder Internationalität als belanglos gelten. Als mögliche Lösung boten sich nur getrennte Veranstaltungen an, sei es auf dem gleichen Gelände zur gleichen Zeit wie auf den Modemessen in Düsseldorf, in der Nähe, so wie es die Messe Frankfurt in Offenbach mit der Asianliving macht, oder zu einem anderen Datum als die korrespondierenden Messeveranstaltungen wie im Fall der Kölner Asia-Pacific Sourcing und der Nürnberger Asia Styles. 

Zum Erstaunen der Messemacher hielt sich der Protest der Asiaten gegen die Aussperrung in Grenzen. Die Massenhersteller empfinden ihre Platzierung auf einer eigenen Messe nicht als Verbannung an den Katzentisch. Im Gegenteil: Die Massenhallen mit den garagengroßen Ständen erinnerten die Asiaten an die zweimal jährlich stattfindende Kanton-Messe, die von den Veranstaltern der neuen Ausstellungen inzwischen als Mutter aller europäischen Asien-Messen gesehen wird. „Die Einkäufer der großen Kaufhäuser kommen hier gezielt hin und haben das Angebot der asiatischen Hersteller geballt an einem Platz“, sagt Virachai Vongbunsin, Exportchef des thailändischen Schuhherstellers M.S. Lion – AAA Plus, der schon zum fünften Mal auf der Düsseldorfer Schuhmesse GDS ausstellt. „Hier sind wir unter uns, und das beschleunigt die Geschäfte.“ 

Die grosse Show liegt nicht im Interesse der Asiaten. „Die meisten Anbieter aus China, Vietnam, Thailand oder Indien sind noch reine Lohnfertiger, hinter denen keine Marke steckt“, sagt Hartmann, „deshalb lohnt sich für viele keine aufwendige Repräsentation.“ 

Entsprechend nüchtern sind die Stände auf den meisten Asien-Messen gestaltet: rund drei Meter breit, vier Meter tief, drei Stühle ein kleiner runder Tisch, ein paar Produkte, Prospekthalter. Box an Box reihen sich die Stände wie Garagen einer Sozialsiedlung aus den Sechzigerjahren aneinander. Nur wenige Stände sind größer als 30 Quadratmeter. Ein paar Glanzlichter genügen, um das Einerlei der Kleinstände aufzulockern. Die Asiaten bringen damit die europäische Messe wieder auf ihre Ursprünge zurück: In den Anfängen im Mittelalter waren die Stände auch nicht mehr als aufgeklappte Tische. 

Der Rekurs auf den Kern des Messegeschäfts hat einen weiteren Vorteil. Viele kleine Hersteller haben weder das Geld noch hinreichend Landeskenntnisse, um einen großartigen Messeauftritt im fernen Europa zu organisieren. Die gewollte Einfachheit macht es den Veranstaltern leicht, Pauschalangebote anzubieten. „Das sind komplette Pakete“, sagt Oliver Kuhrt, Geschäftsführer Marketing bei der Koelnmesse, „inklusive Standbau, Transport und Hotelunterbringung.“ Auch Dolmetscher werden auf Wunsch bereitgestellt. In Offenbach auf der Asianliving setzt die Frankfurter Messe sogar drei Spezialcaterer ein, die asiatische Gerichte anbieten, weil erfahrungsgemäß etliche Aussteller aus der tiefsten Provinz kommen und folglich noch nie nähere Berührung mit der europäischen Küche hatten. 

Für die Einkäufer haben die neuen Primitivmessen den Vorteil, dass sie sich den Flug zur Kanton-Messe sparen können. „Die Einkäufer der Großhandelsformen sowie die europäische Industrie können das Angebot der Lieferanten aus den asiatischen und anderen produktionsstarken Ländern nicht mehr ignorieren“, sagt Gerald Böse, Geschäftsführer beim Düsseldorfer Modemesseveranstalter Igedo, unter dessen Ägide auch die Global Fashion läuft. Etwa ein Drittel aller Konsumprodukte aus dem Nonfoodbereich stammen inzwischen aus den asiatischen Ländern – vor allemaus China. Die Kanton-Messe war deshalb in den vergangenen Jahren ein Muss. Heute wissen die Beschaffer, dass dort vielfach die Zwischenhändler die Fertigungsunter-nehmen als Aussteller verdrängt haben und die Qualität vieler Produkte zu wünschen übrig lässt. 

Das wollen die Deutschen auf ihren Messen verhindern. „Unsere Aussteller sind handverlesen“, sagt Axel Bartkus, Leiter Asien Pazifik bei Nürnberg Global Fairs und Projektleiter für die Asia Styles. Die Anbieter müssen nicht nur hohe Qualität gewährleisten, sie müssen auch garantieren, dass sie pünktlich liefern. 

Ob alle Asien-Ausstellungen, die zurzeit auf den Messemarkt kommen, ein Erfolg werden, ist allerdings fraglich. Zu viele Messekapitäne setzen auf den neuen Trend. Und nicht alle Veranstalter haben das nötige Netzwerk in den asiatischen Ländern, um genügend Aussteller nach Deutschland zu bringen. Essen musste bereits die AsiaWorld absagen, Frankfurt ein Jahr aussetzen, weil die chinesischen Behörden nicht mitspielten. 

Aber auch die richtige Besuchermischung stellt sich nicht von alleine ein. So schaffte die Asia Expo in London nicht wie ursprünglich erhofft, den Durchbruch zur großen europäischen Asien-Messe, sondern blieb auf der Besucherseite stark von britischen Einkäufern geprägt. 

Die meisten Veranstalter der neuen Messen wollen dennoch auf jeden Fall einige Zeit durchhalten. Nürnbergs Asien-Manager Bartkus sieht dem Abenteuer mit Gelassenheit entgegen: „No risk, no fun.“ 

Lothar schnitzler 

Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%