Archiv: Chip im Ball

Ein Ortungssystem von Cairos, das stets exakt die Position von Produkten und Sportgeräten kennt, revolutioniert Fußball und Logistik. 

War der Ball drin oder nicht? Wenn in Deutschland im Juni die Fußballweltmeisterschaft beginnt, soll es darüber keinen Streit mehr geben. Wie 1966 beim legendären Finale im Londoner Wembley-Stadion zwischen England und Deutschland, als Geoff Hurst den Ball in der 101. Minute beim Stand von 2:2 aus kurzer Entfernung unter die Latte des deutschen Tors knallte. Der Ball prallte auf den Boden, bevor ihn Deutschlands Vorstopper Wolfgang Weber ins Aus köpfte. 

Bis heute sind Deutschlands Fans und Spieler überzeugt, dass der Ball nicht in vollem Umfang hinter der Torlinie aufsprang. „Es war kein Tor“, beharrt Fußballidol Uwe Seeler, Kapitän der damaligen Elf. Extreme Zeitlupen, immer wieder gezeigt und diskutiert, geben ihm anscheinend Recht. Der Schweizer Unparteiische Gottfried Dienst und der sowjetische Linienrichter sahen es anders. Sie entschieden bekanntlich auf Tor, der Titel ging an England. 

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Das Schiedsrichtergespann musste sich auf seine Augen verlassen. Mit dem System von Cairos Technologies aus Karlsbad, das den diesjährigen Innovationspreis der Deutschen Wirtschaft in der Kategorie „Startup“ erhält, würde eine raffinierte Technik den Unparteiischen die Entscheidung abnehmen. Im Ball steckt ein Minisender, nicht größer als eine Zehn-Cent-Münze, der bis zu 2000-mal pro Sekunde Signale funkt. Antennen rund um das Spielfeld fangen sie auf und leiten sie via Glasfaserkabel an einen zentralen Rechner weiter, der daraus die Position des Balls errechnet – in Bruchteilen einer Sekunde und auf den Zentimeter genau. 

Die Messung ist selbst dann noch korrekt, wenn die Lederkugel mit 140 Kilometern in der Stunde fliegt. Die Geschwindigkeit schaffen selbst Spieler mit einem besonders strammen Schuss wie der brasilianische Nationalkicker und Real-Madrid-Star Roberto Carlos nur höchst selten. Hat der Ball die Torlinie überschritten, sieht der Schiedsrichter das auf einer Armbanduhr, zusätzlich erklingt ein Piepton. „Die Technik lässt sich nicht täuschen“, versichert Cairos-Vorstandschef Hartmut Braun. 

Ein erster Härtetest während der Weltmeisterschaft für Jugendkicker unter 17 Jahren in Peru im vergangenen Oktober bestätigte das. Das System zeigte alle 111 Treffer korrekt an. Allerdings piepte es mitunter auch, wenn der Ball am Tor vorbeiflog. „Die Ergebnisse waren nicht schlecht, aber auch nicht voll überzeugend“, resümiert Sepp Blatter, Chef des Weltfußballverbands Fifa. Entwicklungschef Marcus Bliesze kennt inzwischen den Grund für den Fehlalarm: Wenn sich Spielertrauben um den Ball bildeten, kamen die Signale nicht immer sauber bei der Empfangseinheit an. Mit Forschern des Erlanger Fraunhofer-Instituts für Integrierte Schaltungen (IIS), die das Grundsystem entwickelt haben, arbeiten die Karlsbader mit Hochdruck an einer automatischen Korrektur der Signale. Bis Mitte Februar soll alles perfekt sein. Dann wird die Fifa die Technik noch einmal auf Herz und Nieren prüfen, bevor sie Anfang März endgültig über den Einsatz des Chipballs bei der WM in Deutschland entscheidet. Braun gibt sich optimistisch: „Ich sehe gute Chancen für uns.“ Der Einbau des Senders in die WM-Bälle wäre das geringste Problem. Denn Cairos kooperiert bei dem Projekt eng mit Adidas, dem Lieferanten des WM-Balls. » 

Sollte ihr Traum am Ende doch noch platzen – die Badener würden es verschmerzen. Denn der Wirbel um den Chipball hat die Industrie auf ihr funkbasiertes Ortungssystem aufmerksam gemacht. Es erfasst wie kein zweites in begrenzten Umgebungen hochgenau den Standort von Objekten, die mit dem Sender ausgerüstet sind. Das können praktisch beliebig viele sein. Zudem ist es relativ preiswert. Cairos gibt den Preis für eine Antenneneinheit im Fußballstadion mit rund 30 000 Euro an. Mindestens vier Antennen sind für die räumliche Erfassung erforderlich. 

Rund 15 Projekte mit der neuartigen Ortungstechnik befinden sich laut Vorstandsmitglied Christian Holzer, ein ehemaliger Fußballprofi des TSV 1860 München, derzeit in der Erprobung: 

Eine Hafengesellschaft entlädt mit ihrer Hilfe vollautomatisch Kohle- und Erzfrachter. Bisher schon erkannten 3-D-Scanner, wo die Ladung liegt. Ein Kranführer musste jedoch die Schaufel steuern. Jetzt meldet ein Cairos-Sender ihre Positionsdaten an das Entladesystem. „Das klappt reibungslos“, berichtet Holzer. 

Ein Logistikdienstleister nutzt sie, um den Zustand eingehender Waren in seinem Lager per Videoaufzeichnung zu dokumentieren. Im Handscanner, mit dem die Lageristen die Warenkodes in den Computer einlesen, steckt ein Cairos-Chip. Seine Signale steuern Kameras an der Decke in Richtung der Produkte. 

Osteuropäische Sicherheitskräfte orten damit den Aufenthaltsort von Personen in Gebäuden. Entdecken Kameras jemanden, der nicht mit dem Sender ausgerüstet ist, schlägt ein Überwachungssystem sofort Alarm. 

Ein Autohersteller lenkt mit ihr während vielstündiger Erprobungsfahrten neue Fahrzeugmodelle fahrerlos durch Kurven und Schikanen seines Testgeländes. 

Weil die Projekte noch laufen, möchte keines der Unternehmen seinen Namen schon preisgeben. Holzer ist jedoch zuversichtlich, dass Aufträge bereits in diesem Jahr „mehrstellige Millionenbeträge“ in die Firmenkasse spülen. Er sieht viele weitere Einsatzmöglichkeiten – von der Lokalisierung von Gepäckstücken auf Flughäfen über die automatische Steuerung von Gabelstaplern bis zum Diebstahlschutz. „Das Potenzial lässt sich noch gar nicht überblicken“, sagt Holzer. In der nächsten Ausbaustufe ist die Koppelung mit dem Satellitennavigationssystem GPS vorgesehen. Dann, so Holzer, funktioniere die Ortung räumlich nahezu unbegrenzt. 

Im Sport würden die Karlsbader ihren Chip, erweitert um Druck- und Beschleunigungssensoren, zusätzlich gerne in einem der Schienbeinschoner jedes Spielers platzieren. Er lieferte Daten, aus denen sich zum Beispiel die Laufwege der Spieler, ihre Schuss- und Sprungkraft sowie ihre Schnelligkeit errechnen ließen. Holzer würde das Material über die Münchner Cairos-Tochter IMP, Betreiberin der offiziellen Bundesligadatenbank, gerne an TV-Sender verkaufen, die daraus Statistiken für die Zuschauer erstellen könnten. Trainer könnten die Daten zur Spielanalyse und für individuelle Trainingspläne nutzen. Fans Spiele via Internet virtuell nachspielen. 

Schon für das kommende Jahr planen die 14 Gesellschafter laut Vorstandschef Braun den Gang an die Börse. „Da holen wir uns das Kapital, um unser Wachstum zu finanzieren“, sagt er selbstbewusst. 

dieter.duerand@wiwo.de 

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